Ausgabe: 08 / 2009
Seite: 52-57

Der Duce schenkt den Italienern eine Stadt

Von Gerhard Mack

Im faschistischen Italien geht die Moderne seltsame Wege. Als Mussolini die Pontinischen Sümpfe trockenlegen ließ, entstand hier Sabaudia, ein Musterstädtchen des neuen Bauens

SERIE

DIE MODERNE Wie Bilder die Welt verändern: Der Kompaktkurs zur Kunst des 20. Jahrhunderts 1940-1950: Krieg in Europa, Aufbruch in den USA + Reportage Italien

Vom Meer hört man leise die Brandung.

Im nahe gelegenen Nationalpark zwitschern die Vögel. Hier gibt es weder große Fabriken noch lärmenden Verkehr. Selbst ein Taxi ist nur auf Voranmeldung zu ergattern. Wer nach Sabaudia fährt, möchte in Ruhe Ferien machen.

"Da können Sie sonst nichts unternehmen", bestätigt der Taxifahrer und zählt die Hotels auf, die er zur Übernachtung empfiehlt.

An diesem Wochenende sind fast alle ausgebucht. Die "Alpinisti", die Alpenjäger der italienischen Armee, haben die Region des "Agro Pontino" südöstlich von Rom zu ihrem Jahrestreffen auserkoren, und es gibt im Umland wohl keine Bar, in der die grünen Hüte mit ihren riesigen Federn nicht aneinander stoßen.

Eigentlich war das idyllische Städtchen 1933 als Landwirtschaftszentrum gegründet worden. 1927 hatte Benito Mussolini die Parole der "ruralizzazione", einer agrarischen Zivilisation, ausgerufen und ein Jahr später gefordert: "Macht die Städte leer." Die Problemviertel der Großstädte sollten abgeräumt und ihre Bewohner aufs Land um gesiedelt werden. Die benötigte Fläche wollte er durch Trockenlegung der Pontinischen Sümpfe südlich von Rom gewinnen.

"Von den Bergen bis zum Meer war hier alles Sumpfland. Wo wir jetzt sitzen, zeigen alte Fotos ein paar kümmerliche Hütten, sonst gab es nichts", erzählt ein Bewohner Sabaudias in der Bar an der Piazza del Comune.

Mit dem Duce haben sie hier kein Problem. Schließlich hat er die Sümpfe trockengelegt.

Und daran waren schon die alten Römer gescheitert.

Die faschistische Variante des Rousseauschen "Zurück zur Natur" war im "Agro Pontino" wirtschaftlich wenig erfolgreich.

Die Umsiedler hatten kaum Erfahrung mit Landwirtschaft. Und die Vorgabe, Getreide anzubauen, passte nicht zur Beschaffenheit der Böden. Aber das ideologische Unterfangen hinterließ eines der besterhaltenen Ensembles der Architektur der Moderne. Fünf Städte hat Mussolini in der Region gegründet und mit zahllosen Weilern, den so genannten Borgi, und Tausenden von kleinen Einzelhöfen umgeben. Viele davon konnten junge, der Moderne zugewandte Architekten aus Rom bauen. In der Kreisstadt Latina scheiterten sie noch an den Proportionen des Stadtzentrums. Bei der zweiten Stadt, Sabaudia, gelang ihnen ein Meisterstück urbanistischer Planung. Plätze und Straßen haben angenehme Proportionen. Die zumeist zweigeschossigen Bauten schaffen mit ihren Flachdächern und dem Wechsel von Laubengängen, Balkonen und Loggien eine optische Einheit. Im Erdgeschoss sind Geschäfte und Lokale untergebracht, in der oberen Etage wird gewohnt. Man fühlt sich weder eingeengt noch verloren. Alles ist in einer schlichten, modernen Sprache aus klaren Volumen gehalten, die in den Details auch gerne auf traditionelle Elemente zurückgreift.

Und zwischendurch überraschen einzelne Gebäude durch eine ungewöhnliche Gestaltung. Das Postamt von Angiolo Mazzoni ist mit seinen abgerundeten Elementen und der Fassade aus blauen Fliesen zu einer Ikone der neusachlichen Architektur Italiens geworden, deren Eleganz viel der Anregung durch die russischen Arbeiterklubs in Moskau verdankt.

Im Zentrum ragt der Rathausturm 42 Meter in den Himmel und ordnet in unmittelbarer Umgebung die beiden zentralen Straßenachsen. Auf seinem Balkon konnte König Vittorio Emanuele sich nach nur 253 Tagen Bauzeit bei der Einweihung der Stadt am 15. April 1934 der Bevölkerung präsentieren.

