Ausgabe: 07 / 2009
Seite: 8-18

Studio

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Jahrzehntelang waren drei Adressbücher Frida Kahlos in einem Koffer verschlossen, bevor man sie 2004 zufällig bei Renovierungsarbeiten in ihrem und Diego Riveras Nachlass entdeckte. Eines, das persönlichste, ist nun faksimiliert und kommentiert im Verlag Koehler & Amelang erschienen. Neben Familie und Künstlerfreunden finden sich unter den 205 Einträgen auch Anwälte, Schneider, Juweliere und natürlich Ärzte, Apotheken und Korsetthersteller. Manche Namen hat Frida mit Zeichnungen versehen, wie "María" und "Diego", um die sie einen pinkfarbenen Kussmund gezeichnet hat - die Schauspielerin María Félix war nicht nur eine enge Freundin Fridas, sondern auch Diegos Geliebte. Sein Name steht auf derselben Seite noch einmal, diesmal über ihrem eigenen.

Darum hat sie in demselben leuchtenden Magentaton eine wehende Fahne gehisst.

Der japanische Fotograf Satoshi Minakawa fotografiert keine Ufo-Attrappen, Autoscooter oder Flipperautomaten, sondern Fahrräder - oder besser: "Dekochari".

"Deko" steht dabei für Dekoration und "chari" ist japanischer Slang für Fahrrad.

Diese aufwändig mit Metallummantelungen, Leuchten, Fahnen und Schriftzügen geschmückten Räder sind allerdings nur bedingt fahrtauglich - aber um so etwas Banales wie Fortbewegung geht es hierbei ja auch nicht. So geht "pimp my bike" auf Japanisch. Mehr Infos und Bilder: www.satoshiminakawa.com

"Es ging sehr schnell", sagt Mike Bouchet. "Einer meiner Mitarbeiter strich gerade die Tür, als das Haus plötzlich unterging." Der in Frankfurt lebende US-Künstler hat für die Venedig-Biennale ein typisch amerikanisches Vorstadthaus gebaut, das im Hafenbecken des Arsenale schwimmen sollte. Obwohl das Projekt von Ingenieuren und Statikern geplant wurde, brach gut eine Woche vor der Vernissage einer der Pontons.

In einer 100 000 Euro teuren Rettungsaktion bargen Taucher und ein Kran das Haus noch in der Nacht. Für die Kosten kommt wohl eine Versicherung auf. Mittlerweile ist die Skulptur wieder an Ort und Stelle. Die Wasserschäden hat Bouchet allerdings bewusst nicht repariert: "Die gehören jetzt dazu, sie sind quasi meine Handschrift."

Es wurde geflaggt "Paragraph Elf. Bestätigen". Und die 1919 im schottischen Scapa Flow internierte kaiserliche Flotte verstand sofort. § 11 des Jenaischen Biercomments heißt schließlich: "Es wird fortgesoffen." Jetzt hat Moritz Götze im schlammigen Teich von Schloss Neuhardenberg diesen so unpreußisch heiteren Akt der Selbstversenkung mit Holzsilhouetten reinzeniert. Parallel zeigt er in Frankfurt/ Oder bis 2. August seine Schau "Männer und Taten - Männer und Macht": Anton von Werners selten gezeigte Preußen- Schinken, kombiniert mit Götzes poppigen Remakes.

FRÜHE ERKENNTNIS - KINDER ERKLÄREN KUNST (8)

Luke, 5, über David Hockneys Picasso-Adaption "Das Massaker und die Probleme der Darstellung" (2003)

Auf dem Bild ist Krieg. Krieger mit Pistolen und Schwertern haben Leuten ihre Kleider geklaut. Die Nackten haben Angst. Das sieht man in ihren Gesichtern. Die Krieger haben keine Gesichter, sondern Masken aus Stahl. Die Nackten stehen an einem Fluss vor einem Vulkan, aus dem viel schwarzer Rauch kommt. Ein Kind hat Angst und will auf den Arm. Ich bin auch gern auf dem Arm, aber nicht, weil ich Angst hab', sondern weil man da gut mit Mama kuscheln kann.

Und man kann von da aus gut aufs Bügelbrett klettern. Vom Bügelbrett aus sieht man den Fernseher besser. Wenn ich auf dem Bild wäre, wäre ich bei den Kriegern.

Ich weiß nämlich, wie man mit einem Schwert kämpft. Ich hab' zu Hause ein Laser- Schwert, mit dem ich sogar meinen großen Bruder besiegen kann.

7 700 000 Dollar brachte Picassos "Femme au Chapeau" bei Christie's in New York. Der durch den Bau seines historistischen Kitsch-Palazzo im West Village in finanzielle Schwierigkeiten geratene Maler Julian Schnabel musste das Bild aus seiner Sammlung versteigern lassen.

