Ausgabe: 07 / 2009
Seite: 64-70

Ein Stück vom Himmel

Von Merten Worthmann

Den Blick nach oben hat der amerikanische Künstler James Turrell zum Zentrum seiner Kunst gemacht: Er zeigt die Farben des Firmaments - derzeit gleich in vier neuen Installationen

Ein ausgedehnter Pinienhain in Andalusiens Süden, gesprenkelt mit Wer ken zeitgenössischer Kunst. Man überquert ein ausgetrocknetes Flussbett, verschwindet in einem kurzen Tunnel und gelangt ins Innere eines kleinen Hügels, mit freiem Blick gen Himmel. Eine Einkaufsstraße in Unna am Ostrand des Ruhrgebiets. Man steigt hinab in die ehemaligen Gärkeller einer stillgelegten Brauerei.

An einem Ende des - inzwischen der Kunst gewidmeten - Gewölbes geht es wieder zwei Stockwerke hinauf. Man betritt einen kleinen, fensterlosen Betonturm und hat dann freien Blick gen Himmel. Ein Weinberg im hohen Norden Argentiniens, weitläufig umrahmt von Andengipfeln. Zwischen Rebstöcken nähert man sich einem flachen, sandfarbenen Museumsbau. Dessen zentraler Raum ist zugleich sein zentrales Ausstellungsstück. Inmitten der schneeweißen Decke befindet sich eine große quadratische Öffnung - für den freien Blick gen Himmel.

Die "Skyspaces" sind mittlerweile zum Markenzeichen des amerikanischen Lichtkünstlers James Turrell geworden. Allein im vergangenen halben Jahr wurden drei seiner "Himmelsräume" eingeweiht: Zunächst "Third Breath" in Unna, dann "Unseen Blue" im argentinischen Colomé, schließlich "Second Wind" in der Nähe der andalusischen Stadt Vejer de la Frontera. Nicht nur die Titel, auch die Räume sind unterschiedlich: ein nüchternes Rund mit Camera obscura in Deutschland, ein Atrium mit umlaufendem Säulengang in Argentinien, ein Stupa innerhalb einer gekappten Pyramide in Spanien. Das künstlerische Konzept der Arbeiten bleibt allerdings gleich. Von einer Bank oder vom Boden aus sieht man durch die Öffnung in der Decke. Der Himmel ist plötzlich eingerahmt, so nimmt man ihn auf neue Weise wahr. Doch das ist nur der halbe Trick. Zu Sonnenauf- und Untergang werden die "Skyspaces" - sofern die Öffnungszeiten es erlauben - zu Schauplätzen aufregender Lightshows. Verdeckte Bänder aus LED- oder Neonlicht illuminieren das Umfeld der Öffnung in wechselnden Farbtönen. Dadurch verändert sich auch die eigene Farbwahrnehmung des Himmelsstücks.

Aus dem einfachen Blick in die Luft wird ein halb halluzinatorisches Erlebnis.

Mit schwarzem Jackett, von kräftiger Statur und mit biblischem weißem Bart könnte Turrell auch als Prophet durchgehen. Per Hubschrauber ist er zur Eröffnung "seines" Museums in Argentinien eingeflogen. Gut gelaunt sitzt er auf der polierten Steinbank von "Unseen Blue" und sagt: "Heute abend werden Sie sehen, dass man dem Himmel jede Farbe geben kann, die man will. Während wir den Eindruck haben, dass unsere Augen eine bestimmte Farbe sehen, verleihen in Wahrheit die Augen dem Himmel diese Farbe. Ich benutze Licht, um das Sehen selbst zu untersuchen." Nicht immer braucht Turrell dafür den Himmel. Auch das kann man in Colomé verfolgen. Dort hat der Schweizer Kunstsammler und global tätige Weinunternehmer Donald M. Hess alle Turrell-Werke aus eigenem Besitz zusammengetragen und den "Skyspace" sozusagen obendrauf bekommen. Hess, fast zehn Jahre älter als der Mittsechziger Turrell, sitzt neben dem Künstler auf der Bank und leuchtet fast vor Stolz und Glück. Bis auf ein einziges Werk kannte er das gute Dutzend ausgestellter Arbeiten bisher nur aus den "Grey Books" - grauen Ordnern, in denen Turrell jeweils festhält, wie ein erworbenes Werk zu installieren sei. Dass nun ausgerechnet hier, in der Halbwüste des Andenvorlands, auf 2300 Metern Höhe, vier Fahrstunden Schotterpiste von der nächsten Provinzhauptstadt Salta entfernt, ein kleines State-of-the-Art-Museum steht, das Turrells Schaffen knapp überschlägt, grenzt an ein Wunder und an Spinnerei zugleich. Dabei passt der Ort durchaus zum Werk. Abseits aller Kunstrouten hat man für Turrells Arbeiten endlich jene Zeit und Ruhe, die sie verlangen. Und in der Nacht gibt es - ganz ohne künstlerischen Spezialeffekt - ein gigantisches Firmament dazu. "Wer kommt schon dagegen an!", bemerkt Turrell halb im Scherz, als er den Sternenhimmel über seinem Museum das erste Mal mit eigenen Augen sieht.

