Ausgabe: 01 / 2010
Seite: 68-73

Architekt der guten Gefühle

Von Till Briegleb

Wie riesige Gewächse erobern die Holzskulpturen von Arne Quinze die Städte. Der 38-jährige belgische Designer möchte mit seinen bunten Spektakeln die Welt verbessern - zumindest ein bisschen

Dies ist mein Gehirn", sagt Arne Quinze stolz. Er steht vor einer großen Vitrine, die gefüllt ist mit einem Gewirr kleiner Hölzchen, bemalt mit roter Leuchtfarbe. Nicht, dass man mit Herrn Quinze tauschen möchte, aber dieser schrillfarbige kubische Stäbchenverhau scheint doch Ausdruck eines beneidenswert großen Selbstbewusstseins zu sein. Als "kontrolliertes Chaos" symbolisiert es für den belgischen Künstler sein Denken, sein Leben, sein Glück. Wenn er über seine Geschichte und seine Arbeit spricht, dann taucht das Bild stets auf: "Ich bin widersprüchlich:

Chaos und Struktur, das bin ich." Wobei Quinzes Weg doch mehr vom Instabilen zum Soliden führt. Als Kind lebte er in einer familiär so unerfreulichen Situation, dass er mit 15 Jahren von zu Hause weg lief und sechs Monate auf der Straße lebte. Schließlich schloss er sich einer Brüssler Motorrad-Gang an, wurde ein gesuchter Graffiti-Sprayer, strich zum Broterwerb und weil er mit 20 das erste Mal Vater wurde ein paar Jahre lang Zimmerwände an, bevor er die eine mit der anderen Farbarbeit zum Entschluss verschmolz, Künstler zu werden.

Heute ist Quinze Chef eines mittelständischen Unternehmens mit rund 90 Mitarbeitern in der belgischen Kleinstadt Kortrijk, entwirft Häuser, Objekte und stadträumliche Strukturen, reist 200 Tage im Jahr durch die Welt und ist Dank seiner Heirat mit Barbara Becker, der Ex-Frau von Boris, regelmäßig Gegenstand der Yellow Press. Maßgeblich verantwortlich für diesen Erfolg sind zwei Arbeiten Quinzes, die seinen Dualismus von Struktur und Chaos perfekt illustrieren: ein schlichter Würfel aus Schaumstoff, mit dem ihm 1999 ein Überraschungscoup in der Designwelt gelang, sowie seine gigantischen wolkenartigen Konstruktionen aus Holzlatten. Beide sind schon länger in ein wohlstrukturiertes Geschäft übergegangen.

Aus dem Schaumstoffpuff, den es in allen möglichen poppigen Farben gibt, hat sich die bunte Möbeldesign-Linie "Quinze & Milan" entwickelt, die ohne Arne Quinzes weiteres Zutun den größten Teil seiner Angestellten beschäftigt. Und die aufwändigen, monochrom leuchtenden Holzkonstruktionen sind längst ein Renner bei den Strategen von Stadt- und Produktmarketing. Ob für eine Ladeneröffnung von Louis Vuitton in München, zur symbolischen Verbindung von flämischem Repräsentantenhaus und Parlament in Brüssel oder anlässlich der Art Basel Miami Beach, Quinzes Team lässt die bunten Latten in Fußgängerzonen, durch Galerien, Messen, Shops und über Häuser wachsen, abwechselnd in gewebeartiger Struktur oder als bis zu 15 Meter hohe "Stilt Houses", Stelzenhäuser.

Dass Quinzes Kunst ein globaler Erfolg zwischen Beverly Hills und Beirut wurde, beruht vor allem darauf, dass sie in ihrer spektakulären Größe, Form und Farbigkeit direkt verständlich ist. Seine Strukturen provozieren einen Wow-Effekt, geben Orten einen neuen, absurden Charakter, ziehen Neugierige an, liefern Gesprächsstoff und machen Spaß. Sie sind pure Ereigniskunst, also weder intellektuell verrätselt noch überladen mit Bedeutung und Bezügen. Sie sind so klar und aufrichtig wie der Typ, der sie erfunden hat, und von beiden prallen skeptische Nachfragen oder kunsthistorische Referenzsuche ab wie alberne Sophistereien.

"Ich habe nicht studiert", sagt Quinze mehrmals während des Gesprächs in der ehemaligen 10 000 Quadratmeter großen Teppichfabrik, die heute Ausstellungshalle, Möbelmanufaktur und Entwurfswerkstatt vom "Studio Arne Quinze" beherbergt. Seine Kunst erklärt er statt dessen als "100 Prozent Freiheit plus Instinkt gleich pure Emotion".

In dieser Energieformel haben Nachdenklichkeit und komplexere Fragestellungen natürlich keinen Platzhalter.

Will man dem Easy Rider Quinze seine mangelnde Reflektiertheit aber nicht vorwerfen, sondern herausfinden, warum Menschen in aller Welt so zustimmend auf seine Auftritte reagieren, so muss man die Naivität ernst nehmen, mit der er eine energisch "positive Kunst" zu machen versucht. Der Rocker a. D., der mit seinen Tattoos und dem modisch gestutzten Backenbart auch in Designer- Klamotten und mit großer IWC-Uhr noch aussieht wie der kleine Bruder von Motörhead-Sänger "Lemmy", kommt mit geradezu messianischem Eifer immer wieder auf "das Positive" zu sprechen. Ausgehend von einer etwas stereotypen Antihaltung zur modernen Gesellschaft, in der laut Quinze die Menschen nur noch in anonymen Boxen leben, nicht mehr miteinander kommunizieren und unfähig zum Träumen wurden, wo die Städte grau und lebensfeindlich sind und wir "die wirklichen Dinge des Lebens verlieren und mehr und mehr werden wie Tiere", will Quinze "das Leben wieder schön machen". Und diese Absicht wird offensichtlich nicht nur von Passanten verstanden, die im Stadtraum zufällig auf seine hölzernen "Tempel ohne Götter" (Quinze) stoßen.

