Ausgabe: 07 / 2009
Seite: 34-35
Bauhaus im Haus
Von Camilla Pus
Jeder kennt die Wagenfeld-Leuchte und den Barcelona-Sessel, doch das sind längst nicht die einzigen heute noch erhältlichen Bauhaus-Produkte. art zeigt bekannte und seltene Design- Klassiker, die noch immer hergestellt werden
CAMILLA PÉUS1. Bauspiel, Alma Siedhoff-Buscher Alma Siedhoff-Buscher (1899 bis 1944) gehörte zu den Künstlern am Bauhaus, die auch Kindermöbel und Spielzeug entworfen haben. Ihre Bausteine, die sie 1923 in der Werkstatt der Holzbildhauerei in Weimar entwickelte, lackierte sie in leuchtenden Farben. Ihre Maxime bei Kindermöbeln:
Kinder nicht als kleine Erwachsene zu betrachten und mit geschrumpften Möbelversionen aus der elterlichen Stube zu langweilen, sondern die Formen nach ihren Bedürfnissen zu entwickeln. Ob ihr das auch beim Spielzeug mit den 22 bunten Spielelementen gelang, die der Schweizer Spielzeughersteller Naef seit 1977 für zirka 100 Euro wieder produziert? Die kleinsten Klötze sind nur Hubba-Bubba-groß - und damit wohl eher etwas für de signverliebte Eltern.
2. Teppichboden, Monica Bella Broner-Ullmann Sie inspizierte Materialien im Vorkurs von Josef Albers, studierte Farblehre und analytisches Zeichnen bei Paul Klee und Wassily Kandinsky. Mit dem Form- und Farbcocktail im Kopf, begann Monica Bella Broner- Ullmann (1911 bis 1993), ein blondes Fräulein mit der zeitweiligen Matrikelnummer 394, unter der Weberei-Werkmeisterin Gunta Stölzl textile Muster zu entwerfen.
Rudolf Stilcken, damaliger Vorstandsvorsitzender des Internationalen Design-Zentrums Berlin (IDZ), lud die Textilkünstlerin Anfang der neunziger Jahre ein, einige ihrer bislang noch nicht umgesetzten Originalentwürfe für die Serienproduktion aufzubereiten.
Die Dame war entzückt. Noch zu Lebzeiten verfolgte sie die Umsetzung ihrer Ideen für die Kollektion "Classic: Frauen am Bauhaus". 1994 gingen insgesamt zwei Teppichbodenentwürfe von Broner-Ullmann, getufteter Velours, und die Dessins vier weiterer ehemaliger Bauhausstudentinnen bei Vorwerk in Serie - rund 70 Jahre nach ihren Entwürfen. Preis: 65 Euro/Quadratmeter.
3. Sessel F 51, Walter Gropius Den Sessel F 51 entwarf der Bauhausgründer und erste Direktor Walter Gropius (1883 bis 1969) Anfang der zwanziger Jahre als ein Teil seines Direktorenzimmers im Bauhaus Weimar. Damals betonte er das rotbraun gebeizte Kirschholzgestell und die ineinandergreifenden Linien durch einen zitronengelben Bezugstoff aus Wolle. Gropius schuf ein konstruktivistisches Polstermöbel, das mit seinen Staub anziehenden Vorgängern nichts mehr zu tun hatte. Seit 1985 reeditiert Tecta den Sessel in Esche massiv, dazu Leder- oder Stoffbezug in Gelb- Ocker, Schwarz-Weiß oder Rot; mit Stoffbezug ab 1675 Euro erhältlich, mit Lederbezug 2363 Euro.
4. Leuchte 6631 Luxus, Christian Dell Er zählt zu den weniger bekannten Bauhäuslern, obwohl er den Inbegriff der Schreibtischleuchte erfand: 1931 schuf Christian Dell (1893 bis 1974) die "6631 Luxus" mit tellergroßem Reflektorschirm, patentiertem Kugelgelenk und Bogenarm. Sie wurde in kürzester Zeit zum Verkaufsschlager.
Nach dem Krieg gerieten die Leuchten des Silberschmieds, der von 1922 bis 1925 in der Metallwerkstatt gelehrt hatte, in Vergessenheit.
Erst seit 2008 wird die "6631 Luxus" in Dänemark wieder produziert und in Deutschland über Kaiser Idell Deutschland, nummeriert und zertifiziert verkauft - von Hand nass lackiert in den originalen Farbkombinationen Schwarzgrün, Schwarz und Elfenbein sowie den neuen Tönen Rot und Weiß, 599 Euro.
