Ausgabe: 01 / 2010
Seite: 117
Spitzwinklig
Von Till Briegleb
Neu erdacht: Das Satteldach feiert seine Renaissance
KOLUMNE: AUSSER HAUS
Es ist ein Symbol für dumpfe Gesinnungen, die darunter gären, und wirkt gleichzeitig wie die Speerspitze für das Phänomen der "einsamen Masse". Das Satteldach, Krone des typischen Eigenheims, hat einen miserablen Ruf. Und seit es nicht mehr schneit, ist es auch funktionslos geworden. Dass diese architektonische Lebensform zudem am Pranger des ökologischen Gewissens steht, weil die Einfamilienhäuser die Zersiedelung der Landschaft und den Individualverkehr vorantreiben, macht das Satteldach zum Sinnbild des falschen Bauens. Doch nun bekommt das Steildach prominente Schützenhilfe.
Immer mehr Künstlerarchitekten spielen mit der Spitzform. Herzog & de Meuron bauen für Vitra gestapelte Satteldachbaracken.
MVRDV haben in Rotterdam knallblaue Hütten auf ein Stadtdach getürmt.
In Liechtenstein sieht sogar das neue Parlament aus wie das Haus vom Nikolaus. Aber auch die eigentliche Siedlungsform erlebte zuletzt Designanstrengungen.
Das von Rocha Tombal in Utrecht abstrahierte Hexenhaus mit gigantischen Fensterausstülpungen ist das schönste von vielen Beispielen, die beweisen, dass ein spitzer Winkel über dem Kopf nicht automatisch den Geist einklemmt.
Bildunterschrift:
art-Autor
"House Bierings" von Rocha Tombal
