Ausgabe: 09 / 2009
Seite: 32-41
Der Trickser
Von Birgit Sonna
Seit 40 Jahren prägt der Kalifornier John Baldessari die Kunst der amerikanischen Westküste. Jetzt erfährt seine gewitzte Konzeptkunst die überfällige internationale Anerkennung. Auf der Biennale in Venedig erhielt er den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk, und die Tate Modern in London zeigt eine große Werkschau
Was geschieht, wenn ein weiblicher Kussmund unvermittelt auf eine Palme trifft? Oder die Schwarz-Weiß-Gesichter von Partygästen aus den Fifties durch poppige Kreise überdeckt werden? Oder Ohrmuscheln sich plötzlich zu autonomen Objekten auswachsen? Dann beginnt man den selbstverständlichsten Dingen eine ungewöhnliche Seite abzugewinnen. Von ihrem Kopf separierte Ohren beispielsweise bekommen eine erotische Qualität, die bis dahin allenfalls Nasen literarisch zugeschrieben worden sein mag. John Baldessari ist ein unübertroffener Bildmeister im Verknüpfen von Entlegenem. Der 1931 im kalifornischen National City geborene und heute in Santa Monica lebende Künstler arbeitet seit über 30 Jahren an einer Kunst der Collage, Montage, Manipulation, Reproduktion, Kontextverschiebung, Worteinschübe und seriellen Wiederholung. Wie stark Baldessari auf zwei Generationen von nicht nur an der Westküste lebenden Künstlern eingewirkt hat, wird erst seit ein paar Jahren bewusst.
Auf der Biennale in Venedig wurde der US-Amerikaner nun zu Recht mit dem Goldenen Löwen für sein Lebenswerk ausgezeichnet.
Und in der Tate Modern eröffnet im Oktober eine große Retrospektive, die Baldessaris andauernd brisanten Spagat zwischen Konzeptkunst und Pop beleuchtet.
Bereits Baldessaris Äußeres hat etwas Ambivalentes an sich. Von Weitem erscheint der zwei Meter große Mann mit dem schlohweißen Bart und Kopfhaar wie ein hünenhafter Magier. Je näher man ihm kommt, umso stärker wirkt das verschmitzte Wesen eines Tricksers mit seiner Unmenge von Lachfalten um die Augen. Im Grunde, so sagt Baldessari, sei die Fassadengestaltung des großen Ausstellungspavillons in den Giardini der Biennale, die er dieses Jahr zu verantworten hatte, nichts als eine "extrem vergrößerte Postkarte". "Ich habe mich der Fassade fotografisch genähert: Oben ist der strahlende Himmel zu sehen, unten der Pazifische Ozean, und in jeder Ecke befindet sich eine Palme. Nicht mehr und nicht weniger!" Tatsächlich holte Baldessari über den plakativen Kunstgriff seiner Fototapete eine irritierend starke Prise kalifornischer Unbeschwertheit nach Venedig und wertet damit ohne viel Aufhebens die Monumentalarchitektur des ehemaligen italienischen Pavillons um (art 8/2009). Baldessari liebt es, die Betrachter mit simplen Bildausschnitten an der Nase oder vielmehr an den Augen herumzuführen: "Gelungen ist eine Arbeit für mich dann, wenn sie alles enthält, woran ich glaube - und zwar in der ökonomischsten Form." Seit er der reinen Malerei abgeschworen hat - das war 1966 - sind seine aus gefundenem Foto- oder Filmmaterial bestückten, partiell übermalten Tableaus in mehrere Bildebenen aufgespalten. Baldessari dazu:
"Ich begann dem einzelnen Bild zu misstrauen, weil es mir wie die Verkörperung einer einzigen Wahrheit erschien. Wenn hingegen mindestens zwei Dinge oder Bilder zusammenkommen, dann wird über den Kontext eine neue Art von Bedeutung geschaffen.
Meine Art der Bildproduktion hat viel mit dem Schreiben zu tun: Man setzt ein Wort hinter das andere, aber es ist nur dann die richtige Wortwahl, wenn der Sinn nicht zu offensichtlich oder zu obskur wird." Tatsächlich begann Baldessari ähnlich wie sein kalifornischer Kollege Ed Ruscha auch reale Wörter in seine durchaus nach klassischen Gesetzen komponierten Bilder einzuspeisen.
Es sind aber gerade die vermeintlich klaren Textbotschaften wie "Pure Beauty" oder "Warm Brownie", die den Zweifel an ihrer Wahrhaftigkeit gleich selbst ironisch streuen.
