Ausgabe: 09 / 2009
Seite: 7-17

Studio

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Von den Vorzügen digitaler Bildbearbeitung konnten diese Vorläufer Andreas Gurkys nur träumen: Für die Nachbildung der Freiheitsstatue brachten die Fotopioniere Arthur Mole und John Thomas 18 000 US-Soldaten vor einer Kaserne in Iowa in Stellung. Mit 380 Meter Gesamtlänge übertrafen sie dabei deutlichdie Originalmaße (46 Meter) der Lady Liberty in New York. Deren Krone wurde nun, nach fast achtjähriger Sperrung, wieder für Besucher geöffnet. Die rund 90 Jahre alte Fotografie ist noch bis zum 30. August in der Ausstellung "Spy Numbers" im Pariser Palais de Tokyo zu sehen.

Im Jahr 2000 begann Chris Burden, ausrangierte Straßenlaternen aus den zwanziger Jahren zu sammeln.

202 von ihnen hat der US-Künstler nun vor dem Los Angeles County Museum of Art platziert und der Stadt mit seinem "Urban Light" eine neue Kulisse für fotografische Trophäenjäger beschert. Auf Webseiten wie Flickr tauchten innerhalb kürzester Zeit Hunderte von Fotos des Lampenwalds auf.

Ausgangspunkt für dieses schwungvolle Liniengewirr ist ein zwölf Kilometer langes, unbearbeitetes Aluminiumprofil. Der britische Bildhauer Antony Gormley hat es durch das zweite Obergeschoss des Kunsthauses Bregenz verlegt, um, wie er sagt, "die festen Koordinaten des Raums zu zerstören". Seine räumliche Zeichnung ist dort noch bis zum 4. Oktober zu besichtigen - und zu begehen.

Unter Höhenangst sollte nicht leiden, wer seine Nase an das 37 Quadratmeter große Panoramafenster drückt. Schließlich fällt der Blick vom Naturerlebniszentrum "Bergwelt Karwendel" stolze 1300 Meter tief auf das darunter liegende Isartal. Ein Jahr nach seiner Fertigstellung erhielt der eigenwillige Ausstellungsraum im bayerischen Mittenwald jetzt den Nachhaltigkeitspreis der Alpenkonvention. Noch steht die Holzbeplankung des Riesen-Fernrohrs von Architekt Eberhard Steinert und Konstrukteur Wolfgang Schwind im leuchtenden Kontrast zum Hintergrund. Durch die Witterung wird sie allerdings ganz automatisch silbergrau - und macht sich damit fast unsichtbar zwischen den Felsen.

Zu einer echten Konkurrenz für überfüllte Hostels und muffige Jugendherbergen könnte sich ein Vorschlag der belgischen Architekten von "import.export" entwickeln: Urban Camping. Ob als efeuumrankte Permantlösung oder als mobile Einheit für die Hochsaison - bis zu acht Zeltinseln stapelt das von ihnen entworfene Konstrukt. So sorgt man nicht nur für ein luftiges Erlebnis, sondern auch für gute Aussichten.

Der nächtliche Blick aus dem Zelt auf das Lichtermeer der Großstadt eröffnet aber nicht nur dem Camper völlig neue Perspektiven, auch die Outdoorindustrie dürfte sich über neue Zielgruppen freuen: Städtetouristen und Großstadtnomaden.

Das ist Kunst? Zumindest bei diesem Müllhaufen schien die Frage eigentlich geklärt: Es handele sich um eine Arbeit von Joseph Beuys, hieß es noch im Frühjahr, als die Vitrine im Los Angeles County Museum of Art als wichtiges Werk deutscher Nachkriegskunst präsentiert wurde. Jetzt aber besteht Künstlerwitwe Eva Beuys darauf, dass ihr Mann nicht länger als Autor der Arbeit genannt wird. Er habe den Haufen bei einer Aktion im Mai 1972 zwar zusammengekehrt, für das Arrangement in der Vitrine sei aber Beuys' damaliger Galerist, René Block, verantwortlich. Sie schlägt daher vor, das Werk zukünftig unter seinem Namen auszustellen.

Obwohl Block nicht bestreitet, den Müll in die Vitrine gebracht zu haben, als seine Arbeit ausgeben möchte er ihn dann doch nicht. Kunstwerk sucht Künstler - die Rubrik müsste erst noch geschaffen werden. Oder ist, so lange kein Autor den Haufen mit seinem Namen weiht, auch wieder nur von Müll zu sprechen und nicht von Kunst?

