Ausgabe: 01 / 2010
Seite: 103
Runde Sache
Von Mirja Rosenau
VORSCHAU Große Werkschau des Mexikaners im Museum of Modern Art
Gabriel Orozco MoMA, New York, 13.12. - 1.3.2010
Andere Leute züchten in ihren Gärten Kürbisse. Hinter Gabriel Orozcos Haus wachsen Fußballskulpturen heran: Von Zeit zu Zeit, so wird berichtet, holt er sie rein und schneidet kreisrunde Scheiben aus ihrer verwitternden Lederhaut heraus.
Mit Kreisen, Kugeln oder kreisrunden Löchern arbeitet der mexikanische Künstler nun seit bald 20 Jahren. 1991 verteilte er auf den leeren Tischen eines Marktplatzes systematisch Orangen; mit Gartenschläuchen legte er Kreise in Gärten ein. Dem Schachspiel entlehnte er eine Methode, nach der er Sportlerfotos, Banknoten und Bahnfahrkarten mit einem Raster elliptischer Formen über zog. So kommt nicht nur ein Bewegungsprinzip - die Zugregel der Springer: zwei längs, eins quer - in der Statik der Form zum Erliegen. Orozco stellt auch eine für das Auge frappierend neue formale Gewichtung vermeintlich vertrauter Ansichten her.
Von seinem Faible fürs Runde einmal abgesehen, präsentiert sich Orozco ansonsten in aus gewählter stilistischer Sprunghaftigkeit: geknautschte Töpferschalen hat er ebenso im Programm wie ein um ein Drittel verschmälertes Auto, die wohl bekannteste Arbeit des 1962 im mexikanischen Jalapa geborenen Künstlers, den das MoMA nun mit einer 100 Werke umfassenden Retrospektive ehrt (weitere Stationen: Kunstmuseum Basel, 18.4.-10.8.; Centre Pompidou Paris; Tate Modern London. Katalog: ab April, Hatje Cantz Verlag, 49,80 Euro).
Programmatisch passen sich seine Arbeiten den vorgefundenen Gegenständen und Räumen seines Interesses an.
Schon früh verlegte er sich dazu auf das Medium der Installationen. "Und was ist das?", fragt in einem Comic, den der Künstlerfreund Damián Ortega einmal für ihn gestaltet hat, eine alte Eule. "Eine Installation", erhält sie zur Antwort, "ist ein Kunstwerk, das für einen bestimmten Ort gemacht ist, dessen besondere Gegebenheiten es aufnimmt. Historische, formale, topografische Kennzeichen usw., aus denen man dann ein zusammenhängendes Ganzes macht." Das klingt doch nach einer runden Sache.
Bildunterschrift:
Für "The Atomist: Making Strides" übermalte Orozco 1996 ein Sportlerfoto aus einer britischen Zeitung
