Ausgabe: 09 / 2009
Seite: 104
Wunder- und Rumpelkammer
Von Kito Nedo
KRITIK Eine Ausstellung zeigt, wie sich das "Humboldt-Forum" dereinst im wieder aufgebauten Berliner Stadtschloss präsentieren könnte: als populistisches Infotainment, das keinen Raum für eigene Gedanken lässt
Anders zur Welt kommen. Das Humbold-Forum im Schloss Altes Museum, Berlin 9.7.-17.1.2010
Vor sieben Jahren hatte der Bundestag den Beschluss zur Wiedererrichtung des Berliner Stadtschlosses gefasst; da war noch nicht klar, wozu die rekonstruierte Hohenzollernresidenz eigentlich gut sein könnte.
Der zündende Gedanke kam schließlich Klaus-Dieter Lehmann, dem damaligen Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.
Unter dem griffigen Label "Humboldt- Forum" empfahl er den Umzug der Sammlungen außereuropäischer Kunst und Kultur aus dem Ethnologischen Museum und dem Museum für Asiatische Kunst von Dahlem in das Berliner Zentrum.
Wie aus der Idee Lehmanns unter seinem Nachfolger Hermann Parzinger Realität werden wird, zeigt nun die Schau "Anders zur Welt kommen" im Alten Museum. Dass sowohl die Stiftung als auch ihr Projektpartner, die Humboldt-Universität, über faszinierende Bestände verfügen, ist durch Sonderausstellungen und den Dahlemer Standort bekannt. Auch die Art der Präsentation ist zumindest zum Teil schon erprobt.
So zitiert das erste Kapitel der Schau, das auf die Idee eines Wissenstheaters nach Gottfried Wilhelm Leibniz rekurriert, die sehr erfolgreiche Großausstellung "Theatrum naturae et artis. Wunderkammern des Wissens", die 2001 mehr als 80 000 Besucher in den Martin-Gropius-Bau lockte. Damals wie heute war der renommierte Kunsthistoriker Horst Bredekamp federführend.
Während Bredekamp und sein Team das Leibniz-Thema routiniert meistern, agieren die Koordinatoren der Preußen-Stiftung in den mittleren Räumen weniger glücklich:
Man kommt von der Wunder- in eine Rumpelkammer, in der wertvolle Artefakte wie die historischen Bootsmodelle aus der Pazifikregion regelrecht versinken. Die manifeste Anbiederung an den vermeintlichen Zeitgeschmack, durchzogen von unzähligen Texttafeln und Hinweisschildern, verrät die Sehnsucht der Ausstellungsmacher nach Popularität. Durch das Abdriften ins Populistische gehen aber Fokus und Botschaft verloren und beginnen sich Ursache und Wirkung zu vertauschen. Die Exponate und die sie begleitenden Diskurse werden zu illustrierenden Ornamenten im Dienste des "Hufo"-Marketings. Keine These, nirgends.
Das antiimaginäre Museum, in dem das Infotainment-Spektakel keinen Raum für Kontemplation lässt, wird im letzten Teil der Ausstellung Wirklichkeit, der als "Labor der Zukunft" deklariert ist. Hier ist es vor allem die Berliner Zentral- und Landesbibliothek, die als dritte Partei des zukünftigen Nutzerkreises alles daran gesetzt hat, einen Raum der Reizüberflutung zu realisieren. Eine Vielzahl von Lautsprechern und Videoprojektionen macht Lust auf alles Mögliche, nur nicht auf das Lesen. Das mag in der Logik der Kuratoren gar kein Mangel sein.
Das Museum der Zukunft, das sie sich erträumen, ist ein Ort des besinnungslosen Schauens, nicht des Begreifens.
Bildunterschrift:
Versinken in der Schilderflut: Schiffsmodelle aus der Pazifikregion
Naive Malerei aus Nordamerika: Gemälde von David Bradley von 1997 und 2005
