Ausgabe: 07 / 2009
Seite: 36-40
Der weiße Fleck
Von Joachim Hauschild
1933 wird das Bauhaus unter den Nazis aufgelöst - das Ende einer großen Ära. Doch was wurde aus fortschrittlichen Lehrern wie Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe oder Wilhelm Wagenfeld? Nicht alle gingen ins Exil, viele blieben und versuchten, sich mit dem NS-Regime zu arrangieren. Ein Blick auf die dunklen Kapitel in den Bauhaus-Karrieren
Am 12. April 1933 meldete der Berliner "Lokal-Anzeiger" unter der Überschrift "Haussuchung im Bauhaus Steglitz", man habe dort "kommunistisches Material" gefunden:
"Die Dessauer Staatsanwaltschaft setzte sich mit der Berliner Polizei in Verbindung und bat um Durchsuchung des Gebäudes.
Das Bauhaus, das früher unter Leitung von Professor Gropius stand, der sich jetzt in Russland aufhält, hat in einer leer stehenden Fabrikbaracke in der Birkbuschstraße in Steglitz Quartier genommen.
Der augenblickliche Leiter hat es aber vor wenigen Tagen vorgezogen, nach Paris überzusiedeln." Der "augenblickliche Leiter" war Ludwig Mies van der Rohe, der als Nachfolger von Hannes Meyer seit 1930 Direktor des Bauhauses war. Er hatte sich allerdings nicht, wie behauptet, ins Ausland abgesetzt. Direkt am 12. April hatte Mies van der Rohe in dieser Angelegeheit eine Unterredung mit dem "NS-Chefideologen" Alfred Rosenberg vom "Kampfbund für deutsche Kultur", die jedoch ergebnislos verlief. Studierende wandten sich sogar an den "Minister für Volksaufklärung und Propaganda", Joseph Goebbels.
Ein von Mies van der Rohe formulierter Protest, dass die Schließung "fast nur national gesinnte Menschen" treffe, blieb ebenfalls wirkungslos.
Am 20. Juli beschloss eine Konferenz der Lehrkräfte, das Bauhaus aufzulösen. Damit endete die Geschichte der bedeutendsten künstlerischen Institution, die Deutschland zwischen den beiden Weltkriegen hervorgebracht hatte. Ihre Gründung vor 90 Jahren wird heute viel gefeiert, doch welche Wege die Bauhäusler nach 1933 gingen, wird weitgehend verschwiegen. Die veröffentlichten Biografien vieler Bauhäusler weisen zwischen den Jahren 1933 und dem Kriegsende 1945 weiße Flecken auf. In vielen Fällen sind die Wege aber auch nachzuvollziehen. Sie führen wie bei anderen deutschen Intellektuellen und Künstlern, seien sie nun jüdischen Glaubens oder nicht, geradewegs ins Exil. Paul Klee und Wassily Kandinsky, László Moholy-Nagy und Hannes Meyer, Marcel Breuer und andere gingen diesen Weg. Die genaue Zahl ehemaliger Bauhäusler, die in den Vernichtungslagern der Nazis ermordet wurden, ist nicht bekannt. Dokumentiert sind nur Einzelschicksale, etwa die der Textilgestalterinnen Friedl Dicker und Otti Berger, die beide im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet wurden.
Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe blieben zunächst in Nazi-Deutschland. Es gibt Belege über die Teilnahme der beiden renommierten Architekten an Wettbewerben des NS-Regimes:
Gropius, der noch zusammen mit Wilhelm Wagenfeld und Martin Wagner 1933 gegen die Gleichschaltung des Deutschen Werkbunds protestiert hatte, beteiligte sich 1934 gemeinsam mit Rudolf Hillebrecht am Wettbewerb "Haus der Arbeit" und dekorierte seinen entsprechenden Entwurf - "penetrant mit Hakenkreuzfahnen", so Winfried Nerdinger, Direktor des Architekturmuseums der Technischen Universität München. Zusammen mit dem ehemaligen Bauhäusler Joost Schmidt gestaltete er ebenfalls 1934 die Abteilung der "Nichteisenmetalle" in Halle II der Propagandaschau "Deutsches Volk - Deutsche Arbeit", deren Katalog der ehemalige Bauhaus- Typograf Herbert Bayer gestaltete.
Aus dem Grußwort von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels: "Immer ist das deutsche Volk ein Volk der Arbeit gewesen.
Im Kampf um die Scholle und mit der Scholle hat es Vorbildliches und Segensreiches für sich und die Welt geleistet. Diese Leistungen des deutschen Volkes für die Kultur der Menschen soll diese Ausstellung zeigen." Zu den Ausschüssen der Ausstellung gehörte auch ein "Fachausschuss Deutsches Blut- und Kulturerbe", ein anderer nannte sich "Rassenpflege".
