Ausgabe: 09 / 2009
Seite: 96-97
Sinn und Sinnlichkeit
Von Michael Kohler
VORSCHAU Acht Künstler aus Lateinamerika präsentieren unter dem Titel "Revolutionen des Alltäglichen" Werke aus dem Bereich zwischen Alltag und Konzeptkunst
Zeitgenössische lateinamerikanische Kunst Museum Morsbroich, Leverkusen, 23.8.-1.11.2009
Die Länder Mittel- und Südamerikas sind zwar längst keine weißen Flecken auf der Landkarte der Kunstgeschichte mehr, ihre Wahrnehmung wird aber immer noch von den wenigen lateinamerikanischen Stars bestimmt. Mit den Bildern von Diego Rivera, Frida Kahlo oder Fernando Botero vor Augen erwartet man eine kraftvolle Malerei, in der Moderne und Sinnlichkeit eine einmalige Verbindung eingehen, und übersieht dabei allzu leicht die vielfältigen Kunstströmungen innerhalb des Kontinents.
Das Museum Morsbroich in Leverkusen stellt jetzt unter dem Titel "Revolutionen des Alltäglichen" (Katalog: Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 18 Euro, im Buchhandel 20 Euro) acht zeitgenössische Künstler aus Lateinamerika vor, die ihre Vorbilder eher bei zwei Konzeptkünstlern finden - dem Argentinier Víctor Grippo und dem Brasilianer Cildo Meireles.
Ein wiederkehrendes Motiv der Ausstellung ist die Verfremdung des Alltäglichen.
So lässt Alexandre da Cunha mit Vorhangstangen verbundene Backbleche als Mobile von der Decke baumeln und bastelt bei anderer Gelegenheit frei erfundene Nationalflaggen aus Gardinen, Besenstielen und Klebeband. Auch Diango Hernández arbeitet mit gewöhnlichem Hausrat: Er legt eine Wasserleitung durch im Raum verteilte Möbelstücke und lässt sie in einem anstelle der Türklinke montierten Wasserhahn münden.
Seine kubanische Kollegin Glenda León rückt ihr "Objekt der Energierevolution" in die Nähe des hintersinnigen Bildwitzes, indem sie eine verkabelte Kerze an die Steckdose hängt. Martín Soto Climent verbiegt bemalte Jalousien zu exotischen Wanddekorationen, während Gabriel Kuri und Valeska Soares eher dem Recycling- Gedanken zugeneigt scheinen. Ersterer bildet aus Ventilatoren und Plastiktüten einen verhangenen Wolkenhimmel, letztere errichtet Stapel aus weggeworfenen Plastikdosen und wirft Tausende Keramikbuchstaben wie Puzzlestücke durcheinander. Am Ende staunt man nicht schlecht über die Wahrheit im Klischee: Selbst die Konzeptkunst ist in Lateinamerika sinnlicher als anderswo.
Bildunterschrift:
Valeska Soares: "Sugar Blues (I)", Assemblage aus gefundenen Dosen von 2008
Wilfredo Prieto: "Schmierseife, Seife und Banane", Installation von 2006
