Ausgabe: 08 / 2009
Seite: 67
Wie man Blumentöpfe gewinnt
Von Thomas Wagner
Gerade in Zeiten der Krise könnte die Ökonomie von der Kunst lernen, meint . Eine kleine Verschiebung der Wahrnehmung, ein kleiner Dreh des Gewohnten genügt, und alles sieht erfreulich anders aus
WAGNERS KOLUMNE
Soll bloß keiner glauben, die Kunst hätte nichts zur Ökonomie beizutragen. Nein, nicht der Kunstmarkt, nicht die Großverdiener und Kunstgroßunternehmer Jeff Koons oder Damien Hirst, von denen immer die Rede ist, nicht die Auktionen, mit ihren Millionenumsätzen - ach bewahre, nein, die Kunst selbst. Wir reden ja ohnehin viel zu viel vom Geld und starren auf den Markt, dieses unbekannte und scheinbar so unkontrollierbare Wesen, ohne genau genug hinzuschauen und uns dessen Logik klar zu machen.
Dabei ist im Grunde genommen alles ganz einfach. Folgen wir den Argumenten des wunderbaren Zeichners und Denkers Tomas Schmit (1943 bis 2006), der Zeit seines Lebens nicht müde wurde, sich mit der Frage "Können Menschen denken?" herumzuschlagen, dann ist alles nur eine Frage der Perspektive, die man einnimmt, und der Art, wie man rechnet. Also notierte er in einer Edition, die den bezeichnenden Titel "über das gewinnen von blumentöpfen" trägt, 1995 mit Bleistift mitten auf einem Blatt folgende exemplarische Rechnung: "wieso verdiene ich eigentlich mehr geld als otto rehagel?: o. r. verdient 2 000 000 und erfreut mit seiner Arbeit 20 000 000, = 10 pf. pro erfreuter person; ich verdiene 20 000 und erfreue 200, = 100 dm pro erfreuter person. 1000 mal mehr: das ist ungerecht!" Da haben wir es wieder, das Lieblingsthema der Deutschen, das mit Sicherheit den Wahlkampf der kommenden Monate dominieren wird. Die Welt ist ungerecht, weil der eine mehr verdient als der andere. Bei Schmit kommt die gelbe Farbe des Neids trotzdem nicht vor. Vielmehr steht die populistische Logik der Politik mit einem Mal Kopf, und der Künstler hat den Blumentopf gewonnen, weil nun er es ist, der, bescheiden und mit nichts als einem einfachen Blatt Papier und einem pfiffigen Gedanken über die schnöde Realität triumphiert.
So kann Kunst eben auch sein. Pfiffig, augenzwinkernd, lebenspraktisch und erhellend. Und so ist sie immer wieder. Eine kleine Verschiebung unserer Wahrnehmung, ein kleiner Dreh des Gewohnten genügt, und schon sieht alles erfreulich anders aus. Deshalb - nicht, weil es immer auch aufgeblasene Künstler und aufgeblasene Kunst gibt, und auch nicht, weil Renditen steigen und soziales Prestige lockt -, gibt es nach wie vor keine Alternative zur Beschäftigung mit Kunst.
Die Ökonomie aber lässt sich nicht gar so leicht überlisten wie sich der Blickwinkel verändern lässt. Alle Bereiche unseres Lebens scheint sie im Griff zu haben. Der französische Künstler Marcel Duchamp, auch er einer, der zwischen den Zeilen zu lesen wusste, hat bereits 1963 geahnt, wohin die Reise gehen wird, als er in einem Interview sagte: "Aber heutzutage zwingt die Integration der Kunst in die Gesellschaft den Künstler, sich deren Forderungen zu unterwerfen.
Im Jahr 1913 war ,zero' - das ökonomische Niveau, bei welchem ein Künstler gerade noch auskommen konnte - so niedrig, dass ein Boheme-Leben möglich war. Sie brauchten nicht allwöchentlich daran zu denken, Ihre Miete oder sonstwas zu bezahlen.
Sie zahlten einfach Ihre Miete nicht. Jetzt ist ,zero' zu hoch. Sie können es sich nicht mehr leisten, ein junger Mensch zu sein, der überhaupt nichts tut. Wer arbeitet schon nicht? Sie können nicht leben, ohne zu arbeiten, was etwas Schreckliches ist. (...) Sie müssen arbeiten, um Ihr Atmen zu rechtfertigen." Ob sie durch pfiffiges Denken erfreut wie bei Tomas Schmit, oder anders herum, ob sie der Freiheit den Atem raubt, wie Marcel Duchamp besorgt feststellt - die Kunst entkommt den Zumutungen der Ökonomie nicht. Und doch widersteht sie dem ökonomischen Druck, der heute auf allem lastet, was wir tun, auf eine einfache, aber wirksame Weise: indem sie sich weigert, die simple Sprache der Macht nachzusprechen und die glatten Bilder der Täuschung zu übernehmen. Die Dichter sind "heute für die Sprache so etwas wie das, was die Regenwürmer für die Erde sind", sagt der Schriftsteller Urs Widmer, und schon vor mehr als 40 Jahren hat Duchamp prophezeit, der große Künstler der Zukunft würde im Untergrund wirken. Also bitte: Die Erde schön locker halten, damit aus ihr etwas wachsen und gedeihen kann. Nur so lassen sich noch viele Blumentöpfe gewinnen.
ist freier Kunstkritiker und war Redakteur bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Seit 2007 schreibt er "Wagners Kolumne" in art
Bildunterschrift:
Marcel Duchamp hat schon vor 40 Jahren prophezeit, große Künstler würden in Zukunft im Untergrund wirken
