Ausgabe: 08 / 2009
Seite: 113
Grüne Oase auf Stahlträgern
Von Claudia Bodin
ARCHITEKTUR In New York wurde auf den ehemaligen Hochbahngleisen der High Line einer der ungewöhnlichsten und schönsten Parks der Welt eröffnet
Fast 30 Jahre ist es her, dass die letzten Güterzüge über die Hochbahnlinie der High Line ratterten. Nun wurde nach jahrelangen Kämpfen der erste Abschnitt der 2,3 Kilometer langen Strecke eröffnet, die sich auf alten Stahlträgern von der Gansevoort Street im Meatpacking District, dem ehemaligen Schlachterei- und heutigen Shoppingviertel, durch den Westteil der Stadt bis zur 20th Street am Rande des Galerienviertels zieht. Zwischen Wildblumen, Sträuchern und Bahnschienen genießen die Spaziergänger einen beruhigenden Blick auf den Hudson River. In den Fenstern eines früheren Ladedocks hat der New Yorker Künstler Spencer Finch 700 grüne, blaue und graue Scheiben installiert, die die unterschiedlichen Farben des Flusses widerspiegeln. Die neuen architektonischen Perlen der Stadt scheinen wie zum Schaulauf aufmarschiert zu sein - oder tanzen wie im Fall des Standard Hotel auf Betonstelzen über den Park hinweg.
Frank Gehrys Wolkenbau schillert im Sonnenlicht, gleich dahinter wird an den letzten Etagen von Jean Nouvels Wohnturm gewerkelt. Der Reiz des Parks liegt darin, dass es sich um eine Plattform handelt, von der man den Blick in die Ferne schweifen lassen kann, ohne dass Gebäude die Sicht versperren, und gleichzeitig dem New Yorker Leben so nah wie selten rückt: Das Auktionshaus Phillips de Pury gewährt auf der Höhe 15th Street einen Einblick in die Geschäftsräume, in den Milk Studios sieht man Fotoproduktionen zu. Höhepunkt für die Touristen ist der Yogaraum im zweiten Stock eines Fitnessstudios, wo man sich mit den schwitzenden New Yorkern auf gleicher Höhe befindet.
Im Herbst 2010 soll der zweite Abschnitt der High Line zwischen der 20th and und der 30th Street fertiggestellt werden. 152 Millionen Dollar, von der Stadt und von Spendern aufgebracht, wird das von dem Architekturbüro Diller Scofidio + Renfro betreute Projekt bis dahin verschlungen haben. Die 22 grünen Blocks sollten eine Oase im hektischen New York werden, die nun, so befürchten bereits kritische Anwohner, so viele Besucher anlocken wird, dass es aus ist mit der Ruhe in Chelsea.
Bildunterschrift:
Parklandschaft auf den alten Hochbahngleisen