Nahezu alles, was für ihn an bis 1966 entstandener Malerei noch greifbar war, hat Baldessari dann in einer spektakulären Aktion selbst zerstört. 1970 ließ er die Bilder in einem Krematorium verbrennen und bewahrt seither einen Teil der Asche in einer Urne als persönliches Mahnmal auf. Die Überreste sollen der Legende nach zu längst verdauten Keksen ver knetet worden sein.
Die Fundamentalisten unter den Konzeptkünstlern nahmen ihm derlei lakonische Scherze, vor allem aber den Flirt mit der Pop Art übel. Baldessari hatte sich viele Verführungsstrategien wie etwa die angeschnittenen Großaufnahmen von der Werbung abgeschaut, speziell von den mehrteiligen Reklametafeln. Und dann schlachtete er ausgerechnet B-Movies skrupellos aus. Einmal, weil er dadurch billiger an Filmstills für seine Tableaus kam. Dann aber auch, weil der triviale Stoff und ihre Akteure die gewünschten Stereotypen boten: "Ich war weder an bekannten Kinofilmen noch an Stars interessiert, das wäre ein zu starker Ballast gewesen." Der strenge Konzeptualist Joseph Kosuth geißelte Baldessaris fotogene Kunst schließlich in seinem Manifest "Art After Philosophy" (1969) als "amüsant", aber bedeutungslos. Solche Anwürfe perlten an Baldessari weitgehend ab. 1971 ließ er Studenten wie zum Trotz "I Will Not Make Any More Boring Art" ("Ich werde keine langweilige Kunst mehr machen") gleich einer Strafarbeit für ungezogene Schüler an die Wände einer Galerie kritzeln. Baldessari erinnert sich: "Meine Generation arbeitete größtenteils minimalistisch und konzeptuell. Ich fand das meiste tatsächlich langweilig, weil weder ein Ziel noch eine klare Idee darin abzulesen war." Baldessari selbst ging es vielmehr darum, Spannung zu erzeugen, ohne eine Instantgeschichte vorzugeben. Er konzentrierte sich auf die Ellipse, die Schwindel erregende Leere zwischen den montierten Bildern. Seit den Achtzigern machte er dargestellte Figuren unkenntlich, löschte Gesichter mit Spots in den Primärfarben aus und fügte in der Folge mehr und mehr schrille Silhouetten ein. Diese gemalten "Unbekannten" sind die Würze in Baldessaris Kompositionen, als abstrakte Hingucker lösen sie jede Menge Gedankensprünge aus.
Baldessari appelliert an das Unbewusste.
"Wir tragen ja alle Bilder in unserem Kopf herum, speziell aus Filmen." Und er erinnert an die Rolle von Peter Sellers in "Welcome Mr. Chance" - ein Gärtner, der "rein vom Fensehen gelernt hat, wie er auf andere Menschen zu reagieren hat.
Generell glaube ich, dass vieles in unserem Verhalten von Filmen modelliert wird", sagt Baldessari. Einmal abgesehen vom Komiker Peter Sellers sind Baldessaris Helden sonst eher in den Gefilden der Kunstgeschichte zu finden. Bei den Surrealisten etwa, allen voran René Magritte. Eigentlich muss man sich nur die Namen von Baldessaris Hunden in Erinnerung rufen, um seine wirklichen Idole zu kennen. Baldessaris derzeitiger vierbeiniger Gefährte ist eine Labradormischung und heißt Giotto, sein Vorgänger hörte auf den Namen Goya.
"Und wenn ich mir jemals einen sehr dünnen Hund zulegen sollte, dann hieße er Giacometti", scherzt er.
Understatement ist bei Baldessari keine Koketterie, sondern gehört für ihn mit zu jenen Vereinfachungstechniken, die das Leben nicht banaler, sondern spannungsreicher machen. Und er amüsiert sich noch heute königlich über die Resonanz der Lokalpresse anlässlich seiner Ausstellung 2001 in Rovereto. Baldessaris Vater stammte aus Albiano, einem kleinen Ort in Südtirol zwischen Bozen und Trient. "Man nannte ihn dort den ‚reichen amerikanischen Onkel', weil er während des Zweiten Weltkriegs Geld, Lebensmittel und Kleidung geschickt hatte. Sogar eine Straße ist nach ihm benannt.
Die Ausstellung wurde in der Zeitung dann in großen Lettern angekündigt: ‚John Baldessari, der Sohn von Antonio stellt aus'. Mein Vater war der eigentliche Star, nicht ich!" Auch den vorherrschenden Eindruck, er habe eine ganze Riege illustrer Künstler der Westküste durch seine Lehrtätigkeit mit aufgebaut, spielt er eher herunter.
