Ausgabe: 08 / 2009
Seite: 44-50

Vorsicht: Parasiten!

Von Alain Bieber

Subversive Kunst ist Revolution auf Samtpfoten: Sie schleicht sich leise aus dem Hinterhalt an, um dann mit List, Leidenschaft und viel Humor die Symbole der Macht zu attackieren. Ein Report über die neue Politkunst jenseits verbrauchter Ideologien

Die Schöpfungsgeschichte der Moderne ist eine Geschichte radikaler Kulturkämpfer und kriegerischer Rhetorik.

Auch die subversive Kunst hat sich ihre Taktiken von Guerillakriegen abgeschaut:

Es geht um Überraschungseffekte, Täuschungsmanöver und Desinformation, um Sabotage, Zweckentfremdung und Überidentifikation.

Aus Mangel an Guerillakriegen, Repression und Zensur ist Subversion aber heute in Europa zu einer einfachen Kommunikationsmethode geworden - mit variabler Botschaft. Die Industrie betreibt Guerillamarketing, indem sie Street-Artists engagiert, um ihre Slogans illegal zu sprühen, und selbst Rechtsradikale zelebrieren den subversiven Schick mit Hitler-Hommage- Shirts wie "My boss is an austrian painter".

Subversion ist Selbstinzenierung, Zeitgeistphänomen - und vor allem der Kassenschlager der Kunstgeschichte. Künstler stilisierten sich schon immer gerne zu Rebellen, und Galeristen nutzten das Etikett zur Vermarktung, weil auch Sammler sich einen Hauch von revolutionärem Schick ins Wohnzimmer hängen wollten.

Heute ist Subversion ein Luxus, den sich liberale Gesellschaften leisten. Und Künstler haben dabei die Rolle des Hofnarren übernommen.

Sie haben die absolute Freiheit, nur den König werden sie trotzdem niemals stürzen.

Der Kapitalismus hat die Künstlerkritik vollständig absorbiert und integriert. Und die Hoffnung der Avantgarde, die Welt zu verändern, hat sich zu einem selbstbezogenen Versteckspiel gewandelt: Künstler zitieren sich selbst, torpedieren den Kunstbetrieb oder verulken andere Künstler. Aber noch immer versprüht die Subversion den subtilen Charme der Avantgarde. Und die unbändige Sehnsucht junger Künstler nach Subversion zeigt, dass der Kapitalismus die Sehnsucht nach Rebellion nicht aus zulöschen vermag.

Der Wunsch nach mehr Authentizität und Intensität ist ungebrochen. Künstler fordern wieder eine "höhere Qualität der Leidenschaft" (Guy Debord), ertragen das Spektakel der Massenmedien und des Kunstbetriebs nicht mehr, versuchen Konventionen zu entfliehen und außergewöhnliche Augenblicke zur Normalität werden zu lassen.

Und da bleibt die Subversion eine effektive konzeptionelle Steinschleuder. Und genau in dieser Narrenfreiheit liegt auch die historische Chance. Die Grenzen zwischen politisch-revolutionärer und künstlerischavantgardistischer Subversion sind heute fließend: Die Front Deutscher Äpfel parodiert die nationalsozialistische Ästhetik, um die Identifikationsmerkmale der rechten Szene zu zerstören, die Yes Men geben sich als Repräsentanten internationaler Konzerne aus und betreiben mittels übertriebener Forderungen eine "Identitätskorrektur", und das Netzkunst-Duo UBERMORGEN.COM führt "Experimente in globalen Kommunikationsräumen" durch, lotet dabei Schwachstellen aus und infiltriert virtuelle Unternehmen.

Ruppe Koselleck platziert seine eigenen Fotografien direkt im Möbelhaus, und Antoine Lejolivet und Paul Souviron bleiben gleich im Baumarkt, nutzen die Waren als Rohstoff und realisieren damit vor Ort temporäre Installationen.

Hinter diesen Projekten steckt mehr als nur subversiver Schalk und Kunstklamauk.

Die Künstler verhalten sich wie Parasiten, die wissen, dass sie den Wirt nicht töten können, aber trotzdem mit Leidenschaft den Organismus attackieren, um ein wenig Chaos in die Ordnung zu bringen: Sie prangern prekäre Arbeitsbedingungen an, wenden sich gegen Fetische der Kunstproduktion, tor pedieren den Personenkult in der Kunst und kritisieren elitäre Ausstellungspolitik. Aber eben ohne den moralisierenden Zeigefinger früherer Politkunst. "Man darf dem ernsthaften Grauen nicht mit grauenhaftem Ernst begegnen", erklärt der Künstler Ruppe Koselleck.

"Subversion erhöht den Sauerstoffanteil in der Luft. Sie ist eine für die Veränderung erstarrter Systeme notwendige Energie. Und in der Kunst stellt sie eine Sub-Version dar, also eine andere, mögliche Version oder Vision von Wirklichkeit. Subversion ist damit künstlerische Utopie." Und die Utopie war schon immer das Merkmal der Avantgarde.

Es gibt also endlich wieder Künstler, die nicht nur die Gegenwart reflektieren, sondern auch für eine andere Zukunft kämpfen.

