Ausgabe: 01 / 2010
Seite: 8-20

Studio

Von

In Violett-, Rot- und Orangetönen schwingen sich fünf Stahlbänder um einen Museumsbau, der ein wenig an das New Yorker Guggenheim erinnert.

Doch dieses Gebäude steht in der israelischen Stadt Holon, nahe Tel Aviv. Nach vier Jahren Bauzeit soll hier das "Design Museum Holon" Ende Januar eröffnen. Der israelischbritische Architekt Ron Arad hat den 3700 Quadratmeter großen Komplex entworfen. In zwei Galerien sollen nun Kuratoren internationale Design- Objekte und eine Sammlung aus Israel ausstellen: Poster, Verpackungen, Typographien, Keramiken, Architektur- Modelle. Das Museum will zu einer der führenden Design-Institutionen aufsteigen und israelische Gestalter auf Weltrang heben.

SCHNELLDEUTUNG Immer wieder hat Barock-Großmeister Peter Paul Rubens (1577-1640) die Bilder berühmter Kollegen kopiert. Mirjam Neumeister, Kuratorin der Schau "Rubens im Wettstreit mit Alten Meistern" in der Alten Pinakothek in München (bis 7.

Februar), erklärt, warum: "Die Kopie gehörte damals zum Grundkanon der Künstlerausbildung, Rubens allerdings entwickelte sie zu einer eigenen Ausdrucksform. An ,Adam und Eva' sieht man das besonders gut, er kopiert Tizians Werk nicht eins zu eins, sondern setzt eigene Akzente. Das beginnt schon bei der Lebendigkeit, mit der er den Hautton gestaltet. Da Rubens sich als Historienmaler verstand, der Geschichten erzählt, betonte er besonders Emotionen und Affekte. Der Sündenfall wird hier nicht als biblisches Ereignis geschildert, sondern als menschliches Drama. Besonders gut zeigt das die Haltung Adams. Bei Tizian weicht er vor Eva zurück, seine Körperhaltung vermittelt, dass er damit nichts zu tun haben will. Rubens setzt die beiden in Beziehung: Adam beugt sich vor, nimmt Anteil. Außerdem verändert Rubens den Blick der Schlange. Bei Tizian blickt das Zwitterwesen aus Schlange und Kind Adam an, als wolle es sagen: ‚Mach mit!' Rubens verschiebt den Akzent. Das Wesen blickt Eva an, die der Sünde schon verfallen ist. Rubens verändert außerdem das Laubwerk. Bei Tizian haben beide Figuren Blätter vor der Scham, beide befinden sich also im Stadium der Schuld.

Rubens differenziert: Adam trägt kein Blatt, ist also noch im Stadium der Unschuld. Ein von Rubens gesetztes Element, das es bei Tizian nicht gibt, ist der Papagei - das einzige Tier, das die menschliche Stimme nachahmt. Er ist ein Symbol für Adams Überzeugungsversuch und die Vergeblichkeit seiner Worte. Rubens hat im Vergleich zu Tizian mehr wert auf die Präzisierung und die Veranschaulichung von Affekten legt. Bei ihm liegt der Fokus nicht auf der Bibelszene, sondern auf dem Konflikt zwischen zwei Menschen." (Katalog: Hatje Cantz Verlag, 39,90 Euro)

Wer hat denn hier mit Farbe geschmiert? Doch im Treppenhaus der neuen Johnen Galerie in Berlin ist kein Sachschaden entstanden, sondern ein Kunstwerk. Der Urheber: der Pole Robert Kusmirowski, bekannt als "der Fälscher von Lublin". Sein Spezialgebiet: täuschend echt wirkende Nachbildungen geschichtlicher Orte. Den Jahresauftakt in den Ausstellungsräumen gibt von 9. Januar 2010 an die dreiteilige Ausstellung "Conversation Pieces: A Chamber Play" mit Arbeiten von 18 Künstlern.

