Ausgabe: 07 / 2009
Seite: 93
Dann und wann eine Maus
Von Thomas Wagner
Einst war das Atelier der auratische Ort, an dem der Maler vor seiner Staffelei saß und Kunstwerke schuf. Heute gibt es Laptops und Assistenten - das Atelier als Ort hat kaum noch Bedeutung, meint
WAGNERS KOLUMNE
Auch Künstler sitzen herum und ihnen fällt nichts ein; sie sind unausstehlich, wissen nicht, was sie tun sollen. Besonders das Anfangen hat es in sich: eine blütenweiße Leinwand oder ein leeres Video-Tape - schrecklich! Nie mehr, denkt der Frustrierte, werde ich es schaffen. Hatte ich je gute Einfälle? In einem solchen Moment sollte jeder, ob Künstler oder nicht, an Katzen, Mäuse und Bruce Nauman denken.
Galerie, Museum, Depot, Wohnung, Stadtraum, Zeitschrift und Internet - es gibt viele Orte, an denen Kunst präsentiert oder über sie nachgedacht wird. Und überall begegnen wir ihr als etwas Fertigem: als Werk und Produkt. Nur an einem Ort ist das anders: im Atelier. Hier entstehen sie, die später bestaunten Werke, ganz gleich, ob als Konzept oder Objekt. Offenbar ist das Atelier - oder im Englischen: studio - ein besonderer, rätselhafter Ort.
Unsere Vorstellung von einem Atelier aber ist antiquiert. Betrachtet man etwa Gustave Courbets berühmtes Gemälde "Das Atelier des Malers" von 1855, bemerkt man das sofort. Nicht deshalb, weil Courbet in dem Bild sieben Jahre seines künstlerischen Lebens auf einer monumentalen, dreieinhalb mal sechs Meter messenden Leinwand verdichtet und die Gesellschaft seiner Zeit um sich versammelt hat, sondern weil im Zentrum der Maler - von seinem Sohn bestaunt und von der nackten "Wahrheit" begleitet - malend vor einer Staffelei sitzt. Das Urbild des Ateliers: ein Maler, der vor einer Staffelei sitzt. Selbst banale Fernsehporträts feiern es als auratischen Ort, an dem sich so etwas wie "Schöpfung" ereignet.
Ist das Atelier aber nach wie vor ein mythischer Ort, an dem, wie die Alten gesagt hätten, die Muse den Künstler küsst? Wohnt die Inspiration hier noch immer zur Untermiete oder ist es heute schlicht ein Arbeitsraum? Oft hat es sich in eine Manufaktur verwandelt, in der sich, vom Meister angeleitet, jede Menge Assistenten tummeln, und in ein Büro, in dem ein Stab von Mitarbeitern Ausstellungen organisiert und Publikationen betreut. Viele Künstler, von Jan Vermeer bis zu John Baldessari, haben dem Künstler im Atelier über die Schulter geschaut. Andere, von Rembrandt bis Warhol und Murakami, haben aus ihm eine Kunstfabrikationsanlage gemacht. Keiner aber hat sich auf so originelle Weise damit beschäftigt wie Bruce Nauman. Mitte der sechziger Jahre macht er eine Serie von elf Farbaufnahmen, in denen er festhält, was er in seinem Studio getan hat. "Wenn man", sagt er "sich als Künstler begreift und in einem Atelier arbeitet und doch kein Maler ist, wenn man nicht mit einem Stück Leinwand beginnt, so tut man alle möglichen Dinge - man sitzt auf einem Stuhl oder geht umher. Und dann fragt man sich wieder, was Kunst denn eigentlich sei? Und Kunst ist eben das, was ein Künstler tut, eben im Atelier herumsitzen." Die Katze beißt sich in den Schwanz: Das Atelier ist der Ort, an dem Kunst entsteht; ergo ist alles, was im Atelier getan wird:
Kunst. Und wenn das, was man Atelier nennt, heute überall sein kann, dann kann auch überall Kunst entstehen. Vielleicht ist das Atelier also weniger ein Ort als eine Form gesteigerter Aufmerksamkeit.
In "Mapping the Studio" kommt Nauman noch einmal ausdrücklich auf das Thema zurück. 42 Nächte lang beobachtet er im Sommer 2000 mittels einer Infrarotkamera für jeweils eine Stunde, was in seinem Studio in Galisteo, New Mexico, vorgeht, während er nicht da ist. Auslöser für seine Vermessung des Ateliers war, so erklärt er, eine Feldmäuseplage: "Sie waren so zahlreich, dass selbst die Katze anfing, sich mit ihnen zu langweilen. Ich saß im Studio herum und war frustriert, weil ich keine neuen Ideen hatte.
Ich kam zu dem Schluss, dass man halt mit dem arbeiten muss, was vorhanden ist. Ich hatte die Katze und die Mäuse." Sechs Stunden Film sind dabei herausgekommen, projiziert auf sieben Leinwände. Im grünen Restlicht sucht man nach Sensationen.
Dann und wann huscht eine Maus vorbei - und ward nicht mehr gesehen. Wie von Geisterhand verändert sich der Raum, weil der Künstler, am Tage, darin gearbeitet hat. Nun ist er weg. Allein seine trägen Musen beginnen ihr Spiel. Wo immer der Künstler heute sein Atelier finden mag - in einer Fabrik, einem Notizbuch oder im eigenen Kopf - es ist der Ort, an dem ein Katz-und-Maus- Spiel stattfindet, das wir Kunst nennen. Auch ohne Staffelei.
ist freier Kunstkritiker und war viele Jahre Redakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Seit 2007 schreibt er "Wagners Kolumne" in art
Bildunterschrift:
Die Katze beißt sich in den Schwanz: Das Atelier ist der Ort, an dem Kunst entsteht, ergo ist alles, was im Atelier getan wird: Kunst