Den Rahmen allerdings, so wurde nach dem Zuschlag verkündet, wolle Schnabel gern behalten. Bleibt zu hoffen, dass Schnabel nie alten, teuren Wein verkaufen muss. Den gäbe es dann wohl im Plastikkanister ...

Bildunterschrift:

Kiloweise duftende Gewürze beschwerten den Stoff, der von der Decke des New Yorker Park Avenue Armory zu tropfen schien. In der ehemaligen Exerzierhalle errichtete der brasilianische Künstler Ernesto Neto eine faszinierende, begehbare Höhlenlandschaft. Neben Kunstmessen und der Whitney-Biennale finden in der Halle nun auch Kunstprojekte statt, die viel Platz benötigen: www.armoryonpark.org

Wie ein verzaubertes Deckengemälde, auf dem die Götter, Menschen und Tiere zum Leben erweckt wurden, erscheint die Filmarbeit des amerikanischen Regisseurs Philip Haas. Für die Ausstellung "Butchers, Dragons, Gods & Skeletons" hat sich der US-Filmregisseur, der schon mit Kristin Scott Thomas und Patsy Kensit drehte, zum ersten Mal von Meistern wie Giovanni Battista Tiepolo oder Annibale Carracci inspirieren lassen. Deren Gemälde hat er mit aufwändiger Technik, Maske und Ausstattung verfilmt. Jede der Projektionen besteht aus mehreren separat gedrehten Elementen, die Haas später per Computertechnik zu einem Ganzen zusammensetzt. Zu sehen sind die Projektionen vom 18. Juli bis 25. Oktober im Kimbell Art Museum in Fort Worth/Texas.

Ein Mann im Liegestuhl, ein paar Angeln und ein Fluss - was für ein sommerlicher Müßiggang. Die Idylle wäre geradezu perfekt, wenn nicht zwei dampfende Kühltürme an die immer drohende Katastrophe gemahnten.

In der Serie "Fluffy Clouds" hat der Fotograf Jürgen Nefzger europäische Landschaften mit Kernkraftwerken dokumentiert. Zu sehen sind die verstörend schönen Aufnahmen vom 17. Juli bis 27. September im Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie. "Fluffy Clouds" erscheint als Buch im Hatje Cantz Verlag voraussichtlich Anfang 2010.

Frida Kahlo kommentierte Namen und Nummern mit symbolhaften Zeichnungen

Man kann alles tunen - vor allem Fahrräder, wie Minakawas Fotoserie zeigt

Mike Bouchets Hausskulptur vor ihrer dramatischen Bergung aus dem Arsenale-Becken

DIE ART-HOME-STORY (24)

Zu Gast bei Gert & Uwe Tobias

Krimskrams, Nippes, Utensilien - im Laufe der Zeit sammelt sich so einiges an. Wir besuchen Künstler in ihren Ateliers und lassen uns ihre Lieblingssachen und Herzensdinge zeigen.

Pinguin Den hat unsere Freundin Trixi auf dem Flohmarkt gefunden, wahrscheinlich hat ihn ein Kind gemacht.

Er ist perfekt. Die Proportionen, die Glasur - großartig. Mit so viel Ausdruck kriegen wir das nicht hin. Dafür ist unser Blick zu verstellt von allem, was wir über Kunst wissen.

Bioschinken Der Schinken stammt von einem Bio-Schwein aus der Eifel, das wir persönlich ausgesucht haben.

Wir lassen jedes Jahr eins schlachten. Daraus kann man nicht nur Schinken, sondern auch Blutwurst und Leckeres zum Grillen zubereiten. Wir haben die ganze Kühltruhe voll und kochen jeden Tag.

Säge Mit dieser Säge haben wir unsere ersten Holzschnitte gemacht. Es wurde oft geschrieben, dass wir sie erfunden hätten, aber das war ein Kommilitone.

Durch das nach oben stehende Blatt kann man völlig frei schneiden. Den Prototypen haben wir geschenkt bekommen, mittlerweile gibt es solche Maschinen auch zu kaufen.

Die Zwillinge Gert und Uwe Tobias, 36, sind bekannt für groß forma tige Holzschnitte (art 11/2007). Sie leben und arbeiten in Köln.www.galerierodolphe janssen.com, www.teamgal.com (Foto: Kira Bunse)

Spielzeug Der kleine Wagen und die Tierkegel gehören Uwes Tochter Tolia. Sie ist knapp zwei Jahre alt und verbringt regelmäßig ihre Nachmittage bei uns im Atelier. Wir sind sieben Tage die Woche von morgens bis abends hier, da spielt sich auch unser Alltag hier ab. Tolia schiebt dann den Wagen über den Hof und verteilt die Kegel zwischen unseren Arbeiten.

Stöpsel raus fürs Vaterland: Moritz Götzes Scapa- Flow-Installation in Neuhardenberg