FRÜHE ERKENNTNIS - KINDER ERKLÄREN KUNST (10)

Johann (7) über "The Fighting Temeraire" (1838) von William Turner

Ich sehe einen Dampfer und zwei Segelschiffe. Die liegen auf dem Meer, aber ganz nah am Ufer. Das eine Segelschiff will nach Deutschland fahren, das andere in die Karibik und der Dampfer nach Kanada.

Das sind alte Schiffe, solche fahren heute nicht mehr rum. Der Himmel sieht sehr schön aus. Manchmal scheint die Sonne so, bevor es richtig hell wird. Oder spät am Abend. Ich glaube, es ist morgens, weil die Schiffe nicht fahren, sondern ankern.

Die haben angehalten, damit die Matrosen sich ausruhen können.

Ich würde am liebsten in die Karibik fahren. Da ist es ganz warm. Aber ins Wasser würde ich da lieber nicht, obwohl ich schon schwimmen kann! In der Karibik gibt's nämlich Krokodile und die machen einmal "hammmm" und dann ist man weg!

Sind wir zu früh? Sämtliche Vitrinen, Schaukästen, Sockel im Darmstädter Institut Mathildenhöhe sind leer. Statt dessen stehen überall nicht ausgepackte Kisten herum. Wenigstens sind die Schildchen schon angebracht, aber - Moment mal - die verweisen ja auf Pablo Picasso, James Ensor oder Auguste Rodin. Wo bitte geht's zu Nedko Solakov? Ihm sei langweilig gewesen, erklärt der Künstler, der hier eigentlich seine zuvor in Bonn und St. Gallen gezeigte Schau "Emotions" präsentieren wollte. "Ich kann doch nicht dreimal dasselbe zeigen." Also habe er einfach die Kulissen der Vorgängerschau übernommen und sich von Wandlöchern oder Schrauben zu kleinen Erzählungen inspirieren lassen, die er mit Text und winzigen Filzstiftzeichnungen auf Wände und Vitrinen gebracht hat. Geschickt nutzt der Bulgare auch kleine Schatten, die zu Sockeln oder gefährlichen Klippen für seine Mini-Figuren werden. "Emotions (without masks)" zu sehen bis 1. November.

Vollen Körpereinsatz erforderte die Bedienung einer überdimensonalen Computermaus beim Diplom-Parcours der HBK Saar. Die interaktive Installation "Narkotische Kultur (Unterwerfung ? Reflexion)" von Absolvent Daniel Haake überzeugte mit einer simplen Maßstabsverschiebung. Allerdings schien der gestelzte Titel darüber belehren zu wollen, dass es sich tatsächlich um kritische Kunst und nicht um ein neues Angebermodell für Bürohengste handelt.

PRODUKTKRITIK Das konnte einfach nicht gut gehen. Der Star-Architekt Daniel Libeskind, ein Großmeister symbolisch aufgeladener Gebäude, der selten rechte Winkel oder parallele Wände duldet, hat ein Fertighaus entworfen. Entschuldigung: eine "Fertigvilla". Ab Ende September kann man einen Prototyp der zweigeschossigen, mit Zink-Elementen verkleideten Villa mit bescheidenen 515 Quadratmeter Wohnfläche in Datteln, am Nordrand des Ruhrgebiets, besichtigen.

Selbstverständlich spricht Libeskind nicht von einem Haus. Eine "limitierte künstlerische Edition einer neuen Art zu wohnen" muss es schon sein. Eine neue Art zu wohnen? Hier liegt das Problem.

Mag man Libeskinds architektonisches Konzept, Schrecken und Tragik der Geschichte in umbauten Raum zu verwandeln und die Geometrie stellvertretend für den Menschen zu misshandeln, im Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück oder im Berliner Jüdischen Museum für gelungen halten - wohnen muss man dort ja nicht.

Dass einen die Atmosphäre allgegenwärtiger Unsicherheit nun aber tagtäglich und auf Schritt und Tritt in den eigenen, spitz zulaufenden Wänden verfolgen soll, ist dann doch zu viel des Guten. Womöglich macht einen diese Fertigvilla einfach fertig - nicht nur, weil sie zwischen zwei und drei Millionen Dollar kostet.

