Ausgabe: 07 / 2009
Seite: 52-61
Irgendwo jung
Von Kito Nedo
Den Berliner Künstler Tobias Zielony zieht es an die Ränder der großen Städte in aller Welt, wo die Tage lang sind und Jugendliche in Gruppen ziellos herumhängen. Seine lakonischen Fotozyklen zeichnen das Bild eines globalen jugendlichen Ennui
Der Fotograf Tobias Zielony arbeitet gerne nachts. Nur dann findet er die bevorzugten Motive seiner Bilder:
Cliquen von Jugendlichen, die sich auf Parkplätzen, auf Bänken, an Tankstellen oder am Rand von Sozialbausiedlungen treffen, um die Zeit totzuschlagen.
Dass viele seiner Fotos wegen des künstlichen Lichts einen Stich ins giftige Gelb haben, stört den 1973 in Wuppertal geborenen Zielony nicht. Im Gegenteil: Für ihn sind Dunkelheit und spärliche Beleuchtung Stilmittel, Bausteine seiner Ästhetik. Der Mann liebt das Fotografieren im Dämmerlicht:
"Da werden die Kontexte ausgelöscht." Was er damit meint, lässt sich deutlich an einer ganz frühen Serie ablesen, die wohl auch seine bekannteste ist. Für das Projekt "Behind the Block" (2000/03) fotografierte er herumhängende Teenager in Newport und Bristol (Großbritannien), Marseille (Frankreich) und Halle/Saale (Deutschland) und fing eine Stimmung ein, die Kids über enorme räumliche Distanzen hinweg in einer ähnlichen Situation zu vereinen scheint.
Stumm und ziellos hängen sie herum, rauchen, trinken oder fackeln gemeinsam eine Mülltonne ab. Sie warten auf etwas, doch den Rest der Gesellschaft berührt das nicht.
Warum auch? Besonders dramatisch sehen die Situationen nicht aus, aber anheimelnd auch nicht: irgendwie dazwischen, irgendwie im Ungewissen. Ist es wichtig, wo das geschieht? "Die Verwirrung über die Orte, die bei manchen Serien entsteht, interessiert mich", sagt Zielony. "Dass man nicht weiß, ob es sich nun um Marseille handelt oder um eine Stadt in England." Manchmal braucht es Unschärfe, um die Dinge besser zu erkennen.
Erstaunlich ist auch die Nähe, die dem fotografierenden Eindringling gewährt wird.
Schließlich kommt Zielony nur, um Bilder von ihnen zu machen. Doch vermutlich ist gerade diese distanzierte Teilnahmslosigkeit der Grund für die dem Fremden entgegengebrachte Offenheit. Für die meisten ist der Fotograf vielleicht der Erste, der sich für sie nicht als Sozialfälle interessiert, sondern als Teil einer Jugendkultur, deren Codes ihm nicht geläufig sind. Oft kann sich Zielony nicht erklären, wen er da fotografiert: "Sind das die Loser oder die Vorreiter einer globalen Entwicklung?" Aus dem merkwürdigen Gefühl von Verzögerung und Avantgarde entsteht genau jene Sorte von Zeitlosigkeit, die in seinen Bildern regiert: In Halle-Neustadt etwa fühlte sich der Fotograf bei seiner Arbeit "wie in einem Science-Fiction-Film, der in der Vergangenheit gedreht" wurde.
Näher als dem Journalismus ist die Arbeitsweise des Fotografen im Grunde den Methoden eines postmodernen Kulturwissenschaftlers, der das Fremde genauso auf dem Parkplatz am Rande der Stadt finden kann wie auf Reisen in fremde Weltgegenden.
Anders als jene behält sich der Künstler jedoch vor, Information einfach wegzulassen, wenn die Macht des Faktischen droht, den Fluss seiner Bilder zu stören. Zielony kennt die streng formatierten, immergleichen Zugänge der Medien zur komplexen Wirklichkeit. Bevor er von 2001 bis 2006 an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) bei Timm Rautert studierte, hatte er schon an der University of Wales in Newport Dokumentarfotografie studiert. Manche der dort erlernten Regeln beherzigt der Künstler noch heute: dass man den Weltausschnitt am besten beim Akt des Fotografierens bestimmt und nicht hinterher in der Dunkelkammer oder am Computer.
Und "dass es nichts nützt, sich zu Hause alles zu überlegen. Man muss losfahren."
Ausführliches Interview: www.art-magazin.de/ Zielony Literatur: Tobias Zielony: Trona.
Armpit of America, Spector Books, Leipzig 2008, 14 Euro. Maik Schlüter (Hg.): Tobias Zielony.
Story/No Story, Hatje Cantz Verlag, September 2009, zirka 39,80 Euro
Bildunterschrift:
Krista, aus der Serie "Los Angeles" (2007)
Jay, aus der Serie "Los Angeles" (2007)
"Two Cigarettes", aus der Serie "Trona. Armpit of America" (2008)
"Trona in Kalifornien ist ein vollkommen isolierter Ort. Da kommen öfter Leute durch. Aber sie halten nie an, weil es so unheimlich ist"
"BMX", aus "Trona - Armpit of America" (2008)
"Kids", ebenfalls aus der "Trona"-Serie
"Kreuzung" aus der Serie "Ha Neu, Halle" (2003)
"Bäume", aus "Ha Neu, Halle"
"Südpark", aus der Halle-Serie
"Ich denke schon, dass ich etwas auslöse, wenn ich irgendwo auftauche: Die Jugendlichen haben dann sofort ein Bild im Kopf, wie sie erscheinen möchten"
"Campfire", aus der Serie "Curfew, Bristol/Newport" (2001)
"Lamp Post", aus der Serie "Curfew, Bristol/Newport" (2001)
"Cookie", aus der Bristol-Serie
"Mich interessiert der Umstand, dass Verwirrung über die Orte entsteht. Dass man nicht weiß: Ist das in Marseille oder in England?"
In Wuppertal geboren, heute in Berlin zu Hause:
Zielony, fotografiert von Oliver Helbig
"Dieses Gefühl eines Science- Fictions-Films, der in der Vergangenheit gedreht wurde"
"Dawn", aus der Serie "Zgora" (2008)
"Disco", aus "Zgora"