Im Herbst 1934 übersiedelte Gropius nach England, reiste aber mehrmals ins Nazi-Deutschland. Wichtige Briefe an das deutsche Finanzamt unterzeichnete er "mit deutschem Gruß". 1937 erhielt der Architekt, der 1919 als Gründungsdirektor das Weimarer Bauhaus prägte, einen Ruf an die Harvard Universität in Cambridge (Massachusetts). Ein Jahr später wurde er Vorsitzender der Abteilung Architektur an der "Graduate School of Design" der Harvard Universität. Sein früherer Mitarbeiter Ernst Neufert wurde 1943 von Albert Speer zum "Leiter des Baunormenausschusses der deutschen Industrie" ernannt.
Auch Ludwig Mies van der Rohe versuchte zunächst Aufträge der neuen Machthaber zu bekommen: "Er wurde problemlos Mitglied der Reichskulturkammer" (Nerdinger), des "Reichsluftschutzbundes" und der "Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt".
Er unterschrieb auch 1934 den "Aufruf der Kulturschaffenden".
Darin heißt es unter anderem: "Wir glauben an diesen Führer, der unseren heißen Wunsch nach Eintracht erfüllt hat." Zu den Unterzeichnern gehörten auch Ernst Barlach, Erich Heckel und Emil Nolde.
Man nimmt das heute mit Befremden zur Kenntnis. Bei manchen mögen wohl pure Verzweiflung und die Hoffnung, so das Schlimmste abwenden zu können, mit im Spiel gewesen sein. Zumindest für die bildenden Künstler sollte sich diese Hoffnung jedoch nicht erfüllen. Es gehört zu den Paradoxien des NS-Regimes, dass die Formsprache der Moderne bei Malern und Bildhauern oft als "entartet" gebrandmarkt wurde, während sie in der angewandten Kunst und in der Architektur fortbestehen konnte.
Ein Beispiel, wie sich fortschrittliche Gestalter aus Existenznot mit dem Regime arrangierten, zeigt das Schicksal des Möbelentwerfers Erich Dieckmann. Dieckmann, der das Bauhaus 1925 verlassen hatte und von 1926 bis 1930 die Abteilung Tischlerei und Innenarchitektur an der "Bauhochschule" in Weimar leitete, wird 1931 künstlerischer Leiter der Tischlereiwerkstatt an der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein in Halle. Zum 31. August 1933 wird er zusammen mit weiteren Lehrkräften entlassen. Es beginnt ein verzweifelter Kampf ums Überleben: Dieckmann ist kriegsversehrt, zum April 1934 muss die fünfköpfige Familie ihre Wohnung in Halle aufgeben, weil sie von zwölf Reichsmark wöchentlich nicht leben kann. Er und seine Frau wenden sich persönlich an Joseph Goebbels und Hermann Göring. In seinen Briefen stellt Dieckmann mehr und mehr seine Ausbildung am Bauhaus in den Hintergrund.
1936 erhält er einen Posten als Referent und Sachbearbeiter beim Amt "Schönheit der Arbeit" in Hannover. 1939 geht er nach Ber- lin als Referent für deutsches Kunsthandwerk bei der "Reichskammer der bildenden Künste". Im Kriegswinter 1944 stirbt Dieckmann, erst 48 Jahre alt, in Berlin.
Das Amt "Schönheit der Arbeit" ist eine der merkwürdigsten Institutionen der NS-Kulturbürokratie. Es war eine Unterabteilung der Organisation "Kraft durch Freude". Deren gemeinsame Dachorganisation "Deutsche Arbeitsfront" wurde als Zwangszusammenschluss der vormaligen Gewerkschaften 1933 gegründet. Das Amt "Schönheit der Arbeit" existierte von 1933 bis 1939. Es stand in der Tradition der gewerkschaftlichen Bemühungen um Verbesserungen am Arbeitsplatz und stellte seine Aktionen unter jährlich wechselnde Motti: So hieß es etwa 1935 "Kampf dem Betriebslärm", 1936 "Gutes Licht - gute Arbeit" und 1938 "Gesunde Luft im Arbeitsraum".
Höheres Ziel all dieser Aktionen war natürlich die Steigerung der Produktivität.
Das "Amt" publizierte diverse Broschüren und gab auch Möbel und Geschirre in Auftrag, die sich durch klare Linien auszeichneten.
Einer der Porzellanentwerfer für das "Amt" war Heinrich Löffelhardt, ein späterer Mitarbeiter Wilhelm Wagenfelds und nach dem Krieg einer der führenden Gestalter. Manche Geschirre wurden - ohne den verräterischen Stempel des "Amtes" - nach dem Krieg ungeniert weiterproduziert, aus anderen wurde der Stempel entfernt, manchmal auch durch einen Stempel der US-Army ersetzt - auch das ein Beitrag zur Kontinuität deutscher Stilgeschichte.
Das Verschweigen von Namen und Bezeichnungen, ja von ganzen Biografien, gehörte auch in der NS-Zeit zur guten Übung.
In einer Publikation mit dem bizarren Titel "Gutes und Böses in der Wohnung in Bild und Gegenbild" aus dem Jahr 1933, in dem es heißt, "das Heim" müsse die "stärkste Kraftquelle des deutschen Menschen sein" werden Beispiele und "Gegenbeispiele" nebeneinandergestellt.