Denn mittlerweile ist Arne Quinze vom Möbel- über das Kunst- zum Haus- und Stadtdesign fortgeschritten. Obwohl er sein Architekturbüro in Kortrijk erst vor drei Jahren gegründet hat und keinerlei Ausbildung in dem Metier besitzt, soll er jetzt bereits das höchste Haus Brüssels und ein Hotel in Curaçao bauen, eine Stadtlandschaft an der Berliner Gedächtniskirche planen sowie zahlreiche Privathäuser errichten.

"Ich will eine Stadt der guten Gefühle bauen", sagt Quinze selbstbewusst, und dafür hat er auch einen radikalen Stadtentwicklungsplan für die belgische Hauptstadt entworfen, der primär aus drei Komponenten besteht. Brüssel soll nahezu autofrei werden, dafür soll die Natur überall dort Einzug erhalten, wo jetzt der PKW fährt und steht, und außerdem möchte Quinze mit Kunst den Stadtraum verschönern und die Menschen miteinander ins Gespräch bringen.

Man muss Brüssel nicht kennen, um zu wissen, dass solche radikalen Visionen dort wie auch nirgends sonst in Europa eine Chance haben - und wer Arne Quinzes negative Gegenwartsbetrachtung nicht teilt, wird auch froh darüber sein, dass der europäischen Stadt die Verwandlung in eine Gartenidylle erspart bleibt.

Aber der große Erfolg des Autodidakten bei privaten wie öffentlichen Bauherren zeugt zumindest von einer echten Attraktion der "menschlichen" Vision, die Arne Quinze so vehement vorträgt. Obwohl seine Entwürfe sich letztlich doch nur als gute Quersumme heutiger Architekturmoden darstellen, scheint Quinzes hippiesker Traum einer Welt voll Schönheit und Respekt einen neuralgischen Punkt zu treffen. Sein professionelles Freaksein könnte ein Anzeichen dafür sein, dass es doch noch zahlreiche Bereiche in unserer Gesellschaft gibt, die etwas Berührung mit ihren Gegensätzen gut vertragen: zum Beispiel die geschäftsmäßige Seriosität eines Kunstdienstleisters mit den Freiheitsidealen des Selfmademan aus dem Biker-Milieu, der Familie auf dem Sozius gelernt hat.

Arne Quinze jedenfalls kennt keinerlei Berührungsängste. Vor allem nicht, was klassische Widersprüche betrifft. Dass ein Künstler, der für sich in Anspruch nimmt, "rebellische" und "widerständige Kunst" zu machen, durch Auftragsarbeiten für den Luxus-Kitsch-Hersteller Swarovski in seiner Glaubwürdigkeit kompromittiert werden könnte, versteht er nicht. Arne Quinze denkt da lieber amerikanisch libertär. Wenn er die Leute mag und sie ihn machen lassen, was er will, sind Widersprüche in den Absichten kein Hinderungsgrund für seine Kunststrukturen. Den Unterschied von freier oder Marketing-Kunst hält er für ein künstliches Problem, solange es ihn in seiner persönlichen Freiheit nicht beschränkt.

Was Arne Quinzes sympathische bis kindliche Begeisterung für den familiären Weltgedanken aber dann doch immer wieder interessant macht, ist dieses Beharren auf dem menschlichen Glück. Seine Kraft und Energie führt zu einer Art moderner Volkskunst, die abseits komplizierter Diskurse die einfache Welt zum Schönen hin verändern möchte. Der alte Traum der Blumenkinder wird hier kapitalistische Realität.

Und das ist doch ein künstlerisches Experiment, dessen Befreiung aus der Vitrine durchaus Neugier verdient.

Kasten:

Literatur: Arne Quinze: Arne Quinze Works, Die Gestalten Verlag, 2008, in Englisch.

Internet: www.arnequinze.tv

Bildunterschrift:

2006 baute Quinze diese Skulptur in der Wüste von Nevada, als Teil des Festivals "Burning Man"

In Mailand inszenierte Quinze 2007 eine Großinstallation mit Kristallketten für den Luxushersteller Swarovski, Titel: "Dreamsaver"

Die Skulptur "Controlled Chaos" (2009)

Politische Symbolik in Brüssel: Quinzes Arbeit "The Sequence" verbindet seit November 2008 das flämische Parlament mit dem Repräsentantenhaus

Arne Quinzes Kunstformel lautet: "100 Prozent Freiheit plus Instinkt gleich pure Emotion" - Komplexeres hat da keinen Raum

Die 18 Meter hohe Skulptur "Cityscape" war von September 2007 bis Februar 2009 im Quartier Louise in Brüssel zu sehen

Architekturskizze für ein geplantes Projekt in Brüssel, das Hochhaus "Belair"

Seit Quinze mit Barbara Becker liiert ist, gehört er zur Promiwelt - hier zeigt sich das Paar vor der Skulptur "The Traveller" in München, November 2008

Den Unterschied von freier oder Marketingkunst hält Quinze für ein künstliches Problem - solange es ihn in seiner persönlichen Freiheit nicht beschränkt