Ausgabe: 09 / 2009
Seite: 114-115
Mit der Kunst auf Parteilinie
Von Wolfgang Ullrich
BUNDESTAGSWAHL Wen Sie am 27. September wählen, bleibt Ihr Geheimnis. Welche Kunst unsere Spitzenpolitiker mögen, zeigt art: über Politiker und Kunst
Die bildende Kunst hat sich in den letzten Jahrzehnten - sofern sie modern oder zeitgenössisch ist - zu einem beliebten Statussymbol in Politik und Wirtschaft entwickelt. Das hat natürlich mit ihrem eigenen Charakter zu tun. Seit die verschiedenen Avantgarden den Anspruch erhoben, in der Kunst Gegenwelten zum Bestehenden zu entfalten, entfernten sich viele Werke von bis dahin üblichen Formsprachen.
Sie wurden schwer zugänglich, oft rätselhaft und vieldeutig, auch spröde. Der Kunst etwas abgewinnen zu können ist also alles andere als selbstverständlich.
Und damit liegt es nahe, jemandem, der sich ihr widmet, besondere Fähigkeiten zu unterstellen: Muss nicht gebildet, neugierig und hartnäckig sein, wer sich mit abstrakten Gemälden umgibt? Braucht es nicht große hermeneutische Kraft, Einfühlungsvermögen sowie intellektuelle Flexibilität, um mit surrealen oder expressionistischen Bildwelten zurechtzukommen?
Kaum ein zweites Accessoire kann so positiv wie moderne Kunst auf die Einschätzung der Person rückwirken, die sich damit identifiziert.
Damit fungiert sie als Autoritätsstütze, ja trägt dazu bei, dass jemand seine Macht sogar legitimieren kann. Dabei wird es nicht als plumpe Machtgeste empfunden, sich zusammen mit Kunst zu zeigen. Immerhin handelt es sich dabei, im Unterschied zu einer Yacht oder Villa, nicht nur um Protz. Doch noch wichtiger ist, dass Kunst, gerade sofern sie spröde ist, auch nicht von jedermann begehrt wird: Sie weckt weniger Neid - und damit weniger Unzufriedenheit.
In Deutschland kam nach dem Nationalsozialismus hinzu, dass viele Machtsymbole missbraucht waren. Kaum etwas signalisierte einen Neuanfang daher besser als die - im Dritten Reich als entartet verfemte - moderne Kunst. Im Zuge ihrer Bildpolitik passen Politiker stärker als Manager auf, den Kontakt zu den "einfachen Leuten" nicht zu verlieren:
Sie wissen, dass es besser ankommt, wenn es hinter ihren Schreibtischen nicht gar zu abstrakt zugeht und wenn beliebte Namen wie Chagall oder Warhol auftauchen. Sie bemühen sich, die Ausrichtung ihrer jeweiligen Partei auszudrücken. Dass Oskar Lafontaine sich für einen linken Künstler wie Alfred Hrdlicka ausspricht, der oft Klassenkämpfe zum Sujet seiner Werke machte, ist also ähnlich naheliegend wie Guido Westerwelles Begeisterung für die Neue Leipziger Schule.
Deren Erfolge sind für einen Liberalen Sinnbild der nach der Wende wiedergewonnenen Freiheit.
Bildunterschrift:
ist Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie in Karlsruhe
Bildunterschrift:
Ursula von der Leyen, Bundesfamilienministerin (CDU), schwärmt für Marc Chagall: "Ich habe das große Glück, in meinem Büro neben einer Arbeit von Marc Chagall arbeiten zu dürfen. Das Gemälde ,Maternité' ist um 1958/59 entstanden. Als Familienministerin gefällt mir natürlich gerade das Sujet des Bildes: eine Mutter, die liebevoll ihr Kind in den Armen hält. 1000 Worte könnten nicht die tiefe Liebe und Zuwendung einer Mutter beschreiben, die dieses Bild aus drückt.
Einen Lieblingskünstler direkt habe ich nicht, aber ich liebe die Kunst der Klassischen Moderne: Franz Marc, Paul Klee, Henri Matisse, Pablo Picasso, Gustav Klimt, aber eben auch Marc Chagall. Der Aufbruch und die Spannung, die aus ihren Werken spricht, faszinieren mich."
