Ausgabe: 01 / 2010
Seite: 114-115

"Das Göttliche in der Kunst"

Von Christoph Brech

VATIKAN Papst Benedikt XVI. empfing über 260 Kulturschaffende aus aller Welt in der Sixtinischen Kapelle. Ein solches Gipfeltreffen der Künste hat es im Vatikan das letzte Mal vor 45 Jahren gegeben. Aus Deutschland war der Videokünstler dabei: Für art hat er die Audienz fotografiert und schildert seine Erlebnisse

Wir brauchen euch", rief Papst Benedikt XVI. d en versammelten Künstler zu und zitierte eine Rede von Paul VI., der 1973 die Sammlung moderner religiöser Kunst in den Vatikanischen Museen eröffnete. "Die Welt, in der wir leben, braucht Schönheit, um nicht in Verzweiflung zu versinken." Gerade in Krisenzeiten könne Kunst Mut und Hoffnung spenden. Künstler, Architekten, Regisseure und Schauspieler aller Weltreligionen, darunter Bill Viola, Zaha Hadid, Anish Kapoor, Daniel Libeskind, Nanni Moretti und Terence Hill, lauschten dem neuen Kuschelkurs der Kirche und den ungewöhnlichen Kooperationsangeboten.

Der Foto- und Video künstler schreibt exklusiv für art über diese einzigartige Papstaudienz:

"Am Eingang zur Sixtinischen Kapelle muss ich meine Einladung mit dem rückseitig aufgedruckten Sponsoren-Logo ,Martini & Rossi' zeigen, meinen Namen samt dem Passwort A/176 nennen. Später erfahre ich, dass das A für die Bildende Kunst steht. Ich sitze in der fünften Reihe und habe freien Blick auf Michelangelos Jüngstes Gericht.

Pünktlich um 11 Uhr erscheint Papst Benedikt XVI. Die Ansprache des Papstes ist eingerahmt von Choralmusik Giovanni Pierluigi da Palestrinas. Michelangelo und Palestrina, beide Künstler wagten es, neue Wege zu gehen, und schufen unter dem Mäzenat mehrerer Päpste Werke, die die Zeitgenossen provozierten, aber zu Höhepunkten der Kunst- und Musikgeschichte wurden. Ein Appell an uns heutige Künstler?

Die Rede des Papstes können jedoch nur wenige der Gäste verstehen, etwas ist mit der Mikrofonanlage nicht in Ordnung - eine Metapher für die Kommunikationsstörung zwischen Kirche und Kunst? Wir erhalten die Rede später als Ausdruck. Schönheit ist das zentrale Thema des Papstes. Der Künstler wird von ihm als Hüter der Schönheit gesehen. Mit einem Zitat von Georges Braque bricht er jedoch mit den üblichen Klischees: ,Kunst muss aufrütteln, Wissenschaft beschwichtigt.' Es gehe darum, das Göttliche in der Kunst zu erfahren. Hiervon ist in vielen Kirchen seit dem Einzug von lieblichen Christusdarstellungen, süßlichen Heiligenbildern und Gipsmadonnen nicht mehr viel zu spüren. Auch den pseudomodernen Kirchenausstattungen fehlt oftmals die nötige Sensibilität für Kirchenraum und Liturgie. Oft werden Künstler gar nicht mehr zu Rate gezogen, man greift auf das Katalogangebot florierender Kirchenausstatter zurück. Auf der anderen Seite aber zeigen gerade Beispiele aus der jüngsten Zeit, wie Gerhard Richters Glasfenster für den Kölner Dom oder Neo Rauchs Glasfenster für den Dom in Naumburg, die Bereitschaft zeitgenössischer Künstler, für die Kirche zu arbeiten.

Immer wieder betont der Papst in seiner Ansprache, wie sehr es ihm um eine freundschaftliche Beziehung zwischen Kirche und den Künstlern gehe, und dass er mit dieser Einladung einen neuen Dialog eröffnen wolle. Der Papst verlässt den Raum. Applaus. Jeder Teilnehmer erhält zur Erinnerung an diesen Tag eine Medaille. War es das? Ich frage mich, wird daraus nun ein wirklicher Dialog entstehen? Werden Sakralräume entrümpelt oder gar mit zeitgenössischer Kunst ausgestattet, wie es die Tradition der Kirche seit mehr als 1000 Jahren war? Wird der Vatikan bei der Auswahl der Künstler für seinen Pavillon auf der Biennale in Venedig 2011 unkonventionelle Ansätze verfolgen? Und bedeutet die Nachfolge Christi nicht immer auch Risiko? Hier ließen sich Berührungspunkte zwischen Kirche und zeitgenössischer Kunst finden."

Ausstellung: ". Passagen", Museum Villa Stuck, München, 11. Februar bis 23. Mai, www.villastuck.de

Bildunterschrift:

"Die großen biblischen Erzählungen haben unzählige Meisterwerke in jedem Bereich der Kunst inspiriert", erinnerte Papst Benedikt XVI. bei seiner Rede Anthurien und Leuchtkuben vor antiken Skulpturen und die Päpstliche Schweizergarde - s Impressionen vom Vatikanbesuch Unser Mann im Vatikan: , 45