Turrell ist ein Künstler des Erhabenen, wenigstens ist er dazu geworden. Als er in den sechziger Jahren anfing, mithilfe einfacher Projektionen geometrische Formen aus Licht zu bilden, fielen zunächst die formalen Aspekte seines Werks auf. Turrells Experimente passten ins Raster der Minimal Art. Doch spätestens mit dem Kauf des erloschenen Vulkans Roden Crater in Arizona 1977, den der Künstler seitdem zu einer Mega-Installation mit diversen "Skyspaces" und anderen unterirdisch kommunizierenden Betrachtungsräumen umfunktioniert, ist der spirituelle Aspekt seines Werks unübersehbar. Die "Skyspaces" scheinen dafür die ideale Form zu bieten: Angelegt wie kleine Tempel, einladend zur Kommunion mit dem Himmel ... Doch so einfach ist es nicht, denn die dazugehörigen Lichtprogramme saugen den Himmel im Grunde schamlos hinein in den künstlerisch gestalteten, experimentellen Raum.

Der Ausschnitt Himmel wird im Rahmen des Farbspiels zu einer beliebig manipulierbaren Fläche. Und dabei wechselt er nicht nur die Farbe, sondern auch die Form. Vor unserem (geistigen) Auge liegt er mal wie ein Stück Samtstoff über der Öffnung, dann beult er sich nach außen wie ein Ballon, dann wieder hängt er wie ein pralles Kissen tief im Saal. Statt einer Andacht bietet Turrell eher eine optische Achterbahnfahrt.

Deren Verlauf ist mittlerweile weitgehend festgelegt, weshalb Turrells Assistenten die "Skyspaces" auch ohne den Künstler in Betrieb nehmen können. Das Werk in Unna, neues Herzstück des dortigen Zentrums für Internationale Lichtkunst, lief schon Monate vor Turrells endgültiger Abnahme.

Colomé in Argentinien lernte er erst einen Tag vor der Museumseröffnung kennen. Die Arbeit in Andalusien - Teil des zauberhaften Kunstparks Montenmedio - besuchte er dagegen gleich mehrmals vor der Publikumspremiere.

Bei einem dieser Besuche, zwischen zwei Lichtproben, redet er lange über die weltweite Krise und deren unabsehbare Folgen. Er begrüßt die "moralische Krise", das "Ende des Konsumismus". Er bedauert andererseits, dass ihm nun Mäzene verloren gehen. Roden Crater sollte 2012 eröffnen. Abermals wird sich der Termin verschieben. In der Zwischenzeit fließen 50 Prozent der eigenen Einnahmen ins Kraterprojekt. Er redet über das Fliegen.

Seit 50 Jahren ist er nun Pilot. Viele seiner Werke sind inspiriert durch Licht- und Himmelsphänomene, die er vom Cockpit aus beobachtet hat. Er redet auch über das "innere Licht", dem er - als Sohn einer Quäkerin - früh im Leben nachspürte. "Das Licht, das man mit geschlossenen Augen sieht, im Traum oder in der Meditation, ist oft intensiver als das ,reale' Licht", sagt Turrell, "viele meiner Arbeiten versuchen, an dieses auratische Licht anzuknüpfen." Sein erster "Skyspace", 1986 im New Yorker Kunstzentrum P.S.1 installiert, hieß "Meeting" - so nennen die Quäker sowohl ihre Gemeinden als auch deren Zusammenkünfte.

