Ausgabe: 08 / 2009
Seite: 34-35
Der goldene Narziss
Von Ralf Schlter
Sprechende Haustiere, zerbrochene Tische und tote Sammler im Swimmingpool: In den Länderpavillons werden Arbeiten spektakulär in Szene gesetzt. Dabei war die Kunst selten so selbstbezogen wie in diesem Jahr: Sie interessiert sich vor allem für Kunst
RALF SCHLÜTERBisher ist die Biennale von Venedig ganz gut ohne einen eigenen Schutzheiligen ausgekommen; für ihre Markenbildung und ihren Kunstpreis übernahm sie einfach den Löwen, der für den heiligen Markus steht, von ihrer Gastgeberstadt. In diesem Jahr hätte es aber auch ganz gut gepasst, den griechischen Jüngling Narziss zur offiziellen Symbolfigur der Giardini zu erklären. In der Sage sitzt er am Wasser und betrachtet unablässig sein eigenes Abbild. Womöglich ringt er um Selbsterkenntnis, vielleicht ist er aber auch rettungslos überwältigt von der eigenen Schönheit und Bedeutung.
Selten hat sich die Kunst so hingebungsvoll mit sich selbst beschäftigt wie in den Länderpavillons dieser Biennale. Für Großbritannien zeigt Steve McQueen die Filmarbeit "Giardini", eine poetische, aber auch ziemlich langweilige Meditation über die Frage, was eigentlich in den Gärten so passiert, wenn mal keine Biennale ist. Müll liegt herum, Hunde streunen übers Gelände, Regentropfen fallen auf Herbstlaub. So trist ist die Welt also ohne Kunst!
Im österreichischen Pavillon läuft ein Film, in dem sich Dorit Margreiter mit eben diesem Pavillon befasst. Zum Glück wurde sie nicht allein eingeladen: Elke Krystufek malt wild gegen alte Geschlechterrollen an, Franziska & Lois Weinberger verbinden Gartenarbeit mit Konzeptkunst.
Das herausragende Beispiel einer Kunst, die im Dickicht der eigenen Verflechtungen und Bezüge untergeht, liefert der Engländer Liam Gillick im deutschen Pavillon. Er hat eine schmuck- und funktionslose Einbauküche aus Tannenholz installiert, die Schränke laufen quer durch die Räume und sollen, wenn man Gillick richtig versteht, der monumentalen Architektur des Pavillons den nüchternen Funktionalismus der legendären "Frankfurter Küche" - also: der Moderne - entgegensetzen. Wieder einmal muss also der Geist seiner nationalsozialistischen Bauherren aus dem "Germania"-Tempel aus getrieben werden - und das 16 Jahre nach Hans Haackes grandioser Arbeit mit den zertrümmerten Bodenplatten, in der zu diesem Thema alles gesagt wurde. Offener können Türen gar nicht sein, Gillick rennt sie trotzdem noch mal ein.
Kurator Nicolaus Schafhausen wurde nicht müde zu betonen, wie intensiv Gillick zur deutschen Nachkriegsgeschichte recherchiert habe - und genauso wirkt seine Arbeit denn auch: Wie eine streberhaft erfüllte Hausaufgabe zum Thema "Deutsches Design im 20. Jahrhundert", die uns nichts Neues erzählt und deren unendliche ästhetische Armseligkeit noch gesteigert wird durch einen kümmerlichen Gag. Eine ausgestopfte Katze hockt auf einem Schrank und raunt eine melancholische Geschichte in den Raum. Jetzt fehlt eigentlich nur noch ein symbolisch kontextualisiertes Katzenklo.
Es passt zu dieser Biennale, dass auch der spektakulärste und beliebteste Beitrag selbstbezüglichen Charakter hat: Das Künstlerduo Elmgreen & Dragset verwandelte für sei nen gesamtskandinavischen Beitrag "The Collectors" den dänischen Pavillon in eine mondäne Wohnung, die aber durch abgebrochene Treppen und verkohlte Kinderzimmer etwas Katastrophisches hat; der nordische Pavillon ist zum protzigen Loft eines schwulen Sammlers geworden: An der Wand hängt echte Kunst von Tillmans bis Tom of Finland, der Hausherr selbst treibt tot im Pool. Das Leben mit Kunst als schwarzer Witz: Schade, dass dem Duo nur eine "lobende Erwähnung" zuteil wurde.
Es gibt dann auch Beiträge von Künstlern, die sich tatsächlich für die Außenwelt interessieren: Fiona Tan drehte für die Niederlande einen bewegenden Film über Asien nach Berichten von Marco Polo; Péter Forgács für Ungarn beschäftigt sich mit dem Gesicht und grub dafür rassistische Physiognomiestudien der Nazis aus; im russischen Pavillon zeigen gleich sieben Künstler grelle bis subtile Kunst; und für Polen lässt Krzysztof Wodiczko Immigranten wie Schatten auftreten, die durch unser freies Europa geistern. Den Goldenen Löwen bekam der US-Beitrag von Bruce Nauman - das geht eigentlich in Ordnung, wirkt aber auch wie eine Selbstreferenz: Schon 1999 er hielt der Künstler den Preis für sein Lebenswerk.
Termin: bis 22. November. Katalog: 2 Bände, Marsilio Editori, 68 Euro. Mehr Infos: www.artmagazin. de/venedig-2009
Bildunterschrift:
Oben: Liam Gillicks funktionale, aber funktionslose Einbauküche mit Katze (Bildmitte, auf dem Schrank) im deutschen Pavillon. Links: Péter Forgács zeigt für Ungarn Aufnahmen aus einem rassistischen Physiognomie-Archiv der Nazis; oben rechts ein Blick in den österreichischen Pavillon mit Wandarbeiten der Malerin Elke Krystufek
