Ausgabe: 08 / 2009
Seite: 91

São Paulo von ganz unten

Von Kerstin Schweighfer

KRITIK Ein faszinierender, alle Sinne ansprechender Ausstellungsparcours gibt Einblicke in einen brasilianischen Alltag jenseits touristischer Klischees

Brazil Contemporary Museum Boijmans Van Beuningen/Nederlands Architectuurinstituut bis 23.8.2009 Nederlands Fotomuseum, Rotterdam bis 27.9.2009

KERSTIN SCHWEIGHÖFER

Kein Bossa Nova, sondern Baile Funk, hart und dröhnend. Weder Copacabana noch Karneval, sondern Slums. Und keine selbstbewussten Sambaköniginnen, sondern blutjunge Mädchen, die ihre Körper verkaufen:

Das Kunst- und Kulturfestival "Brazil Contemporary", für das drei Rotterdamer Institutionen ihre Kräfte gebündelt haben (Katalog: NAI Publishers, 29,50 Euro), bietet eine mitleidslose Bestandsaufnahme des brasilianischen Alltagslebens. Der faszinierende Ausstellungsmarathon ist mehr als nur ein visuelles Erlebnis: Er spricht alle Sinne an.

Am heftigsten im Niederländischen Architekturinstitut NAI, wo der Besucher zwischen acht großen Bildschirmen in den Asphaltdschungel der 20-Millionen-Stadt São Paulo getaucht wird. In einer betäubenden, bedrohlichen Kakophonie glaubt er sich mal im Fußballstadion, dann zwischen streikenden Arbeitern oder in der dröhnenden U-Bahn, während auf kleinen Monitoren die Bewohner verschiedener Viertel aus ihrem Leben erzählen. Im niederländischen Fotomuseum wohnt Daniela Dacorso den illegalen Tanzfesten der Favelas bei:

Ihre Fotoserie "Totoma" zeigt schweißglänzende Körper und gierige Männerhände, die Frauen zwischen die Beine greifen - ein explosiver Cocktail aus Porno, Drogen, Waffen und Gewalt.

Wieder zur Ruhe kommt der gebeutelte Besucher im Museum Boijmans, das zeitgenössische brasilianische Kunst versammelt.

Zu sehen sind Installationen und Filme wie der bezaubernd poetische "Aschermittwoch" von Cao Guimarães, der Ameisen zeigt, die buntes Konfetti wegschleppen und damit Spuren der Zeit auslöschen. Publikumsliebling aber ist die zeltartige, schwebende Installation aus grünem Nylonstoff von Ernesto Neto. Wer die Schuhe auszieht, darf, vorsichtig tapsend, die grüne Nebelwelt erkunden - während der Asphaltdschungel von São Paulo auf der Netzhaut nachflimmert und der harte Baile Funk langsam im Ohr verebbt.

Bildunterschrift:

Original brasilianische Telefonzellen im NAI

Ernesto Netos Skulptur im Museum Boijmans darf erkundet werden: "Célula Nave. It happens in the body of time, where truth dances" (2004)