Ausgabe: 08 / 2009
Seite: 84-85
Die Moderne ist weiblich
Von Heinz Peter Schwerfel
KRITIK Mit mehr als 500 Werken von über 200 Künstlerinnen wird so parteiisch wie spannend die jüngere Kunstgeschichte neu interpretiert
elles@centrepompidou Centre Pompidou, Paris bis 24.5.2010
Kunst von Frauen ist schrill, erotisch, aggressiv - das ist der erste Eindruck, den die Präsentation von Werken ausschließlich weiblicher Künstler in der Sammlung des Centre Pompidou hinterlässt. Denn gleich zu Beginn warten wirre Bräute und eine Schießscheibe von Niki de Saint Phalle, das berühmte Selbstporträt mit offenem Schritt und Maschinenpistole von Valie Export oder Fotos der Französin Orlan, die 1977 fünf Franc für einen Künstlerinnenkuss berechnete. Der ist heute sicher mehr wert - aber im Jahre 2009 kommt eben manches zu musealen Ehren, was in den sechziger und siebziger Jahren noch unter lautem Protestgeschrei und gegen männliche Vorurteile durchgesetzt werden musste.
"Feuer frei" ist dieses erste Kapitel der Ausstellung "elles@centrepompidou" betitelt, weiter geht es mit "Genitalpanik"; aber dann folgen "Verletzungen" oder das "Zimmer für sich". Anspielung auf getrennte Schlafzimmer, aber auch Freiräume am Rande des männlich dominierten Betriebs, mit Installationen von Tatiana Trouvé, Louise Nevelson, Sophie Calle oder Mona Hatoum.
Die Kunst der letzten 40 Jahre wird von der weiblichen Peripherie her aufgerollt. So geht es von der bewussten Provokation der Guerilla Girls zur konzeptuellen Skulptur von Rachel Whiteread, von der reinen Form Marthe Wérys zum existentiellen Zweifel einer Louise Bourgeois oder zur selbstbefragenden Körperkunst von Gina Pane, Carolee Schneemann oder Marina Abramovic. Immer werden bahnbrechende Arbeiten der sechziger Jahre gekoppelt mit Werken jüngerer Künstlerinnen, Filminstallationen von Dominique Gonzalez-Foerster, Pipilotti Rist oder Tacita Dean wechseln ab mit Filmstills von Cindy Sherman oder einer Minifiktion von Rosemarie Trockel.
Es gibt - leider - überwiegend Westkunst, darunter viel zu viel Französisches, aber auch rare Gastauftritte, etwa der jungen Iranerin Ghazel.
Pionierinnen wie Frida Kahlo, Sonia Delaunay oder Germaine Richier hängen in getrennten Räumen einen Stock höher bei ihren männlichen Kollegen, und so liest man die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts plötzlich als Domäne der Frau - eine parteiische, aber spannende Interpretation der jüngeren Kunstgeschichte. Für einige Monate darf der kleine Unterschied hochleben, den die Kuratorin Camille Morineau im Katalog (Centre Pompidou und Flammarion, 39,90 Euro) besingt: Die moderne Kunst ist weiblich - zumindest im Centre Pompidou. Ein Interview mit der Kuratorin und weitere Bilder der Ausstellung finden Sie unter: www.art-magazin.de/elles
Bildunterschrift:
Orlans Automat verteilt seit 1977 Küsse der Künstlerin
