Ausgabe: 08 / 2009
Seite: 32-33

Netzwerk für Freunde

Von Ute Thon

Junge Videokunst, japanische Fluxus-Action, kosmische Installationen - bei Daniel Birnbaums großer Biennale-Ausstellung ist für jeden Geschmack etwas dabei. Ein Gesamtkunstwerk ist jedoch bei seinem kuratorischen "All Inclusive"-Prinzip nicht herausgekommen

Das Dilmma jeder Biennale sind die irrwitzigen Erwartungen, die in diese eigenartigen Weltspiele der Kunst immer wieder gesetzt und letztlich doch nie erfüllt werden. Dabei ist der Grad der Enttäuschung oft um so größer, je grandioser die Ausstellungskonzepte der Biennale- Kuratoren klingen. So entpuppte sich 2003 Francesco Bonamis episch anmutende Schau "Dreams and Conflicts: The Dictatorship of the Viewer" als zerfaserter Thesenparcours zu vieler eifriger Unterkuratoren.

Robert Storrs professorale "Think with the Senses, Feel with the Mind"-Nummer krankte 2007 an ihrer musealen Wichtigkeit. Vielleicht auch deshalb wählte Daniel Birnbaum diesmal ein schlichtes, fast schmerzhaft banales Motto: "Making Worlds". Denn mal ehrlich: Schafft nicht jeder Künstler mit seinen Werken ,eigene Welten' und ist nicht jede Ausstellung ‚eine Welt für sich'?

Worum es Birnbaum wirklich geht, ahnt man, wenn man den zentralen Ausstellungspavillon in den Giardini durchstreift: um Netzwerke und Networking. In der Mittelhalle hat Tomás Saraceno eine wabenartige Netzstruktur aus schwarzen Gummibändern verspannt. Das sieht schön aus, erinnert an Buckminster Fuller und explodierende Sonnensysteme und ist zudem begehbar, so dass man sich in dem Netz tatsächlich verfangen kann. Nathalie Djurberg legt dagegen psychologische Fallstricke aus, wenn sie in einem Wald aus verführerischen Riesenpflanzen drastische Trickfilme mit Knetfiguren zeigt. In dem niedlichen Environment verhandelt die schwedische Künstlerin handfeste Themen wie sexuellen Missbrauch und Sadomasochismus.

Verbindungslinien anderer Art beschwört Birnbaum mit älteren "Künstler-Künstlern" wie Gordon Matta-Clark oder Öyvind Fahlström, deren Werke er als Bezugsgrößen in die Ausstellung eingestreut hat. Hier und da stolpert man auch über die geringelten Holzstäbe von André Cadere. Zu Lebzeiten platzierte der 1978 gestorbene polnische Konzeptkünstler seine seriellen Objekte unerlaubt im öffentlichen Raum. Jetzt stehen sie hochoffiziell neben Zeichnungen der indischen Künstlerin Anju Dodiya oder "Instruction Pieces" von Yoko Ono.

Eine echte Entdeckung sind die Werke der 1954 gegründeten japanischen Künstlergruppe Gutai, eine Art Fluxus-Truppe des fernen Ostens, die mit Action-Painting, Happenings und experimentellen Filmen von sich reden gemacht hat. Die teils rekonstruierten Werke, zerfetzte Papierskulpturen, zerschossene Metallplatten und Glühbirnen im Sandkasten, zeugen von einer globalisierten Kunstbewegung, lange bevor dieser Begriff in Mode kam. Ähnliche Vernetzungen ergeben sich dann, wenn neokonkrete Kunst der 2004 gestorbenen brasilianischen Künstlerin Lygia Pape auf Wolfgang Tillmans' gefaltete, monochrome Fotoarbeiten trifft.

Im Arsenale sind die Verknüpfungslinien gröberer Natur. Hier setzt Birnbaum auf effektvolle Einzelinszenierungen. Den Auftakt bildet eine späte, dramatische Installation Lygia Papes von 2002: Im Halbdunkel zwischen vier mächtigen Säulen sind Goldfäden verspannt wie kosmische Strahlen. Im Raum dahinter bieten Michelangelo Pistolettos zerschlagene Spiegel eine theatralische Bühne zur Selbstreflektion. So könnte das im spannenden Wechsel immer weitergehen.

Doch die gigantischen Asenale-Hallen rauben in ihrer Weitläufigkeit und monotonen Abfolge offenbar jedem Kurator irgendwann den Atem. Zwischen Highlights wie Thomas Bayrles überraschend zeitgemäßer "Chrysler"-Tapete von 1970 oder Paul Chans pornografischem Schattenspiel "Sade for Sade's Sake" gibt es viele raumfüllende Fragezeichen. Warum zum Beispiel sind afrikanische Künstler immer für die wuseligen Recycling-Installationen zuständig?

Und worin genau besteht die im Katalog gepriesene "Komplexität" des abgefilmten Bonsaibaums, den Ceal Floyer an die Arsenale-Wand projezieren lässt?

Zuletzt bleibt das Gefühl, das Ganze ist mal wieder weniger als seine Einzelteile.

Birn baums wohl temperiertes "All Inclusive"- Prinzip vermeidet radikale Zuspitzungen, hat dafür aber für fast jeden Kunstgeschmack etwas im Angebot. Bei den Eröffnungsfeierlichkeiten in Venedig brachte es ein Kritiker auf den Punkt: Die Ausstellung sollte nicht "Making Worlds" lauten, sondern "Making Friends".

Bildunterschrift:

Theatralische Bühnen zur Selbstbespiegelung:

Michelangelo Pistolettos Raum mit 22 zerschlagenen Spiegeln "Twenty-two Less Two" (2009) im Arsenale; Paul Chans pornografisches Schattenspielvideo "Sade for Sade's Sake" (2009) im Arsenale und Nathalie Djurbergs surrealistische Paradiesgarten- Installation "Experimentet" (2009) mit drastischen Knetfigurtrickfilmen im Palazzo delle Esposizioni