Inzwischen hat Turrell sogar "Skyspaces" direkt in Quäker-Gemeindehäusern eingerichtet. "Wer wirklich in die spirituelle Welt eintreten will, muss die sinnliche Welt hinter sich lassen", sagt Turrell. "Sinneserfahrungen können einen der spirituellen Welt annähern, und mein Werk hat sicherlich mit einem entsprechenden Schärfen der Sinne zu tun. Aber mir geht es nicht nur um diesen spezifischen Spürsinn, sondern auch um etwas Grundlegendes: um die bewusste Wahrnehmung der Wahrnehmung." Die besten Arbeiten von James Turrell regen das spirituelle und das analytische Bewusstsein des Betrachters gleichermaßen an. "Wedgework II" von 1969 - das nun in Colomé endlich seinem "Grey Book" entkommen konnte - ist eines dieser fast unbeschreiblichen Werke. In der Tiefe des dunklen Saals sieht man eine keilförmige, wandfüllende Lichtprojektion in Rot und Blau. Auf halber Distanz markiert eine hellere Scheibe Licht eine Art Gaze-Schleier. Dadurch entsteht eine komplexe Raumillusion, deren Mechanismen man unwillkürlich auf den Grund zu kommen versucht. Zugleich suggeriert das Werk einen symbolischen Raum, der von den Grenzen des menschlichen Daseins, von Jenseits-Hoffnung und transzendentalen Fluchtwegen handelt.

Ist das alles nur ein Lichtgespinst? "Ich handele mit blauem Himmel und farbiger Luft", sagt Turrell gern, ein Bonmot, mit dem er manchmal der bleiernen Schwere des Kunstdiskurses ausweicht. Erst wenn es um Gefühle geht, sagt er auch: "Meine Arbeit ist extrem emotional. Leider wird darüber kaum gesprochen."

FOTOS: FLORIAN HOLZHERR

Kasten:

Viermal Turrell: Neue Skyspaces Das James Turrell Museum befindet sich in der nordargentinischen Provinz Salta. Vom dortigen Flughafen fährt man etwa vier Stunden im Allradwagen. Das Museum steht auf dem Gelände des Weinguts Colomé, das dem Schweizer Weinunternehmer und Kunstsammler Donald M. Hess gehört. Gezeigt werden bei freiem Eintritt acht Lichtarbeiten und der Skyspace "Unseen Blue". Wer eines der Sonnenauf- und Sonnenuntergangs- Programme erleben will, muss seinen Besuch vorab mit der Estancia Colomé koordinieren.

Tel. (00 54 38 68) 49 42 00, info@estanciacolome.com, www.estanciaco lome.com, www.hess-family.com/art Die Fundación NMAC befindet sich in der andalusischen Provinz Cádiz nahe der Stadt Vejer de la Frontera. Die Stiftung lädt seit 2001 Künstler ein, auf einem Teil des 30 Hektar großen Naturparks Montenmedio Arbeiten zu installieren. Auf dem Parcours findet man Werke von Olafur Eliasson, Jeppe Hein und Sol LeWitt. www.fundacionnmac.org Das Zentrum für Internationale Lichtkunst in Unna am Ostrand des Ruhrgebiets ist in den unterirdischen Gärkellern der ehemaligen Lindenbrauerei untergebracht. Vor Ort haben ein Dutzend Künstler neue Werke realisiert, darunter Rebecca Horn, Joseph Kosuth, Mario Merz und Christian Boltanski.

Turrells Skyspace "Third Breath" ist die einzige überirdische Arbeit. Als Besonderheit bietet sie einen Raum unterhalb des Skyspace mit einer Camera-obscura-Aufnahme des Himmels. Wer das Sonnenuntergangs- Programm sehen will, muss sich dafür anmelden.

Katalog: Hatje Cantz Verlag, 39,80 Euro. www.lichtkunst-unna.de Das Kunstmuseum Wolfsburg widmet James Turrell vom 24. Oktober bis zum 5. April 2010 eine Schau, die vor allem aus einem eigens entworfenen "Ganzfeld Piece" besteht, einem vollständig in uniformes Licht getauchten Raum. www.kunstmuseum-wolfsburg.de

Bildunterschrift:

Blauer Himmel über Unna: "Third Breath" (2005/09) ist einer der neuen Skyspaces von James Turrell, die Installation gehört nun zum Lichtmuseum der westfälischen Stadt

Zwei Lichtzustände im Skyspace "Unseen Blue" (2002/09) im argentinischen Colomé: Die Farben im Raum verändern auch die Himmelsfarben

Die Arbeit "Second Wind" (2005/09) im Skulpturenpark Montenmedio in Andalusien

"Wer kommt schon gegen den Himmel an!", sagt James Turrell, halb im Scherz

Turrell, in Unna fotografiert von Bozica Babic

"Wer in die spirituelle Welt eintreten will, muss die sinnliche Welt hinter sich lassen"