Ausgabe: 09 / 2009
Seite: 67
Das zweite Leben als Geheimtipp
Von Thomas Wagner
Keiner ist so authentisch wie er. Und nur wer ihn kennt, weiß wirklich Bescheid: Die Marke "Künstler-Künstler" gilt als Ehrenzeichen des Kunstbetriebs. über eine Strategie, vergessene Helden zu recyceln
Es gibt jede Menge Labels und Masken, unter denen Künstler derzeit antreten. Neben all den Traditionalisten, den Authentizitätsdarstellern, Outsidern, Opportunisten, Spontaneisten, Referentialisten, Genealogen, Zirkulationsartisten, Zynikern und Hipstern hat einer derzeit besonders Konjunktur: der "artist's artist" oder Künstler-Künstler. Und das nicht nur in der bildenden Kunst. Angefangen hat es in der Pop-Musik, und neben dem Kunstbetrieb hat mittlerweile auch die Literaturszene den "writer's writer" als Ehrentitel entdeckt. Was hat es mit damit auf sich? Stehen die Zeichen auf Wiederentdeckung?
Zunächst scheint die Sache einfach: Ein Künstler-Künstler ist ein Künstler, der nicht allgemein bekannt und anerkannt ist, aber im Blickfeld von anderen Künstlern steht, die ihn zitieren oder sich in ihrem Werk auf ihn beziehen. Oft ist er eine Randfigur, gut für Gerüchte und Spekulationen. Meist ist er tot, und nur eine kleine Gruppe von Freunden und Sammlern hat die Erinnerung an ihn und sein Werk bewahrt. Kurz: Der Künstler-Künstler führt ein zweites Leben als Geheimtipp, soll es aber nicht bleiben. Einige aktuelle Beispiele: Bas Jan Ader, André Cadere, Poul Gernes, Lee Lozano, Gustav Metzger, Charlotte Posenenske, Paul Thek.
Das ist aber nicht alles, gibt es doch ganz unterschiedliche Gründe dafür, dass ein Künstler zu einem Künstler-Künstler avanciert.
Die meisten Exemplare fallen unter die Kategorie "Kauz", bei anderen zählt die Geste, die sie verkörpern. Etwa die, sich dem Markt zu verweigern oder die Kunst gleich ganz aufgegeben zu haben.
Und schließlich gibt es solche, die zu Lebzeiten durchaus nicht erfolglos waren, aber schlicht vergessen wurden, weil ihnen das Betriebssystem Kunst irgendwann nicht mehr gewogen war. Eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass es gelingt, einem Vergessenen einen neuen kollektiven Wert zuzuweisen, besteht nun darin, dass der, der seine Trouvaille ins System einspeist, selbst bekannt ist.
Standardbeispiel ist Mike Kelley, der 1992 feststellt: "Paul Thek war ein Künstler, der in seiner eigenen Zeit ziemlich gut aufgenommen, aus irgendeinem Grunde aber nicht als geeigneter Repräsentant jener Zeit betrachtet worden ist. Jetzt wird er von jener Geschichtsschreibung plötzlich wieder aufgenommen. Warum? Der offensichtliche Grund ist der, dass so viele der neueren Kunstwerke wie die von Paul Thek aussehen." Ob dem so ist oder ob das Gesagte nur für Mike Kelley stimmt, macht die Sache zusätzlich interessant.
Fakt ist: Es gilt etwas zu entdecken, was kaum einer kennt und was deshalb besonders dazu taugt, als obskure Inspirationsquelle herzuhalten. Dabei lässt sich gut beobachten, wie bestimmte Ideen wiederkehren und in verschiedenen Generationen andere Bedeutungen annehmen. Aber weshalb springen plötzlich so viele, die einst in die Ramschkiste wanderten, putzmunter aus derselben?
Auch hier gibt es mehr als einen Grund und mehr als eine Strategie.
Zunächst spiegelt sich in den Künstler-Künstlern, die zu einer bestimmten Zeit aufkommen, ein aktuelles Interesse. Auch kann es hilfreich für das eigene Schaffen sein, sich einen zum Vorläufer zu wählen, der das Sonderrecht genießt, das die Geschichte dem Obskuren, Geheimnisumwitterten, Widerständigen und Scheiternden nun einmal einräumt.
Umso leichter wird aus der noblen Geste, einen Vergessenen zu preisen, der Nachweis eigener Kennerschaft. Und schließlich verbirgt sich in der Beiläufigkeit, mit der vorgegangen wird, der Versuch einer nachträglichen Kanonisierung. Indem man, was unterging, als relevant für die Gegenwart lobt, zeigt man seine Verachtung für den Mainstream und sorgt für Gerechtigkeit. Wo alles permanent überbewertet ist, fordert das Unterbewertete sein Recht ein, wahrgenommen zu werden.
Manchmal ist es im Kunstbetrieb eben wie im Supermarkt. Es gibt jede Menge Gütesiegel. Wird dort mit "BioBio" für gesunde oder mit "Zahnmännchen" für säurearme Produkte geworben, so wird hier für eine Weile das Etikett "artist's artist" aufgeklebt. Der Markt verlangt nun mal permanent nach frischer Ware, kann diese aber nicht allein durch junges Gemüse befriedigen. Künstler- Künstler hat es immer gegeben. Heute aber, da jede dunkle Ecke ausgeleuchtet wird, verspricht er etwas, das offenbar mit ihm verloren gegangen ist: unabhängig und authentisch zu sein.
ist freier Kunstkritiker und war Redakteur bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Seit 2007 schreibt er "Wagners Kolumne" in art
Bildunterschrift:
Manchmal ist es im Kunstbetrieb wie im Supermarkt. Statt "Bio-Bio" wird hier für eine Weile das Etikett "artist's artist" aufgeklebt
