Ausgabe: 08 / 2009
Seite: 7-19

Studio

Von

18 400 Euro Strafe muss die aus Kambodscha stammende Französin Sam Rindy dafür bezahlen, dass sie im Juli 2007 in Avignon ein auf zwei Millionen Euro geschätztes Werk Cy Twomblys küsste. Der rote Lippenstiftabdruck auf der zwei mal drei Meter großen Leinwand wurde von vielen - darunter auch Twombly selbst - als ein gewalttätiger Akt von Vandalismus gewertet.

Rindy, die sich selbst als Künstlerin sieht, bezeichnet ihre Tat hingegen als heroisches "Zeugnis des Moments, der Liebe und der Macht der Kunst".

"Ich hab dir eine Kassette aufgenommen", ist ein Satz, der längst nicht mehr zum Repertoire Frischverliebter gehört. MP3-Player, die Tausende von Songs speichern können, haben den mit Herzklopfen zusammengestellten Mix von plusminus 20 Stücken gekillt. Die US-amerikanische Künstlerin Erika Simmons huldigt dem veralteten Medium mit Tape Art. Sie nudelt das Band von den Spulen und bastelt daraus die Konterfeis der Helden der Mix-Tape-Generation:

Jimi Hendrix, Bob Dylan, Ian Brown oder Jim Morrison. Wer jetzt Sehnsucht bekommen hat nach Vor- und Zurückspulen, Bandsalat oder dem Kribbeln fünf Sekunden vorm ersten Kuss, kann auf www.iri5.com, der Webseite von Erika Simmons, stöbern, einkaufen oder auch einfach in Erinnerungen schwelgen.

E INE LISTE VON AUSSTELLUNGSTITELN Kleines Glück 2009 1. Die Schönheit von Obst und Gemüse Museum August Kestner, Hannover 2. Das irdische Paradies Staatsgalerie Stuttgart 3. Heimweh Galerie Bob van Orsouw, Zürich 4. Schöne neue Welt Bongout Gallery, Berlin 5. Umräumdynamik Galerie Frank Schlag, Essen 6. Frühling Kunsthalle Fridericianum, Kassel 7. Haus kaputt - Haus heile Kunstverein Springhornhof, Neuenkirchen 8. Mon Village Musée du Quai Branly, Paris 9. Daheim ist am schönsten Galerie Epikur Wuppertal 10. Die gute neue Zeit Galerie Walk of Fame, Hamburg 11. Die Arbeit schmeckt Galerie Rothamel, Frankfurt 12. Dance of Life Galerie Anne Moerchen, Hamburg 13. Hoffnungswege Worpsweder Kunststiftung 14. Lecture on Paradise Galerie Dörrie Priess, Hamburg 15. Die Reise um mein Zimmer Künstlerhaus, Bremen

Rund um die Loire-Mündung findet noch bis zum 16. August die junge französische Biennale Estuaire statt. Rund 40 Künstler, darunter auch so renommierte wie Daniel Buren, Janet Cardiff oder Atelier Van Lieshout, haben sich zwischen Nantes und Saint Nazaire Orte ausgesucht und sich mit ihnen auf verschiedenste Weise auseinandergesetzt. Die Veranstalter bieten neben geführten Fuß- und Fahrradtouren auch Bootsfahrten an. Umfangreiches Informationsmaterial auf Englisch und Französisch gibt es auf www.estuaire.info

Zugegeben: Maarten Baas ist nicht der Erste, der auf die Idee eines in Echtzeit arbeitenden menschlichen Uhrwerks kommt - aber seine Serie Real Time ist wohl die bisher brillanteste! Das Paradestück ist die "Grandfather Clock": eine Art Schrank in der Form eines Standuhrkörpers mit Videoscreen. Auf dem wie Milchglas aussehenden runden Bildschirm sieht man einen Mann, der mit einem Filzstift die Zeiger auf das Zifferblatt zieht - Minute für Minute, zwölf Stunden lang. Bei einer anderen "Real Time"-Uhr hat Baas Straßenkehrer aus der Vogelperspektive gefilmt, die zwei riesige Zeiger aus Unrat über einen Platz kehren. Auf der "Design Basel/Miami" installierte er ein Pförtnerhäuschen, in dem ein Mann Stifte in Echtzeit über seine Schreibtischunterlage schob, um die Uhrzeit anzuzeigen. Auf Baas' Homepage www.maartenbaas.com kann man sich alle "Real Time"-Uhren als Youtube-Clips ansehen. Schlagartig berühmt geworden ist der damals 25-jährige Absolvent der Design Academy Eindhoven 2003 auf der Mailänder Möbelmesse mit pechschwarz verkokelten Möbelklassikern. Vielleicht hat der schnelle - und damals völlig unerwartete - Ruhm den Jungstar nun zu den charmanten Variationen solch eines grundlegenden Themas animiert ...

