Ausgabe: 07 / 2009
Seite: 42-49

Ein kreativer Dieb

Von Hans Pietsch

Der englische Künstler Glenn Brown durchforstet die Kunstgeschichte und nimmt sich, was er braucht: Motive der Alten Meister, aber auch die Bilder von Zeitgenossen kehren bei ihm verzerrt und verfremdet wieder - die Geschichte der Malerei als Gruselkabinett

Hals über Kopf habe ich mich in die Malerei verliebt", sagt Glenn Brown. Mit ironischem Scharfblick durchforstet der Verliebte die Kunstgeschichte und klaut, wo er kann: bei Guido Reni und Salvador Dalí, bei Georg Baselitz und Frank Auerbach, bei Willem de Kooning und Karel Appel. Diese Vorlagen verarbeitet er zu einer ganz eigenen Kunst.

Ein "Maler für Maler", wie ihn die Kritik ger ne nennt, der bei seinen Kollegen, nicht zuletzt wegen seiner erstaunlichen malerischen Virtuosität, in hohem Ansehen steht.

Sammler reißen sich um seine Bilder, dem Publikum ist er aber nahezu unbekannt - auch, weil er sich grundsätzlich nicht fotografieren lässt.

Glenn Brown öffnet mir die Eisentür in der hohen Ziegelmauer, über ihr steht in altmodischer Schrift "Boys". Dahinter ein asphaltierter Schulhof. Die Rochelle School wurde 1895 als Erziehungsanstalt für die Kinder einer der ersten Sozialbausiedlungen im Londoner East End gebaut. Heute ist der renovierte Backsteinbau ein Atelierhaus, in dem neben Brown auch andere Künstler arbeiten, etwa Michael Raedecker und Goshka Macuga, die beide für den Turner-Preis nominiert waren. Browns geräumiges Atelier im ersten Stock macht einen überaus ordentlichen Eindruck. Wie der Maler selbst, der mit seiner randlosen Brille und den gebügelten Jeans eher wie ein Universitätsdozent aussieht. Kein farbbespritzter Kittel, keine Farbflecken auf dem Holzboden. Ein großes Nordfenster füllt eine ganze Wand aus, viel Licht fällt herein. Ein Regal voller kunsthistorischer Bücher, davor ein langer Arbeitstisch mit zwei großen Bildschirmen.

Fotos und Skizzen liegen auf dem Tisch. In einer Ecke eine Staffelei. Er arbeitet gerade an Gemälden für eine Schau, die seine Galerie Gagosian im Herbst in London für ihn ausrichten wird. "Ich bin immer mit mehreren Bildern gleichzeitig beschäftigt", sagt er.

Nicht selten überarbeitet er sogar Werke, die von Ausstellungen zurückkommen.

Der 1966 in Nordengland geborene Künst ler rückte schon ins Rampenlicht, als er noch am Londoner Goldsmiths College studierte. Seine Versuche, als Maler eine eigene Ausdrucksform zu finden, hatten ihn damals nicht befriedigt. Nicht nur war die Malerei unter den angehenden Young British Artists damals, Anfang der Neunziger, verpönt, seine Kommilitonen warfen ihm auch vor, es werde nicht klar, warum er eigentlich male. Seine Antwort auf diese Krise waren ungewöhnliche Bilder, "etwas, das noch niemand gemacht hatte", wie er sich ausdrückt - "ein konzeptuelles Spiel". Er malte kühne Kopien von Porträtköpfen des deutsch-britischen Malers Frank Auerbach; sie streckten der Kunst die Zunge heraus, waren aber zugleich der Anfang einer ganz neuen konzeptuellen Malerei.

Damals bewunderten Brown und seine Kollegen, die nicht Tierkadaver zersägten, sondern malten - Gary Hume, Chris Ofili, Peter Doig - den deutschen Über-Maler Gerhard Richter. "Er war ein wichtiger Einfluss", sagt er, "eine eher trockene, fotorealistische, konzeptuelle Grundlage. Doch dann stülpte sich die Liebe zum Malen darüber.

Ich möchte, dass meine Gemälde mehr sind als nur Konzept." Das sind sie in der Tat: malerische Bravourstücke, die den gestischen, pastosen Pinselstrichen Auerbachs das Blut ablassen, sie zu einer völlig glatten Oberfläche ausbügeln. Wie eine auf Hochglanzpapier gedruckte Reproduktion. "Malen ist eine delikate, akkurate, präzise Technologie", sagt Brown.

Das technische Können dieser früheren Arbeiten beeindruckt, als seien sie mit nur einem Haar eines ganz feinen Pinsels gemalt.

Oder mit der Spritzpistole gesprüht.

Ihre Detailgenauigkeit lässt an Miniaturen denken. Für Brown sind sie "kühler, analytischer, konzeptueller" als die neueren, größeren Arbeiten, die viel lockerer gemalt sind. Seine Arbeitsweise hat sich seit den ersten Bildern eigentlich nicht verändert, allerdings arbeitet er heute mit dem Computer. Er sucht nach Vorlagen, Reproduktionen in Zeitschriften, Büchern, Katalogen.

Originale interessieren ihn nicht. Er konzentriert sich auf einen Ausschnitt der Vorlage, streckt ihn, dehnt ihn und geht dann auf die Suche nach Farben. Auch hier wieder braucht er Vorlagen. Seine Farben sehen aus, als seien sie im Verwesen begriffen.