Von 1970 bis 1988 unterichtete Baldessari am California Institute of the Arts in Valencia. Zu den Studenten, die einen seiner Kurse durchlaufen haben, gehörten Mike Kelley, Tony Oursler, Matt Mullican, Eric Fischl, Christopher Williams, Rita McBride. "Schwer zu sagen, wie groß mein Einfluss im Einzelnen war, keiner war Meisterschüler - das gibt es am CalArts nicht.
Sicher wären sie alle auch ohne mich gute Künstler geworden. Mit vielen stehe ich heute noch freundschaftlich in Kontakt. Vor allem mit David Salle, der gerade einen Katalogbeitrag über die Bezüge meiner Kunst zu den Filmen von Jean-Luc Godard geschrieben hat." Lange galt Baldessari als von Kollegen zwar hoch geschätzter, aber der größeren Öffentlichkeit nicht richtig bekannter Künstler. Eine New Yorker Galeristin sagte vor einer Eröffnung einmal zu ihm: "Gut John, jetzt bist du vielleicht ein ‚artists' artist', ich kann dich aber berühmt machen." Es sollte noch etwas dauern. Erst in letzter Zeit stellt sich der verdiente Erfolg auf breiter internationaler Ebene ein. Mit weit über 70 steuert Baldessari überdies noch einen leicht veränderten Kurs. Seine Tableaus schichten sich seit einiger Zeit durch plastische Elemente zu Reliefs auf. "Ich wurde dieser einheitlichen Oberfläche überdrüssig, wie sie durch die Fotografie gegeben ist." Bei einer wundersamen Ausstellung im Museum Haus Lange in Krefeld postierte er dieses Jahr eine weiße Ohr-Couch, pflanzte zwei umgedrehte Nasen als Vasen in die Wand und zwinkerte der strengen Architektur von Ludwig Mies van der Rohe mit einem simulierten Auge am Fenster zu. "Ich halte es mit meinem bereits gestorbenen Freund Sol LeWitt", sagt Baldessari. "Der meinte, man müsse Grenzen immer wieder überschreiten." Alles andere wäre vermutlich nur langweilig.
Ausstellung: John Baldessari: Pure Beauty, Tate Modern, London, 13. Oktober bis 10. Januar 2010. Internet: www.tate.org.uk Galerie: Sprüth Magers Berlin London, www.spruethmagers.com; Ausstellung: John Baldessari, London, 11. Oktober bis 14. November
Bildunterschrift:
PORTRÄTFOTOS: FRANK BAUER
Überragender Mann der Kunst: John Baldessari, hier in seinem Atelier in Venice, Kalifornien, ist zwei Meter groß
Was geschieht, wenn Ohrmuscheln sich zu autonomen Objekten auswachsen? Oder die Schwarz- Weiß-Gesichter von Partygästen aus den Fifties durch poppige Kreise überblendet werden?
"Beethoven's Trumpet (With Ear) Opus # 132" (2007, 186 x 267 x 183 cm)
"Raised Eyebrows/ Furrowed Foreheads: (Black and White Eyebrows)" von 2008 (146 x 240 x 17 cm, 3D-Druck)
"Noses & Ears Etc.: Three Compositions/Two Heads (Red Hands with Money)" von 2007 (180 x 150 cm)
John Baldessari ist ein unübertroffener Bildmeister im Verknüpfen von Entlegenem, der für seine Kunst die Montage, Manipulation und Reproduktion vorhandener Bilder nutzt
Aus der Intersection-Serie: "Seascape, Woman Holding Balloon, and Man with Cigar" (2002, 223 x 215 cm)
Partiell übermaltes Tableau aus gefundenem Bildmaterial: "Bloody Sundae" (1987, 236 x 167 cm)
Gelungen ist eine Arbeit für den kalifornischen Konzeptkünstler dann, wenn sie alles enthält, woran er glaubt - und zwar möglichst in der ökonomischsten Form
Erotik mit Nasen und Palmen: "Susan. Palm Trees (Distant)" von 1975 (34 x 64 x 5 cm, aus Baldessaris Kuss-Serie)
Lebensmittelfarben: "Prima Facie (Fifth State): Warm Brownie / American Cheese / Carrot Stick / Black Bean Soup / Perky Peach / Leek" (2006, 117 x 97 cm)
"Meine Generation arbeitete größtenteils minimalistisch und konzeptuell. Ich fand das meiste langweilig, weil weder ein Ziel noch eine klare Idee darin abzulesen war"
Punkte in Primärfarben: Arbeitsspuren an den Händen des Künstlers
Arbeitsmittel: Baldessari hat 1966 der reinen Malerei abgeschworen
John Baldessari 2009 an seinem Arbeitstisch im Atelier: "Meine Art der Bildproduktion hat viel mit Schreiben zu tun"
