Ausgabe: 09 / 2009
Seite: 102

Chrom und Geweih

Von Sandra Danicke

KRITIK Junge Künstler interessieren sich wieder für Folklore und bäuerliche Kulturen: Eine Ravensburger Schau ruft die Renaissance der Volkskunst aus

Säen und Jäten - Volkskultur in der zeitgenössischen Kunst Städtische Galerie und Columbus Art Foundation, Ravensburg, 27.6.-4.10.2009

Dinge herzustellen, die so tun, als seien sie Alltagsgegenstände, ist in der Kunst längst zur beliebten Methode geworden, man denke nur an die vermeintlichen Küchenmöbel, die derzeit im deutschen Pavillon der Biennale in Venedig stehen. Wiebke Siem hat schon vor zehn Jahren Bauernmöbel und Trachten kopiert, um sich scheinbar eines durch deutsche Volkskunst ausgelösten Traumas zu entledigen. Der Betrachter spürt ein Dilemma: Etwas, das er vielleicht für spießbürgerlich hielt, erscheint durch den geänderten Kontext in neuem Licht.

Tatsächlich nimmt die Beschäftigung mit bäuerlichen Riten und traditionellen Techniken in der Kunst schon lange einen breiten Raum ein, ohne dass man, wie dies im Katalog (Snoeck Verlag, 24 Euro, im Buchhandel 29,80 Euro) zur Ausstellung "Säen und Jäten" in Ravensburg geschieht, gleich eine "europaweite Renaissance der Volkskultur" konstatieren müsste. Das Urtümliche fasziniert nun mal umso mehr, je stärker man es von seiner Ursprungsumgebung isoliert. Wenn Aurelia Mihai allerdings für ihren Film eine Schafherde ins Museum treibt oder Mariella Mosler aus industriellen Abfallmaterialien scheinbar folkloristische Masken fertigt, wirkt dies fast zu kalkuliert.

Vielschichtiger muten da die farbenprächtigen Holzschnitte des Künstlerduos Gert & Uwe Tobias an, die auf hintersinnige Weise Volkskunst mit Pop Art verschränken. Oder auch ein Objekt von Anselm Reyle, der einen gefundenen Pflug mit einem schillern den Chromüberzug auf irritierend gefällige Weise überhöht. Auch die Fotografien von Helmut Stallaerts, der junge Männer aus dem Allgäu in abstrusen Fellkostümen mit Geweihen ablichtete, die sie bei einem alljährlichen Ritual tragen, fesseln durch die Verschränkung von Ernsthaftigkeit und Groteske.

Insgesamt jedoch drängt sich der Eindruck auf, man habe einfach alles Mögliche zusammengetragen, was zum Thema passt, und das ist ein wenig dünn.

Bildunterschrift:

Lackierter "Pflug" (2007) von Anselm Reyle vor Helmut Stallaerts' Fotoserie "Es spukt" (2005)