Ablehnung ist eine existentielle Erfahrung. Die in New York lebende Künstlerin Gina Dawson transformiert den Schmerz zu Kunst: Sie stickt Absagebriefe von Galerien und Museen 1:1 nach und fertigt für besonders grausame Zeilen skulpturale Trauerkränze. Dabei fasziniert sie besonders das aseptische Wortgewand, in das die vernichtenden Nachrichten oftmals verpackt sind.

Mehr Infos: http://gldawson.blogspot.com/

Nur von einem einzigen Punkt aus kann man die Silberkreise auf den Häusern des Schweizer Bergdorfs Vercorin im Ganzen sehen. Aus jeder anderen Perspektive zerfallen sie in Fragmente. Der in Paris lebende Schweizer Felice Varini bringt geometrische Formen mit Hilfe von Projektoren und Schablonen auf architektonische Untergründe wie Skylines, Innenhöfe oder Korridore auf - Bedingung:

Die urbane Leinwand muss auf mehrere Ebenen verteilt sein. Den 57-jährigen Varini fasziniert die ungeheure Wucht, die solch simple geometrische Effekte entwickeln können. Infos: www.varini.org

PRODUKTKRITIK Es war einmal ein junger Londoner Designer und Architekt namens Julian Hakes. Eines Tages brach er auf zum Meer. Im feuchten Sand fand er frische Fußabdrücke.

Er ließ sich nieder und betrachtete sie. Da traf ihn ein Geistesblitz: Zwischen der Vertiefung von Hacke und Ballen war ... nichts! Nach seiner Rückkehr in die Stadt machte er sich daran, einen Schuh zu erfinden, so leicht wie ein seidenes Band und so geschwungen wie eine Zitrusschale. Als er sah, dass sein Entwurf gut war, benannte er ihn nach einem Rumcocktail mit Limette und Minze: "Mojito".

Termine, Termine, Termine: Zahnarzt, Theater, Kindergeburtstag, Elternsprechtag! Man schreibt sie auf Zettel, tippt sie in den Computer oder lässt sich vom Handy daran erinnern. In jedem Jahrzehnt, so scheint es, ist eine andere Gedächtnisstütze in Mode. Wir haben die Highlights der Alltagsorganisation von den fünfziger Jahren bis heute recherchiert und festgestellt, dass auch auf diesem Gebiet der Fortschritt der Technik unaufhaltsam ist. Was genau dazu führte, dass in den Neunzigern plötzlich alle einen Filofax mit sich herumschleppten, lässt sich nicht sagen. Zum Haushaltsbuch- Boom in den Fünfzigern dürfte es hingegen gekommen sein, weil es schlichtweg damals ebenso wenig Termine wie Alternativen gab.

Kaum etwas spiegelt die Aufbruchstimmung im Europa der Nachkriegszeit so gut wieder wie die schwarzweißen Bilder der ersten Service-Tankstellen der italienischen Kette Agip. Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt präsentiert in der Schau Agip - Die Tankstelle des Wirtschaftswunders vom 16. Januar bis zum 14. März eine Großzahl selten gezeigter Fotos, auf denen wunderbar zu sehen ist, für wieviel Luxus und Weltläufigkeit so eine Zapfstation mit Tabak- und Espressobar damals selbst in ländlichen Regionen sorgte. Ausstellungsinfos: www.dam-online.de

Wären Polstermöbel innen flüssig, müsste man höllisch aufpassen: eine unvorsichtige Bewegung mit Messer, Schere oder Stricknadel - und schon würde das Teil in sich zusammenfallen und sich über den Wohnzimmerfußboden ergießen. Die in London lebende dänische Designerin Nina Saunders (Jahrgang 1958) verleiht dieser surrealen Vision Gestalt in einer Serie auslaufender Möbel. Saunders ist bekannt für die hintersinnige Bearbeitung von Haushaltsgegenständen - auch in Kombination mit ausgestopften Tieren. Neue Arbeiten sind ab 20. März in der Ausstellung "Quilts 1700-2010" im Londoner Victoria & Albert Museum zu sehen. Mehr Infos: www.nina saunders.eu

"Superzicke", "Alphamännchen" oder "Born to be wild" sind nur einige der abertausend Schriftzüge, die täglich auf T-Shirts durch die Welt getragen werden. Das simple, T-förmige Stück Stoff ist im Lauf der letzten Jahre zur idealen Fläche ungezügelter Eigen-PR geworden. Der Bielefel der Kunstverein untersucht noch bis 24. Januar in der Ausstellung "Mehr als ein T-Shirt" das kurz ärmelige Baumwollhemd als tragbares Kommunikationsmedium.