Obwohl immer mehr Menschen in Online-Netzwerken wie MySpace, Twitter oder Facebook ihr Leben offenbaren, scheint sich still und heimlich auch ein Trend zu mehr Privatsphäre auszuprägen. Firmen wie Inflate Products Ltd. oder Davidson Rafailidis bieten aufblasbare oder selbst zusammenbaubare Raumtrenner für Großraumbüros, Messen oder andere Massenveranstaltungen an. Im Schutz der hippen weißen Luftmatratzenmauer (Office in a Bag, OIAB) kann man dann auch wieder ungestört mit seinen Followern twittern oder auf Facebook seinen Status posten ...

Den gelungensten Kunstaktionen liegt oft eine verblüffend simple Idee zugrunde: Menschen, die sich in öffentlichen Nischen, Winkeln und Ecken stapeln zum Beispiel. Genau das macht der österreichische Tänzer und Performancekünstler Willi Dorner in seinem Foto- und Aktionsprojekt Bodies in Urban Spaces. Die Bilder irritieren Alltag und Sehgewohnheiten, wie man im Kunstkontext so gern sagt, ohne dass die körperliche Hinterfragung von Realität, Normalität oder Lebensraum unter zu viel intellektueller Schwere leidet. Mehr Infos unter: www.ciewdorner.at

FRÜHE ERKENNTNIS - KINDER ERKLÄREN KUNST (9)

Dillon, 5, über "Judith und ihre Magd" (um 1625) von Artemisia Gentileschi Da verstecken sich zwei Frauen in einem Indianerzelt.

Es ist ganz dunkel im Zelt, aber von draußen kommt Kerzenlicht rein. Vielleicht haben sie gerade Abendbrot gegessen, als sie sich schnell verstecken mussten.

Ich glaube, sie wollen jemanden verjagen, denn die eine hat ein Schwert in der Hand. Ich war schon mal in einem richtigen Indianerzelt in einem richtigen Indianerdorf! Mit meiner Oma. Da hatten die Menschen Federn auf dem Kopf und sahen aus wie Vögel.

Die Frauen auf dem Bild sind bestimmt auch Indianerinnen, nur von einem anderen Stamm. Sie müssen sich vor den Cowboys verstecken, weil die Cowboys ihr Gold klauen wollen. Ich finde es nur komisch, dass die Frauen keine richtigen Indianersachen anhaben - und eigentlich sind richtige Indianerinnen auch gar nicht so dick, weil sie immer reiten müssen.

DIE ART-HOME-STORY (25)

Zu Gast bei Anna Jermolaewa Krimskrams, Nippes, Utensilien - im Laufe der Zeit sammelt sich so einiges an. Wir besuchen Künstler in ihren Ateliers und lassen uns ihre Lieblingssachen und Herzensdinge zeigen.

Münze Mit der Münze verbinde ich eine sehr persönliche Geschichte.

Sie hängt mit meiner Flucht aus Russland zusammen und damit, dass meine Oma, die Kassiererin war, mir früher immer diese Spezialprägungen mitgebracht hat, die damals normales Zahlungsmittel waren.

Heute sind diese Prägungen begehrte Sammlerstücke. "50 Jahre sowjetische Macht. 1917-1967.

Es lebe die Oktoberrevolution" steht darauf geschrieben.

Affe und Mausmaske Mein Lieblingsspielzeug - wir kennen einander schon sehr lange. Ich habe ihn, wie so vieles aus meiner Spielzeugsammlung, auf dem Flohmarkt gekauft. Dieser Affe ist symptomatisch für mich und meine Arbeit, thematisch kehre ich immer wieder zu ihm zurück. Ich habe ihn gezeichnet, gefilmt, fotografiert und kürzlich sogar in ein Theaterstück eingebaut.