Sigmar Gabriel, Bundesumweltminister (SPD), möchte Kunst ohne Effekthascherei: "In meinem Büro hängen Siebdrucke aus der Serie ‚City Light Motion' von Gerd Winner. Ich finde es großartig, wie Winner Details aus Architekturfotos zu menschenleeren Ensembles zusammenstellt, die ganz intensive Stimmung vermitteln. Vor allem seine Zyklen vom Times Square in New York und aus London gefallen mir sehr. Winners Bilder sind klar komponiert, ohne starr zu wirken. Er verzichtet auf Effekthascherei und modischen Schnickschnack.
Vor allem aber: Er ist ein großer Menschenfreund, der das in seinen Werken zeigen kann, ohne Menschen abzubilden."
Claudia Roth, Bundesvorsitzende von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, favorisiert Andy Warhol: "Andy Warhol hat das Normale in den Stand der Kunst erhoben und damit unsterblich gemacht: Campbell's Suppen, Marilyn Monroe und DIE GRÜNEN.
Er ist der Meister der Pop-Kultur, innovativ, radikal, revolutionär, kreativ. Mein Lieblingsbild von ihm ist ‚Für die Grünen' (1980), das er auf Anregung von Joseph Beuys gearbeitet hat. Es ist in der Factory entstanden - einem Ort, an dem Leben, Lieben und Arbeiten miteinander verschmolzen, Menschen aus aller Welt miteinander gearbeitet und Tabus gebrochen haben. Mit seinem Siebdruck hat Warhol den Grünen einen Platz im Pop-Olymp eingeräumt.
Warhol ist für mich Symbol eines Lebensentwurfes, der mich zu den Grünen gebracht hat."
Oskar Lafontaine, Vorsitzender der Bundestagsfraktion DIE LINKE, schätzt den Österreicher Alfred Hrdlicka: "Ebenso wie von Hrdlickas Skulpturen bin ich von seinen Gemälden und Grafiken fasziniert.
Sie erinnern mich in ihrer Expressivität an Goya, dessen Werke mich bei jedem Madrid-Besuch in den Prado locken. Wie der große Spanier ist der Wiener Künstler in seiner Widerspenstigkeit und Leidenschaft ein schonungsloser Beobachter seiner Zeit. Wie Goya seziert er mit seiner spitzen Radiernadel die Welt, die ihn umgibt. Er setzt sich moralisch mit der Gesellschaft auseinander und hält ihre Gewaltausbrüche in Bildern und Zeichnun gen fest, die wie Protestschreie wirken. Er identifiziert sich mit den Menschen, die er darstellt, und mit ihren Leidenschaften."
Horst Seehofer, Bayerns Ministerpräsident (CSU), liebt es boden- ständig und auch abstrakt: "In meinem Arbeitszimmer hängt ‚Das Neue Schloss in Ingolstadt' von Elfriede Regensburger, ein Geschenk meiner Heimatstadt Ingolstadt. Erstens: Ich bin ein heimatverbundener Mensch. Und zweitens führt das Neue Schloss auf ganz besondere Weise meine Heimat und meinen Arbeitsplatz in der Bayerischen Staatskanzlei zusammen. Die Staatskanzlei war nämlich bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Sitz des Bayerischen Armeemuseums. Die Sammlung des Museums ist dann 1969 in das Neue Schloss nach Ingolstadt gekommen. Mein Lieblingskünstler aber ist der abstrakte Maler Fritz Winter, der natürliche Phänomene und elementare Strömungen in eine kraftvolle abstrakte Bildersprache umgesetzt hat."
Guido Westerwelle, Vorsitzender der FDP, mag derzeit besonders eine Arbeit des Leipziger Malers Ulf Puder: "Gegenüber von meinem Schreibtisch hängt das Bild ‚Landzunge' von Ulf Puder. Seine perspektivische Gelassenheit und seine Farbwahl fesseln mich.
Ich bin ein Anhänger von zeitgenössischer figurativer Malerei. Weil man sich als Sammler leider Grenzen setzen muss, beschränke ich mich trotz eines großen Interesses an der internationalen Kunstszene beim Kauf fast vollständig auf deutsche Künstler. Innerhalb der Neuen Leipziger Schule, zu der Ulf Puder gerechnet wird, findet man übrigens auch abseits der bekannten Namen großartige Künstler."