Schließlich war Sabaudia nach dem Königshaus Savoyen benannt. Der Thronfolger verbrachte hier Ferien, und die königliche Familie ließ sich in der Kirche eine Privatkapelle einrichten. Die Faschisten haben Altar und Thron auf sich bezogen, und die Architekten gaben diesem Selbstverständnis Ausdruck. Die Casa del Fascio, die örtliche Parteizentrale, steht vis-à-vis vom Rathaus. Die Kirche ist in Blickweite und zeigt in einem Mosaik über dem Eingang die Verkündigung Mariens über den lokalen Feldern, auf denen Mussolini als Erntearbeiter aktiv ist.

Wer vor der Kirche steht und den Blick von der Fassade zu den harten Schlagschatten schweifen lässt, die das zylinderförmige Baptisterium auf den Vorplatz wirft, glaubt, sich in einem Gemälde von Giorgio de Chirico aufzuhalten. Wohl an wenigen Orten lässt sich so unmittelbar erleben, wie nahe sich die Architektur der Moderne und die Skepsis vor ebendieser Moderne, von der die Bilder des Italieners sprechen, doch sind.

Und man wundert sich nicht, dass zeitgenössische Künstler, Architekten und Intellektuelle in Begeisterungshymnen verfielen.

Le Corbusier sah hier Ansätze seines Traums einer modernen Stadt verwirklicht und bekannte:

"Hier ist ein süßes Poem auferstanden, ein bisschen romantisch, geschmackvoll, ein sicheres Zeichen von Liebe." Der Futurist Filippo Tommaso Marinetti lobte die Stadt als "città futura". Und selbst Alberto Moravia, der von Kirche und Faschismus drangsaliert wurde, ließ es sich nicht nehmen, hier wiederholt Ferien zu machen.

Während in Deutschland das Bauhaus ums Überleben kämpfte, 1933 aufgelöst wurde und eine ganze Reihe berühmter Architekten wie Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe und Hannes Meyer in die USA und die Sowjetunion emigrierten, ergatterten die Vertreter des neuen Bauens in Italien Großaufträge. Viele von ihnen waren wie Giuseppe Terragni im norditalienischen Como Faschisten der ersten Stunde. Den Aufbruch in eine neue Zeit, den Mussolinis Schwarzhemden den Italienern mit Rizinusöl und Stöcken verordneten, wollten sie mit einer neuen Architektur bewerkstelligen. Im Dezember 1926 schlossen sich sieben junge Architekten, die gerade ihr Examen gemacht hatten, in Mailand zur "Gruppe 7" zusammen.

Mit ihrer Forderung nach einer "architettura razionale", die ihnen die Bezeichnung Rationalisten einbrachte, wurden sie schnell zum avantgardistischen Stoßtrupp des modernen Bauens in Italien. In Manifesten kündeten sie einen "esprit nouveau" an: "Unsere Kunst will die sein, welche die Zeit fordert", erklärten sie bündig und sprachen den eigenen Entwürfen "ewige monumentale Schönheit", die "Ratio der römischen Architektur" und einen "absoluten monumentalen Wert" zu.

Als sie 1931 ihre Ansprüche auch mit einer Ausstellung in Rom vertraten, kam Mussolini zur Eröffnung und war so angetan, dass er nichts dagegen hatte, dass die Protagonisten Adalberto Libera, Mario De Renzi und Giuseppe Terragni im Jahr darauf wesentliche Teile der Ausstellung zur Feier des zehnten Jahrestags der "faschistischen Revolution" gestalteten. Und der Duce zeigte ein offenes Ohr für die Jungen, die in den fünf Jahren zuvor gerade mal eine Hand voll Bauten realisiert hatten. Die Faschisten waren dabei, Italien in eine Großbaustelle zu verwandeln. Auf längere Sicht setzten sich zwar die konservativere Positionen der "Säulen und Bogen"-Fraktion durch, aber die Rationalisten erhielten zumindest für ein paar Jahre zahlreiche Aufträge für Erholungszentren, Parteizentralen, Postämter, Bahnhöfe und Wohnbauten. Terragni baute die "Casa del Fascio" in Como als hochmodernes Gebäude, das Mussolinis Propaganda- Parole "Der Faschismus ist ein Haus aus Glas" in eine komplexe Struktur aus Beton und Glas umsetzte und bis heute als Ikone des neuen Bauens in Italien gilt.

Mussolini war anders als Hitler kulturell für die Bewegungen der Moderne aufgeschlossen.