Er ist eine Handpuppe aus Gummi und bildet die Basis meiner Maskensammlung, die ich auf Märkten der ganzen Welt erstanden habe. Dazu gehören auch die Mausmasken, die in der Videoarbeit "Kiss" von 2006 die Hauptrolle spielen.

Gegenstand Oft werde ich gefragt, ob ich mit Vera Jermolaewa, einer Künstlerin im Kreise Kasimir Malewitschs, verwandt bin. Bin ich nicht - in meiner Familie gibt es gar keine Künstler - mit Ausnahme meines Onkels, der seit Jahren in seiner Freizeit diese Objekte aus Baumrinde gestaltet. Seit 35 Jahren baut er als Ingenieur Atom- U-Boote und lebte insgesamt drei Jahre unter Wasser.

Als Ausgleich braucht er dieses kreative Handwerk.

Puppe Dieses Stehaufmännchen, auf Russisch "Nevaljaschka", habe ich in St. Petersburg einer alten Frau an einer U-Bahnstation abgekauft. Ursprünglich waren es 14 Stück, bis auf dieses Exemplar wurden alle mit der Edition zur Videoarbeit "Drei Minuten Überlebensversuche", die ich 2000 für Harald Szeemann gestaltet habe, vergeben.

Das Stehaufmännchen ist für mich mit vielen Bedeutungen, vor allem gesellschaftspolitischen, aufgeladen.

Die solarbetriebene Maschine der Wiener Designer Katharina Mischer und Thomas Traxler stellt genau ein Objekt pro Tag her: So lange die Sonne scheint, läuft Garn durch ein Farb-, und ein Harzbecken und wickelt sich schließlich um eine große Spule, wo es aushärtet.

Am Abend ist dann - je nach Form der Spule - ein Hocker, ein Lampenschirm oder eine Bank fertig. Je sonniger und wärmer es ist, desto heller und dicker ist die Garnschicht.

"Mischer'Traxler" ließen sich bei The idea of a tree vom Wuchs der Bäume inspirieren, an deren Jahresringen man die klimatischen Bedingungen ihrer Entstehung ablesen kann.

Zu sehen ist die Maschine auf der Messe Ars Elecronica in Linz vom 3. bis 8. September

Im Jahr 399 nach Christus starb in Rom die heilige Fabiola. Sie hatte sich von einem zunächst lasterhaften Leben abgewandt, um sich ganz der Pflege von Kranken und Sterbenden zu widmen. In katholischen Regionen ist ihr Bildnis noch häufig anzutreffen, meist sind es Kopien eines Gemäldes aus dem 19. Jahrhundert, auf dem man sie im Profil sieht, betend, in rotem Gewand.

Der belgische Künstler Francis Alÿs hat auf Flohmärkten, in kleinen Läden und Privathaushalten Hunderte dieser Kopien gefunden; aus der seriellen Heiligen ist eine ebenso bizarre wie bewegende Installation entstanden (noch bis zum 20. September in der Londoner National Portrait Gallery).

Bildunterschrift:

Jemand wie François Pinault stellt sich nicht hinten an. Der französische Multimillionär und Großkunsteinkäufer, dem in Venedig bereits der Palazzo Grassi gehört, eröffnete einen Tag vor der Biennale nun sein zweites Museum in der Lagunenstadt. In der von Tadao Ando für 25 Millionen Euro umgebauten Zollstation Puntadella Dogana aus dem 17. Jahrhundert zeigt Pinault sein Best-of der vergangenen Boom- Jahre. Neben Werken von Jeff Koons, Jake und Dinos Chapman oder Cindy Sherman sorgt auch eine Skulptur von Maurizio Cattelan für Aufmerksamkeit: ein ausgestopftes Pferd, das mit dem Kopf durch die Wand zu wollen scheint. Auch der Perlenvorhang im Hintergrund ist mehr als dekorativer Raumteiler. Es handelt sich um eine Arbeit von Felix Gonzalez-Torres.