Literatur: Thomas Ernst (u.a.): Subversionen:

Zum Verhältnis von Politik und Ästhetik in der Gegenwart, Transcript Verlag, 2008; Alessandro Ludovico (Hrsg.): UBERMORGEN.COM: Media Hacking vs. Conceptual Art, Christoph Merian Verlag, 2009; The Yes Men - Streich für Streich die Welt verändern, DVD-Dokumentation, Indigo, 2009.

Mehr Beispiele: www.art-magazin.de/subversion

Kasten:

Zur Geschichte der Subversion In seiner berühmten Vorlesung "Subversive Theorie" skizzierte der Politikwissenschaftler Johannes Agnoli 1989/90 die Geschichte der Subversion - und begann dabei mit Adam und Eva. Eva, die sich erfolgreich gegen die Fremdbestimmung auflehnte, war für Agnoli die erste subversive Revoluzzerin.

Der Begriff "Subversion" leitet sich eigentlich vom lateinischen Verb "subvertere" ab und bedeutet "umstürzen"; der Brockhaus definiert Subversion als eine "auf den Umsturz der bestehenden Ordnung zielende Tätigkeit im Verborgenen". Erst die Avantgardebewegungen des 20. Jahrhunderts - Dada, Surrealismus, Lettrismus - brachten den Begriff der Subversion in die Kunstgeschichte. Durch absurde Lautgedichte und unsinnige Bildcollagen, eine Freilegung des Unbewussten und die Ersetzung der abstrakten Malerei durch Buchstaben und Zeichen, attackierten sie das bürgerliche Kunstverständnis. "Der Dadaismus wollte die Kunst aufheben, ohne sie zu verwirklichen; und der Surrealismus wollte die Kunst verwirklichen, ohne sie aufzuheben", erwiderte später der französische Philosoph Guy Debord, Mitbegründer der Situationistischen Internationale.

Durch die Konstruktion leidenschaftlicher Alltagssituationen sollte alles zur Kunst werden - und sich so schließlich die Kunst selbst auflösen.

Zu den deutschen Ablegern gehörte die Gruppe Spur und später die Subversive Aktion (Dieter Kunzelmann: "Was geht mich der Vietnamkrieg an - ich habe Orgasmusschwierigkeiten!"). Als legitimer Nachfolger gilt die parodistische Kunstbewegung des Neoismus: Dessen wirksamste Strategie ist der "Kunststreik" - einfach nichts mehr machen!

Bildunterschrift:

Die YES MEN geben sich als Vertreter globaler Konzerne aus und betreiben "Identitätskorrekturen". 2008 verteilten sie 1,2 Millionen Exemplare einer gefälschten "New York Times", in der das Ende des Irakkriegs verkündet wurde. 2006 stellten sie im Namen des Militärdienstleisters Halliburton den "SurvivaBall" (oben) vor, der Manager vor dem Klimawandel schützen soll.

"Ich will meine Gedanken und Gefühle ehrlich kommunizieren und damit die Menschen aus ihrem alltäglichen Trott reißen" - Heiko Beck

"Ich wollte mein Leben authentischer und mutiger gestalten", erklärt der Düsseldorfer Aktionskünstler HEIKO BECK, 35. "Und dabei einfach sagen, was ich wirklich denke." So landete er auf der Straße und sorgt seitdem mit seinen Textbotschaften für Irritation im Stadtraum.

"Heil Boskop" ist der Schlachtruf der bundesweiten Spaßguerillatruppe FRONT DEUTSCHER ÄPFEL.

Die "Nationale Initiative gegen die Überfremdung des deutschen Obstbestandes" parodiert die nationalsozialistische Ästhetik und führt so die neofaschistische Logik ad absurdum.

Hans Bernhard und Lizvlx, alias UBERMORGEN.COM, infiltrieren im Netz Unternehmen: Mit "The Sound of Ebay" (2007/08) produzierten sie aus E-Bay-Nutzerdaten 8-Bit-Songs und Teletext-Pornobilder. "Wir sind Künstler, keine Aktivisten", sagt Bernhard. "Uns interessiert nur die Attacke selbst, das Konzept dahinter."

"Unsere Grundregel: Falls der Verkäufer eines Geschäfts uns eine offizielle Genehmigung erteilt, dann hören wir sofort damit auf " - Encastrable

Unendliche Rohstoffe und Möglichkeiten: Die französischen Künstler Antoine Lejolivet, 35, und Paul Souviron, 29, realisieren unter dem Pseudonym ENCASTRABLE ihre kurzlebigen Skulpturen illegal im Baumarkt. "Diese Geschäfte sind für uns wie eine Künstlerresidenz", sagt Souviron. "Wir arbeiten dort einen Tag lang, essen, machen eine Kaffeepause und dokumentieren am Ende unsere Arbeit."

Guy Debord

RUPPE KOSELLECK, 41, ist seit 1998 Teil der weltweit erfolgreichsten Ausstellung: Im Möbelhaus Ikea platziert er seine absurden Fotografien wie "Ich kann beim besten Willen keine Fischstäbchen erkennen" (2005) in die Bilderrahmen oder entsorgt alte Pornos in Nachtischschränkchen.

Der Stuttgarter Künstler PABLO WENDEL, 29, schlich sich als echter Krieger in die Terrakotta- Armee, inszenierte eine Explosion im Kunstverein - und ließ seine Skulptur "Tramper" (2009) in Litauen als Anhalter zurück. Leider hat diese Arbeit Hamburg noch nicht erreicht.