Zu se hen sind neben einer Vielzahl des besagten Kleidungsstücks auch Arbeiten, die sich mit dem Shirt als Objekt, Text- oder Bildträger auseinandersetzen.

DIE ART-HOME-STORY (30)

Krimskrams, Nippes, Utensilien - im Laufe der Zeit sammelt sich so einiges an. Wir besuchen Künstler in ihren Ateliers und lassen uns ihre Lieblingssachen und Herzensdinge zeigen.

Goldener Tupfer Die korrekte Bezeichnung lautet wohl Speichel - tupfer für DNA-Tests. Ursprünglich ist das ein Objekt aus einer naturwissenschaftlichen Ausstellung, die ich vor ein paar Jahren konzipiert habe. In diesen Ausstellungen gibt es viele Dinge, die keine Kunstwerke sind, sondern eher als künstlerisch bearbeitete Platzhalter für Informationen dienen. Ich mag das Stäbchen wegen seiner Veredelung, denn es wurde mit echtem Blattgold behandelt, und es ist eine schöne Erin - nerung an eine Arbeit, die sich längst in ihre Einzelteile aufgelöst hat.

Sibirium Dieses Mitbringsel von einer Russlandreise, eine unter elektrischer Spannung stehende Tablette, nennt man auch "Kreml-Pille". Angeblich wurde sie in den achtziger Jahren für die Nomenklatura entwickelt. Sie soll gegen alle möglichen Leiden helfen, vielleicht auch bei Machtschwäche.

Wie sie genau funktioniert, weiß ich nicht. Auf jeden Fall ist es ein unverdauliches, mehrfach benutzbares elektronisches Gerät. Selbst probiert habe ich es nie - wer schluckt schon eine Batterie?

Balancescheibe Dieses Gerät gibt es in jedem Sportgeschäft, es dient dem Gleichgewichtstraining. Das ist wichtig! Kunst ist irgendwie auch immer eine Rodeoübung.

Mir helfen Balanceübungen auf dieser Scheibe jedenfalls dabei, mich zu entspannen. Manche Leute spielen Tetris, um herunter zu kommen - ich stelle mich eben auf so ein Brett.

Frau Krupp Meine Katze heißt wie ein Mitglied der Großindustriellenfamilie.

Das Tier ist mir kürzlich zugelaufen, als ich hier in der Nähe abends in einem Biergarten saß. Ein paar Tage später hat sich telefonisch eine angebliche Besitzerin bei mir gemeldet. Aber die war so dreist, dass ich die Katze einfach behalten habe. Ein Haustier wollte ich eigentlich nie haben, denn ich bin viel unterwegs.

Mittlerweile mögen wir uns beide aber sehr, obwohl Frau Krupp manchmal ein etwas proletenhaftes Auftreten hat.

Vase Blumen spielen in meiner Arbeit eine wichtige Rolle. Ich suche immer die Kontraste: das Schöne im Hässlichen und umgekehrt.

Die Vase und die künstlichen Sonnenblumen sind ein Geschenk der ukrainischen Arbeiter, die mein Atelier ausgebaut haben - als Dank dafür, dass sie bei mir arbeiten durften. Vielleicht haben sie sich auch einen Folgeauftrag erhofft.

Auch wenn die Vase hässlich ist - ich konnte mich nicht entschließen, sie wegzuwerfen.

500 000 Pfund soll eine Packung Faber-Castell-Bleistifte wert sein, die der englische Street Artist Cartrain aus Damien Hirsts Zehn-Millionen-Pfund-Installation "Pharmacy" geklaut hat. Cartrain ist zur Rückgabe bereit, allerdings nur im Tausch gegen seine Kunstwerke - Parodien auf Hirsts Arbeiten -, die Hirst konfisziert hatte.

