Ausgabe: 08 / 2009
Seite: 94
Hype und Wunderkammern
Von Urs Lthi
DURCH DEN MONAT MIT: URS LÜTHI
Das Highlight des Sommers ist für mich Thomas Schütte in München. Den halte ich für einen der wichtigsten deutschen Künstler und im Vergleich zu Polke oder Richter für eher unterschätzt. Weil er vielschichtig und eigentlich nie richtig festzumachen ist, die Dinge unglaublich radikal formuliert und mit seinen Sachen überall ein bisschen in die Fettnäpfchen tritt. Interessieren würde mich auch in Köln Isa Genzken, die der Welt im Moment ja so wahnsinnig wichtig erscheint. Ich mag ihre Arbeiten, bin da aber trotzdem nicht ganz einer Meinung und würde anhand so einer großen Ausstellung gerne mal sehen, inwieweit sich dieser Hype erfüllt. Was Glenn Brown mit seiner Verzerrungsmalerei betreibt, die ja nicht expressiv, sondern eher konzeptuell ist, würde ich mir in Turin gern mal aus der Nähe ansehen. Bei Nedko Solakov finde ich sehr spannend, wie er einerseits ganz private und dann doch auch wieder sehr konzeptuelle Zeichnungen macht. Als ich 2001 für den Schweizer Pavillon bei der Biennale in Venedig zu ständig war, hat Solakov im Italienischen Pavillon einen Raum gezeigt, den zwei Leute im Wechsel immer wieder Schwarz und Weiß überstrichen haben.
Da würde ich jetzt in Darmstadt gern sehen, was dazugekommen ist. Die Biennale werde ich mir in diesem Jahr aber wohl nicht anschauen. Ich mag diese Monsterausstellungen nicht besonders. Auch groß angelegte Gruppenshows finde ich nicht so toll. Die Mond-Ausstellung in Köln würde ich trotzdem gern ansehen - aber eher wegen ihrer kulturhistorischen Exponate, denn so Wunderkammerobjekte faszinieren mich sehr. Und weil ich unglaublich auf afrikanische Kunst stehe und die auch sammle, würde ich mir in Santander gerne die Kunst der Ife aus dem alten Nigeria anschauen. Ansonsten habe ich lieber Ausstellungen, in denen es um eine Einzelpersönlichkeit geht: Christian Boltanski in Vaduz, Andro Wekua in Bozen, Frank Lloyd Wright in New York, in Basel van Goghs Landschaften oder die Familie Giacometti. Bei dem jungen Vietnamesen Danh Vo interessiert mich das Transitorische. Er kommt ja aus einer anderen Kultur und ist hier als Flüchtling aufgewachsen. Neugierig bin ich auch auf die Möbel der Schweizer Designerin Janette Laverrière, zu sehen in Baden-Baden. Wahrscheinlich werde ich das nicht alles schaffen. Aber die Wünsche wären da!
Bildunterschrift:
Der Künstler Urs Lüthi, geboren 1947 in Luzern, ist vor allem durch seine vielfach ungeformten Selbstbildnisse bekannt.
Sie werden im August in der großen Retrospektive in der Sammlung Falcken berg in Hamburg-Harburg gezeigt.
Abbildung: Urs Lüthi im Foto aus der Serie "Art is the better life" (2008)
