Ausgabe: 01 / 2010
Seite: 102
Eine instabile Werkschau
Von Kerstin Schweighfer
VORSCHAU Die Kuratorin der Retrospektive des kubanischen Künstlers Félix González-Torres (1957 bis 1996) geht ungewöhnliche Wege
Félix González-Torres Wiels, Brüssel, 16.1-25.4.2010
KERSTIN SCHWEIGHÖFERKann man einen Künstler, der Autoritäten grundsätzlich in Frage und Konventionen auf den Kopf stellte, mit einer ganz normalen Retrospektive würdigen?
"Indem man auch die Autorität Retrospektive in Frage stellt", lautet die Antwort von Elena Filipovic. Die 37-jährige Kuratorin hat für das Brüssler Zentrum für zeitgenössische Kunst Wiels eine Rückschau mit Arbeiten des kubanischen Künstlers Félix González-Torres konzipiert, die von Mai bis August 2010 auch in der Fondation Beyeler in Basel zu sehen sein wird und 2011 im Museum Moderner Kunst in Frankfurt.
Der kubanische Künstler, der 1996 mit 38 Jahren in Miami an Aids starb, ist mit Posterstapeln, Installationen aus Lichterketten und Bonbonhaufen berühmt geworden, die eines der größten musealen Tabus brechen: Der Besucher darf sie nicht nur anfassen, sondern auch neu anordnen, Teile mitnehmen oder aufessen. Damit wollte González-Torres nicht nur für eine demokratische Verteilung von Kunst sorgen, er sprengte auch respektlos die minimalistische Formensprache, derer er sich bediente:
Mit der Zahl der Besucher, die beherzt zugreifen, schmelzen sowohl die streng geometrisch angeordneten Posterstapel als auch die Bonbonhaufen, die entweder fein säuberlich wie ein Teppich auf dem Boden angeordnet oder als Schubkarrenladung in eine Ecke geschüttet werden. Daneben fertigte González-Torres Textcollagen an, in denen er sich kritisch mit gesellschaftlichen Tabuthemen wie Aids oder Homophobie auseinander setzte.
Eine klassische Werkschau, die auf Reisen geht, kam für Kuratorin Filipovic deshalb nicht in Frage: Sie wollte das Prinzip der Instabilität auf die Institution Retrospektive übertragen. Deshalb konzipierte sie drei Ausstellungen, die sich zwar ergänzen und auch überschneiden - aber jede ist in sich abgeschlossen - mit einem eigenen Schwerpunkt:
In Brüssel liegt er auf der Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit der Arbeiten, in Basel auf der Wirkung von Farben und Licht, in Frankfurt auf der politischen Aussage.
Gleichzeitig setzt Filipovic drei junge Künstler (Tino Sehgal, Carol Bove, Danh Vo), die in ihrem Werk von González-Torres beeinflusst werden, als Co-Kuratoren ein: Nach eineinhalb Monaten, sozusagen dem Halbzeitpfiff, werden sie aktiv, dürfen neue Arbeiten von González-Torres hinzufügen, alte wegnehmen oder in einem neuen Kontext zeigen.
Bildunterschrift:
Installation ohne Titel (Golden) aus dem Jahr 1995, Glasperlen auf Schnüre gezogen