Cartrain droht, er werde die Stifte ansonsten anspitzen.

Da Künstler sich oft mit dem Gegenwartsgeschehen befassen, war es nur eine Frage der Zeit, bis es die Erreger von Schweinegrippe und Co. in die Galerien schaffen. Den Weg ebnet der englische Künstler Luke Jerram mit der Skulpturserie Glas Microbiology.

Die verstörend schönen Glasviren sind bis 28. Februar im Mori Art Museum in Tokio zu sehen und von Januar bis Juni im Londoner Courtauld Institute of Art. Infos: www.lukejerram.com

FRÜHE ERKENNTNIS - KINDER ERKLÄREN KUNST (14)

Lucas, 6, über "Im Moulin Rouge" (um 1893) von Henri de Toulouse-Lautrec

Das sind Leute in einem Restaurant. Ich war auch schon mal in einem Restaurant. Da gibt es leckeres Essen. Im Restaurant esse ich gern Schnitzel oder Steak, zu Hause Spaghetti, Kartoffeln mit Quark und Kartoffelpuffer. Was mir auch auffällt, ist, dass alle Leute Hüte tragen. Ein Mann hat sogar einen Zylinder auf. Der einzige Mensch, den ich je mit einem Zylinder gesehen habe, war ein Schornsteinfeger. Ich glaube, dass die Leute sich alle kennen.

Sie sitzen ganz eng zusammen, und manche lachen auch. Ich mag, dass es da so ein bisschen dunkel ist im Raum - das finde ich gemütlich. Die Frauen haben alle rote Haare - die sind bestimmt gefärbt.

Meine Kindergärtnerin hatte auch so rote Haare. Ich würde meine Haare aber nicht färben, denn ich mag mich so, wie ich bin!

Voll im ganzheitlichen Biotrend liegt "Flow", der Küchenentwurf des niederländischen Designerduos " Gorm". Die Küche ist so organisiert, dass alle Abläufe einen rohstoff- und energiesparenden Kreislauf ergeben: Das gespülte Geschirr tropft überm Kräutergarten ab, die organischen Abfälle gelangen direkt durch die Arbeitsplatte in den Komposteimer, wo sie zu der Muttererde werden, in der die Kräuter wachsen. Vorbild für diesen Workflow ist die Natur selbst, in der alle Abläufe wun derbar ineinander greifen. Infos: www-gorm.com

Bildunterschrift:

Tizians Werk "Adam und Eva" (um 1550, 240 x 186 cm) diente als Vorlage ...

... für Rubens' Version von "Adam und Eva" (237 x 184 cm) von 1628/29

Trauerflor für Künstlerträume: Gina Dawson macht aus Ablehnung Kunst

Auf den Fassaden von Vercorin hat Felice Varini Spuren hinterlassen

In den Anfangsjahren der Massenmotorisierung begegneten sich an Landtankstellen schon mal Fahrzeuge mit unterschiedlich vielen Pferdestärken

Was für ein Service! Espressotrinker an der Tankstellenbar

Dünner Damenschuh "Mojito" von Julian Hakes

50er: Haushaltsbuch

60er: Wohngemeinschaftsputzplan

70er: Korkpinnwand

80er: Analoger Kalender "Filofax"

90er: Digitaler Kalender "Palm" 00er: "iPhone"- Applications

Alles fließt: Nina Saunders Möbelskulpturen sehen aus, als seien sie innen flüssig und außen undicht

"T-Shirt Paintings" (1993-2009) von Ross Sinclair

Performance- und Multimediakünstler Via Lewandowsky, 46 (art 10/1995, 10/2009), in seinem Berliner Atelier (Foto: Nina Lüth)

Jerrams etwa fußballgroße Erreger: "HIV" (rechts) und "Untitled Future Mutation" (links)

Organischer Workflow: In dieser Küche geschieht nichts ohne Sinn