Ein harmloser Blumenstrauß von Auguste Renoir wird zu dem tödlichen Blau von "On Hearing of the Death of my Mother" (2002), "Burlesque" (2008) ist ein Stillleben mit Äpfeln von Gustave Courbet, das giftgrün verwest. "Es erstaunt mich immer wieder", sagt er, "dass Leute angeblich meine Bilder ablecken oder gar essen wollen, wo ich doch Monate damit zugebracht habe, sie so abstoßend wie möglich zu machen." Bei seinen Titeln erlaubt er sich ebenfalls ironische Spielchen, die man als Betrachter zwar nicht immer durchschaut, die aber "dabei helfen sollen, das Bild komplexer zu machen". Da ist etwa ein ovales Gemälde nach einem Porträt von Auerbach mit dem Titel "The Marquess of Breadalbane" (2000). Das Braun entlehnte er einem berühmten viktorianischen Gemälde von Edwin Landseer, "The Monarch of the Glen", das als Reproduktion in vielen englischen Wohnzimmern hängt, und das von besagtem Marquess in Auftrag gegeben wurde. Andere Titel nehmen Bezug auf Popsongs. "Oscillate Wildly" (1999) kommt von einem Song der legendären englischen Band The Smiths, Salvador Dalís während des Spanischen Bürgerkriegs entstandenes Gemälde wird auf die Farben Schwarz und Weiß wie bei Picassos "Guernica" reduziert.

Und Rembrandts Sohn Titus, gemalt von seinen Assistenten, heißt plötzlich "Joseph Beuys" (2001) - eine Vaterfigur wird vom Sockel gestoßen. "Vielleicht steckte in ihm ja wirklich ein extrovertierter Junge mit Ohrring, Halskette und Hut - ich mag Gegensätze", sagt Brown.

Seine gelegentlichen Plastiken nennt er "dreidimensionale Gemälde". Bei den grellfarbigen Gebilden erlaubt er sich, was er sich als Maler versagt: Farbe pastos aufzutragen.

Dicke Farbschlieren, übereinander geschichtet, beinahe, als habe er sie direkt aus der Tube gedrückt. Einige sind Porträts, andere schwer zu bestimmende Objekte. Auch ein Tisch ist dabei, sein Maltisch im Atelier, mit Farbe verkrustet, mehr als zehn Jahre lang hat sie sich angesammelt. Der Titel "The Sound of Music" (1995/2007) spielt auf die Musik an, die er beim Arbeiten hört.

In diesem Jahr hat er sich auch, nach früheren Versuchen mit dem Siebdruck, zum ersten Mal an Radierungen gewagt. Auch hier wieder orientierte er sich an den Meistern:

Urs Graf, Rembrandt, Lucian Freud, alle drei fleißige und versierte Radierer. Und natürlich nahm er den Computer zu Hilfe.

Für seine "Layered Portraits" (2008) schichtete er bis zu 15 Porträtradierungen und Zeichnungen der drei Künstler mithilfe von Photoshop übereinander und manipulierte sie solange digital, bis ein neues Porträt entstand. Dieses übertrug er auf die Druckplatte und druckte es, die Vorlagen scheinen mehr oder minder durch. Was entstand, ist jedoch ganz neu und definitiv eine Arbeit von Brown. Ein Prozess, bei dem er gleichzeitig kopiert und auslöscht, und der die Gewalt sichtbar macht, mit der er sich die Arbeit anderer Künstler aneignet. "Meine schizophrenen Porträts" nennt er sie.

Ausstellung: bis 4. Oktober. Fondazione Sandretto Re Rebaudengo, Turin. Katalog: zirka 29 Euro (in Englisch). Internet: www.fondsrr.org

Bildunterschrift:

"Seventeen Seconds" (2005, 148 x 122 cm) - der Titel stammt von einem Album der Gruftband The Cure

"The Real Thing" (2000, 82 x 67 cm) - das echte Ding - nennt Glenn Brown ironisch dieses surreale Frauenporträt

Glenn Brown gilt als "Maler für Maler" - auch wegen seiner erstaunlichen Virtuosität

Trauer bizarr: "On Hearing of the death of my mother" - ("Als ich vom Tod meiner Mutter hörte", 2002, 119 x 88 cm), Bild rechte Seite: "America" (2004, 140 x 93 cm), nach dem "Porträt eines jungen Künstlers" (1769) von Jean-Honoré Fragonard

Der öffentlichkeitsscheue Maler wirkt mit randloser Brille und gebügelten Jeans eher wie ein Universitätsdozent

Wie die Zombie- Version eines alten Niederländers:

"The Great Masturbator" (2006, 110 x 88 cm)

Glenn Browns bizarre Bilder sind delikat, mit feinstem Pinselstrich gemalt: "The Hinterland" (2006, 148 x 123 cm)

Mehr als zehn Jahre lang stand der Tisch im Atelier, Farbschichten haben sich abgelagert: "The Sound of Music" (1995/2007, 76 x 90 x 80 cm)

"Es erstaunt mich immer wieder, dass Leute angeblich meine Bilder ablecken oder gar essen wollen"

Mehrere Rembrandt- Porträts, übereinander geschichtet:

"Layered Portrait (After Rembrandt)

9" (2008, 36 x 29 cm)