Marcel Breuers Stuhl B64 wird empfohlen, sein Modell B3 (heute: Wassily-Sessel) aber wird als "Hinrichtungsstuhl" bezeichnet. Der Name des Entwerfers wird nicht genannt. Auch nicht der von Walter Gropius, der den empfohlenen "Oranier"- Ofen entworfen hatte. Der berühmte Heißwasserkessel von Wilhelm Wagenfeld, entworfen Ende der zwanziger Jahre am Bauhaus, wird ebenso gepriesen wie sein Teegeschirr aus "Jenaer Glas".
Auch die Erzeugnisse von Otto Lindig, der 1924 die technische Leitung der Bauhaustöpferei in Dornburg/Saale übernommen hatte, werden von den Nationalsozialisten geschätzt. 1940 wird er auf der Mailänder Triennale ausgezeichnet. Für die SS-Manufaktur Allach bei München, ein Betrieb, der vor allem KZ-Häftlinge ausbeutete, entwirft Lindig 1941 ein Geschirr, das über das Berliner Geschäft der Manufaktur vertrieben wurde.
Zumindest wirtschaftlichen Erfolg kann auch der Metallbildner Christian Dell verbuchen: Die unter dem Markenzeichen "idell" Anfang der dreißiger Jahre entwickelten Büro- und Arbeitsleuchten des ehemaligen Bauhaus-Werkmeisters, die von der Firma Gebrüder Kaiser & Co. produziert wurden, gab es während der ganzen Nazi-Zeit. Nach dem Krieg machten zahlreiche Varianten unter anderem als so genannte "Kommissar"-Leuchte im Fernsehen Karriere.
Seit 2008 wird eine der Leuchten, das Modell "6631 Luxus", wieder produziert (siehe Seite 34). An zwei Beispielen werden die unterschiedlichen "Karrieren" von Bauhäuslern während der NS-Diktatur besonders deutlich, an Oskar Schlemmer und Wilhelm Wagenfeld.
Schlemmer, von den Nazis unter anderem als "Kunst-Bolschewist" beschimpft, verlor schon 1933 seine Stellung an den Berliner Vereinigten Staatsschulen für Kunst, 1937 hängen Bilder von ihm in der Münchner Ausstellung "Entartete Kunst". 1938 entschließt sich Schlemmer, eine Anstellung in einem Stuttgarter Malerbetrieb anzunehmen und schlägt sich als Dekorationsmaler durch. 1940 siedelt er nach Wuppertal über, wo er im maltechnischen Institut der Lackfabrik Kurt Herberts die Eigenschaften von Lacken erproben soll. Hier finden auch die Maler Georg Muche und Willi Baumeister Unterschlupf. Schlemmer stirbt 1943.
Wilhelm Wagenfeld aber macht unter den Nationalsozialisten Karriere. 1928 bis 1930 Leiter der Metallwerkstatt am Bauhaus, arbeitet er danach zunächst für das Jenaer Glaswerk Schott & Gen. und wird 1935 künstlerischer Leiter der Vereinigten Lausitzer Glaswerke in Weißwasser/Oberlausitz, für die er das so genannte Rautenglas entwickelt, das viele Preise gewinnt, darunter die Goldmedaille auf der Pariser Weltausstellung 1937. Wagenfeld weigert sich, in die NSDAP einzutreten und wird deshalb 1944 an die Ostfront geschickt.
Dort gerät er in russische Kriegsgefangenschaft. Wagenfelds Entwürfe, insbesondere seine 1924 entworfene Tischleuchte, die nach dem Zweiten Weltkrieg seit 1980 wieder serienmäßig produziert wird, gelten als Ikonen modernen Industriedesigns. Vor einigen Jahren wurde bekannt, dass Wagenfeld auch mit einer durch die SS-Manufaktur Allach aufgekauften Manufaktur einen Vertrag geschlossen hatte, den er 1943 allerdings wegen "Nichterfüllung" kündigte.
FOTOS: THOMAS VON SALOMON
Bildunterschrift:
Schönheit mit Hakenkreuz:
Porzellanvase im "Halleschen Stil" - eine Form, die die Keramikerin Marguerite Friedlaender am Bauhaus entwickelte
Die Vase wurde im Auftrag der NS-Organisation Amt "Schönheit der Arbeit" um 1935 in der Porzellanmanufaktur Ilmenau Graf von Henneberg in Thüringen hergestellt
Es gehört zu den Paradoxien des NSRegimes, dass die Formsprache der Moderne bei Malern und Bildhauern als "entartet" gebrandmarkt wurde, während sie in der angewandten Kunst und in der Architektur fortbestehen konnte
Wilhelm Wagenfeld macht unter den Nazis Karriere. 1928 bis 1930 Leiter der Metallwerkstatt am Bauhaus, arbeitet er danach zunächst für das Jenaer Glaswerk Schott & Gen. und wird 1935 künstlerischer Leiter der Vereinigten Lausitzer Glaswerke, für die er das so genannte Rautenglas entwickelt, das viele Preise gewinnt, darunter die Goldmedaille auf der Pariser Weltausstellung 1937