Der Wert Tausender antiker Schätze, die im neuen Akropolis-Museum wieder eine Heimat gefunden haben, ist unermesslich. 56 Friesabschnitte aus dem wichtigsten Tempel der Akropolis vermissen die Griechen allerdings noch immer schmerzlich - sie befinden sich seit 1801 in England und sind im British Museum in London ausgestellt. Mit dem atemberaubenden Bau des Schweizer Architekten Bernard Tschumi erhöht Athen nun den Rückgabedruck, denn bisher stützten sich die Briten vor allem auf das Argument, in Athen gebe es keinen geeigneten Ausstellungsort für den zirka 160 Meter langen und 96 Platten umfassenden Parthenon-Fries. Das ist nun hinfällig, da die dritte Etage des insgesamt 23 000 Quadratmeter großen Hauses, von wo aus man nebenbei auch einen spektakulären Ausblick auf den Akropolis-Hügel hat, nun ganz dem Fries gewidmet ist. Zur Feier des neuen Museums kostet bis zum Jahresende der Eintritt nur einen symbolischen Euro.

Der junge deutsche Fotograf Gerrit Starczewski hat bei Popkonzerten nur eins im Sinn: Füße! Hier ist ein Best-of seiner von 2005 bis 2009 entstandenen Serie Dancing Shoes:

1. Eddie Argos (Art Brut), 2. Brandon Flowers (The Killers), 3. Erlend Øye (Kings of Convenience), 4. Tobias Jundt (Bonaparte), 5. Stuart Price (Zoot Woman), 6. Mieze Katz (Mia), 7. Mariam Wallentin (Wildbirds & Peacedrums), 8. Jason Sellards (Scissor Sisters), 9. Wayne Coyne (Flaming Lips), 10. Liam Gallagher (Oasis) und 11. die Füße eines Clubgasts.

Klar, dass die nächsten Ausstellungsorte von Starczewskis Bildern Musikevents und nicht Museen sind: erst das "Berlin Festival" am 7. und 8. August und dann das "Reeperbahn Festival" von 24. bis 26. September in Hamburg.

Der Berliner Künstler Thomas Kilpper verwandelte den Linoleumboden der Kantine des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit in einen 800 Quadratmeter großen Druckstock. Von Februar bis Mai fräste Kilpper mit Messern, Trennschleifer und Kettensäge rund 90 Motive aus der Geschichte der Überwachung und des Widerstands in den Boden, darunter den Schauspieler Ulrich Mühe in seiner Rolle als Stasimann in "Das Leben der Anderen", Innenminister Wolfgang Schäuble oder Rosa Luxemburg. Zu "State of Control" gibt es zum Ende der Ausstellung einen Katalog, der im Verlag Walther König erscheint (19,80 Euro). Mehr Infos und Bilder unter www.art-magazin.de/kilpper

Helden des analogen Musikzeitalters als Bandsalatporträts: Jimi Hendrix, Bob Dylan, Jim Morrison und Ian Brown (von oben links im Uhrzeigersinn)

Céleste Boursier-Mougenot lässt auf der Place du Bouffay

in Nantes Zebrafinken auf E-Gitarren landen, laufen und laute Musik machen

Installation in alter Keksfabrik "ohne Titel" von Vincent Mauger

Menschliches Uhrwerk mit Filzstift: gezeichnetes Zifferblatt der "Grandfather Clock" des niederländischen Designers Maarten Baas - eine von mehreren ungewöhnlichen Uhren aus der Serie "Real Time"

Für "Bodies in Urban Spaces" lässt Willi Dorner Tänzer und Kletterer blitzschnell von urbanen Nischen Besitz ergreifen

Hippe Privatsphäre unter Noppenfolie von Davidson Rafailidis (oben) und aufblasbarer Raumteiler von Inflate Products Ltd. (links oben)

Die russische Videokünstlerin Anna Lermolaewa, 39, lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Wien. Mehr Infos zu Werk und Ausstellungen: www.jermolaewa.com (Foto: Lukas Beck)

Grüner Hocker von "Mischer'Traxler"

Diese Maschine baut Möbel - in totaler Eigenregie und so lange es hell ist und die Sonne scheint

Als hätten Andy Warhol und die katholische Kirche zusammen gearbeitet: Installation von Francis Alÿs mit Gemäldekopien