5. Teekanne MBTK 24 Si, Marianne Brandt Umringt von männlichen Kollegen, gestaltete die Studentin Marianne Brandt (1893 bis 1983) im Jahr 1924 eines der elegantesten Bauhaus-Objekte: Die Teekanne MBTK 24 Si, aus Halbkreis- und Halbkugelformen sowie einer Kreuzform als Fuß und einem klappbaren Griff. Eine Gesellenprüfung legte Marianne Brandt nach ihrem zweieinhalbjährigen Studium nicht ab. Man hatte Angst, "die erste Frau, die am Bauhaus ihre Lehre beendete, könnte die Prüfung nicht bestehen". Doch auf Drängen von Walter Gropius und László Moholy-Nagy übernahm sie 1928 bis 1929 die kommissarische Leitung der Metallwerkstatt - und erhielt 1929 nachträglich ihr Diplom. Die Silberkanne wird dank einer originalen technischen Zeichnung seit 1986 von Tecnolumen reproduziert, 6350 Euro.
6. Freischwinger S 43, Mart Stam Starr und kein bisschen federnd war der Prototyp des weltberühmten Freischwingers.
Mart Stam (1899 bis 1986) schweißte ihn 1926 aus einem gebogenem Gasleitungsrohr und Verbindungsstücken zusammen.
Von dem Konstrukt inspiriert, entwarf sein Kollege Ludwig Mies van der Rohe 1927 einen Freischwingerstuhl, den so genannten "Weißenhofstuhl". Stam bekam das künstlerische Urheberrecht am Freischwinger 1961 zugesprochen. Thonet produziert sein gestalterisch optimiertes Erstlingsmodell, den S 43, seit 1931. Zum Bauhaus-Jubiläum lässt Thonets Kreativdirektor, der Engländer James Irvine, den Klassiker in elf neuen Farben, von Achatgrau bis Lichtblau lackieren, die Mini-Version für Kinder in Pastell und Weiß. Mit Thonet-Emblem ab 239 Euro, Kinderstuhl S 43 K ab 199 Euro.
7. Nesting Tables, Josef Albers "Hommage an das Quadrat" nannte Josef Albers (1888 bis 1976) seine berühmte Bildserie, die er 1949 begann. Seine Vorliebe für geometrische Formen und den Einsatz von Farbe zeigt sich bereits früher. Schon in seiner Zeit am Bauhaus entwickelte er 1926/27 die "Nesting Tables", vier kleine, ineinanderschiebbare Beistelltische mit rechteckigen Glasplatten, die auf ihrer Unterseite farbig lackiert sind und auf Untergestellen aus Eiche ruhen. Die Satztische, die er für das Berliner Haus seiner Freunde Anna und Fritz Moellenhoff fertigte, werden seit 2005 reeditiert vom Vitra-Design- Museum produziert, 1369,70 Euro.
8. Wassily-Sessel, Marcel Breuer Der junge Student und sein Fahrrad waren unzertrennlich. Dessen Rohrkonstruktion brachte Marcel Breuer (1902 bis 1981) angeblich auf eine Idee: Tagelang, so heißt es, habe er sich nicht am Bauhaus blicken lassen, weil er Stühle, Tische und Regale aus Stahlrohr biegen wollte. 1925, als er zum Jungmeister der Möbelwerkstatt in Dessau ernannt wurde, war sein erster Entwurf fertig:
Der Klubsessel B3, ein gewagtes Konstrukt aus Stahlrohr und einer Sitz-, Rücken- und Armlehnenfläche aus Eisengarn.
Die zertifizierte Reedition, den heutigen "Wassily-Sessel", mit Gurten aus dickem Rindsleder oder Corduragewebe, Marcel- Breuer-Schriftzug im Untergestell und Fertigungsnummer fertigt Knoll International, ab 1524 Euro.
9. Kinderwiege, Peter Keler 1922 verteilte Wassily Kandinsky Fragebögen an die Studenten des Bauhauses, darunter auch Peter Keler (1898 bis 1982).
Kandinsky wollte den Primärfarben bestimmte geometrische Grundformen zuordnen.
Die Studenten entschieden: Blau für Kreise, Rot für Quadrate und Gelb für Dreiecke. Peter Keler, Student der Abteilung Wandmalerei, übertrug die Gestaltungsmerkmale sogleich auf eine Babywiege mit roten Seitenwänden mit ursprünglich aus einer Strickflechterei bespannten Öffnungen für die Belüftung und zwei großen blauen Rädern, mit denen man die dreiecksförmige Wiege in Schwung bringt. Heute reeditiert Tecta die Wiege aus MDFHolzplatten, mit unbedenklichen Farben lackiert und Naturrohrgeflecht an den Seitenwänden, 2020 Euro.
