Ausgabe: 08 / 2009
Seite: 107
Konservativer Fluch
Von Till Briegleb
GLOSSE Das Elbtal bei Dresden hat endlich seinen lästigen Titel "Weltkulturerbe" verloren
Nun ist er endlich weg, der lästige Titel. Dieses Fortschrittshemmnis erster Güte. Wegen eines "Blicks", der gestört wird.
Das hätten sich Dresdens Planer vermutlich schwieriger vorgestellt.
Dass man nur eine Normbrücke über die Elbe bauen muss, um das Weltkulturerbe-Siegel zu verlieren, so dass sich das Elbtal endlich zeitgemäß entwickeln kann, das macht doch mutig. Denn es ist wahrlich lächerlich, dass wir überall das Wachstum und den Wohlstand anhimmeln und dann ausgerechnet die Zeugnisse schmähen, die für unser Glück verantwortlich sind. Wer die Schönheit eines Kernkraftwerks neben dem Zwinger oder einer Chipfabrik in den Elbauen nicht empfinden kann, der hat den Sinn des Kapitalismus nicht verstanden. Die kalten Zeugnisse überlegener technischer Vernunft sind das ästhetische Äquivalent unserer modernen Geisteshaltung und somit in ihrem funktionalen Brutalismus ebenso zu verherrlichen wie die Schnörkel und Putten als Ausdruck barocken Gemüts. Statt zu jammern, sollten wir Vorschläge machen, wie auch andere Relikte primitiverer und überkommener Kultur vom konservativen Fluch befreit werden können. Ein modernes Krematorium neben den Pyramiden, ein Formel-1-Kurs in die Gärten von Versailles, eine Shopping-Mall von Daniel Libeskind in der Medina von Marrakesch, ein paar Hochhäuser auf Eiger und Mönch, Autostraßen in Venedig. Das wäre Kultur optimistisch weitergedacht.
Und für das bisschen Nostalgie, das man vielleicht noch braucht, reicht ja bald der kurze Blick auf Dresden bei der Fahrt über die neue Waldschlösschenbrücke.
Bildunterschrift:
Karikatur von Gunter Bähr
