Ausgabe: 08 / 2009
Seite: 106
"Wie lange kann man solche Gedanken unterdrücken?"
Von Claudia Bodin
POLITIK Während in Teheran die Demokratiebewegung niedergeschlagen wurde, zeigte das Chelsea Art Museum junge iranische Kunst
Es ist der Moment des absoluten Horrors. Männer und Frauen schrei en. Manche reißen vor Schmerz die Arme in die Luft. Die Fotoausschnitte der Trauernden aus unterschiedlichen Teilen dieser Welt wurden von dem Künstlerduo caraballofarman auf kitschige Porzellanteller, made in China, gedruckt. Selten wurde Kunst so von der Realität eingeholt wie bei der Ausstellung "Iran Inside Out" im New Yorker Chelsea Art Museum. Während in Teheran die Demokratiebewegung niedergeschlagen wurde, stellte die Kunststiftung Arbeiten von zeitgenössischen iranischen Künstlern aus.
35 davon leben im Iran, wo sie sich trotz Zensur provokanten Themen widmen. Die anderen 21 verließen ihr Heimatland vor Jahren.
Die Ausstellung sollte den Kampf gegen die Stereotypen in der orientalischen Kunst aufnehmen. Der Schleier, Kalligrafie und Arabesken seien klischeehafte Symbole, so der aus dem Libanon stammende Kurator Sam Bardaouil. "Dabei sind auch die Künstler aus dem Mittleren Osten progressiv. Die Zeit im Iran ist nicht vor 100 Jahren stehen geblieben. Die Menschen wollen das Leben genießen." Und sie kämpfen für einen demokratischen Staat.
Zu manchen der Künstler ist der Kontakt seit dem aggressiven Einschreiten der iranischen Regierung abgeschnitten. Andere verabschiedeten sich mit kurzen E-Mails, in denen sie erklärten, dass der Protest auf der Straße im Moment wichtiger als die Kunst sei. Der zwischen New York und Berlin pendelnde Künstler Shahram Karimi, dessen Bruder zum Zirkel des Oppositionsführers Mussawi zählt, ist optimistisch. "Wenn ich sehe, was junge Künstler heute machen, frage ich mich, wie lange man solche Gedanken unterdrücken kann?
Die Demokratie wird kommen."
Termin: bis 5. September 2009
Bildunterschrift: caraballo-farmann: "Regarding the Horror" (2009) - Abbas Kowsari: "Women Police" (2007)