Er schätzte das Bestreben, dem neuen Zeitalter durch eine Architektur Ausdruck zu geben, die wusste, was international geschah, gleichzeitig aber auch die italienische Tradition berücksichtigte. Italianità lautete ein Schlagwort der Stunde. In der Reduktion der Baukörper auf eine klare Geometrie und im Verzicht auf üppiges Dekor bei Fassaden und Ausstattung schienen ihm die Rationalisten die zeitlose Gültigkeit der klassischen Antike in einer zeitgenössischen Sprache wiederzubeleben.

Das war Mussolini umso wichtiger, als er sich als zweiten Augustus verstand, der ein Drittes Rom schaffen wollte.

Um an die große Vergangenheit anzuknüpfen, ließ er einen Teil des mittelalterlichen Zentrums abbrechen, die römischen Kaiserforen freilegen und - archäologisch wenig sensibel - mitten hindurch eine Prachtstraße anlegen, die damals Via dell' Impero hieß und das Colosseum bis heute mit der Piazza Venezia und dem riesigen Nationaldenkmal Vittorio Emanuele II. verbindet.

Das antike Rom als Kulisse für den gerade mal zehn Jahre jungen faschistischen Staat.

Und als Herausforderung: Die Bauten der für 1942 geplanten Weltausstellung sollten es direkt mit der Antike aufnehmen. Mussolini ließ am südlichen Stadtrand von Rom eine monumentale Achse anlegen. An einem Platz ragt über einer gigantischen Treppe ein 68 Meter hoher Quader in die Höhe, der mit seinen 216 Rundbogen-Arkaden die römische Kampfarena zitiert und vom Volk spöttisch Colosseo Quadrato genannt wird.

Monumentalstatuen im Erdgeschoss versinnbildlichen wie bei den römischen Kaisern die Tugenden und Leistungen des herrschenden Regimes. In den fünfziger und sechziger Jahren haben Film und Werbung die grandiose Kulisse für sich entdeckt, Anita Ekberg hat hier für die Kamera einmal ihr Kleid fallen lassen.

Anders als in Sabaudia sind bei den Monumentalbauten des Weltausstellungsgeländes die klassizistisch orientierten Architekten der römischen Akademie zum Zug gekommen.

Unter der Leitung von Marcello Piacentini bevorzugten sie massige Bögen und Säulen, aber sie verbanden die Rhetorik der Monumentalität mit denkbar reduzierten Formen. Dem Palazzo dei Congressi gab sein Architekt Adalberto Libera zwar eine wuchtige Frontfassade mit abstrahierten Säulen über die ganze Höhe des Kerngebäudes.

Er setzte ihm über einem zentralen Quader aber auch eine Kuppel auf, die so flach wie eine legere Kappe daherkommt, und gab der Fassade durch kleinformatige Platten eine fast schon serielle Schlichtheit.

Hier wummern heute Bässe. "Wir hatten am Wochenende ein Heavy-Metal-Konzert", erzählt der Hausmeister. Die Jugendlichen scheinen kein Problem zu haben, sich unter den schwartigen Wandmalereien über ein längst verflossenes neues Zeitalter in Trance zu tanzen. "Für Konzerte und Autopräsentationen ist die zentrale Halle besonders beliebt." Die Italiener haben keine Berührungsängste mit der Architektur aus der Zeit des Faschismus. Während Deutsche und Russen die Insignien der Diktatur schnell demontiert haben, trifft man an der ehemaligen Parteizentrale in Sabaudia genauso auf die Stäbe der Fasci wie am Zentralgebäude der Universität in Rom. Und wo einst die Weltausstellung den Ruhm des Duce in alle Welt hätte tragen sollen, halten die Römer heute sonntags ihre Flohmärkte ab.

Bildunterschrift:

Das Postamt in Sabaudia von Angiolo Mazzoni ist eine Ikone neusachlicher Architektur - und erinnert an die Arbeiterklubs von Moskau

Der Rathausturm reckt sich 42 Meter hoch, hier treffen sich die beiden Hauptstraßen der Stadt

Wie auf einem Gemälde von Giorgio de Chirico:

Kirche SS. Annunziata mit Campanile und zylinderförmigem Baptisterium

Le Corbusier schwärmte: "Hier ist ein süßes Poem auferstanden, ein bisschen romantisch, geschmackvoll ..."

Wuchtige Säulen und eine Kuppel, leicht wie ein Segel: Adalberto Liberas Palazzo dei Congressi für das Weltausstellungsgelände von Rom

Die neuen Bauten für die für 1942 in Rom geplante Weltausstellung sollten es direkt mit der Antike aufnehmen

Neoantike: Den monumentalen Palazzo della Civiltà del Lavoro nennen die Römer "Colosseo Quadrato"