Die in Kuba geborenen Künstler Alain Guerra und Neraldo de la Paz, kurz: Guerra de la Paz, haben ein Faible für Kleidung. Beginn ihres eigenwilligen Umgangs mit dem ungewöhnlichen Arbeitsmaterial war der Zugang zu den Überschüssen von Secondhand-Händlern in "Little Haiti", einem Stadtteil Miamis, wo die beiden heute leben. Seither treten sie den Beweis an, welche beeindruckend vollendeten Formen ein Haufen Kleider annehmen kann. So auch in der Gemeinschaftsausstellung "Abstract America" - bis zum 17. Januar 2010 in der Londoner Saatchi Gallery.

EINE LISTE Die irrsinnigsten Ausstellungstitel 1. Vererbungslinie Vampyropoda Galerie Michael Janssen, Berlin 2. Défilez tas d'os! / Behängt, Behaart, Belüftet E-Werk, Freiburg 3. Wohnen in der Strahlenkälte Sabine Schmidt Galerie, Köln 4. Alternative Objekte & Séancen mit dem Kastanienzwerg Drei Raum für Gegenwartskunst, Köln 5. Wartopia - Globalpix Künstlerhaus Bethanien, Berlin 6. Raumprothesen für frei zusammenwachsende Sozialorganismen art transponder, Berlin 7. The Phantasmal Boondocker Galerie Neugerriemschneider, Berlin 8. A Spot of Turf fouled by Galerie b2, Leipzig 9. Who are you this Time?

Galerie Thomas Flor, Düsseldorf 10. Hirnlego Lothringer 13, Städtische Kunsthalle München 11. Blickdicht - Union Wahnfried Ausstellungsraum Jürgen Bahr, Köln 12. Body Berserk Kunsthallen Brandts, Odense

In den Kunstsammlungen Dresden wird ein Mini-Yorkshireterrier aus dem Gepäckschließfach des Museums befreit.

Das Wachpersonal ruft die Polizei. Die ergreift den Hundebesitzer im Historischen Grünen Gewölbe, das er unterdessen gemütlich mit Frau und Kindern besichtigte. Bereits im Vorfeld hatte sich der Mann aus dem sächsischen Bad Elster nach einer Aufbewahrungsmöglichkeit für das Tier erkundigt.

Mangels einer solchen drohte er, es ins Schließfach zu sperren.

Die Museumsleute hielten das für einen Scherz. Weit gefehlt, wie eine Routineuntersuchung der Boxen kurz darauf ergab. Nach etwa 15 Minuten Schließfachhaft wurde der Terrier unversehrt entnommen. Es wurde Anzeige erstattet, und die Polizei machte das Dresdner Tierdrama öffentlich. Selten habe er, so Pressesprecher Stephan Adam, derart enorme Medienresonanz erlebt: Die Agentur Reuters schickte einen Fragenkatalog, und "RTL explosiv" meldete einen Fernsehbeitrag an. Alljährlich macht das Aussetzen von Vierbeinern zur Ferienzeit Schlagzeilen. Noch nie ist jedoch ein Museum zum Schauplatz einer solchen Untat geworden. Anlass für die Kunstsammlungen Dresden, über Abhilfe nachzudenken?

"Bislang planen wir keinen speziellen Hundeort im Haus.

Sollten andere renommierte Museen allerdings Tiere aufbewahren, dann müssen wir nachziehen", erklärt Adam verschmitzt. Bis dahin müssten Hundehalter eine eigene Lösung finden. Oder aber professionelle Dogwalker springen in die Marktlücke und bieten vor dem Museum ihre Dienste an. Während Herrchen Kultur erlebt, geht Schnuffi gesittet Gassi.

Bildunterschrift:

Raumnot macht erfinderisch: Camping-Romantik für die Metropole

Keiner will's gewesen sein:

"Ausfegen" von 1972

Erster Aufbau auf dem diesjährigen Kaailand-Festival in Antwerpen

Nedko Solakov kämpft in Darmstadt gegen die Langeweile

Klare Ansage: "Narkotische Kultur (Unterwerfung ? Reflexion)"

Wie eine Kolonie schlafender Fledermäuse: die Installation

Form versus Funktion: das Fertighaus von Star-Architekt Daniel Libeskind

"Six Thai Trannies in Heaven" von 2008

Dagegen wirkt der Kleiderberg im eigenen Wäschekorb blass und ausdruckslos:

"Tribute" (2002) von Guerra de la Paz