Ausgabe: 07 / 2009
Seite: 110-112

Die Explosion der Kristalle

Von Petra Bosetti

\ VORSCHAU Eine Ausstellung untersucht die ästhetische Wahrnehmung von Schnee vom späten 18. Jahrhundert, als Gipfel und Gletscher zum ersten Mal exakt vermessen und auch präzise dargestellt wurden, bis in die Gegenwart

Schnee. Rohstoff der Kunst Vorarlberger Landesmuseum Bregenz 24.6-4.10.2009

Den guten, alten Werbeslogan der Deutschen Bundesbahn "Alle reden vom Wetter. Wir nicht" könnte man nun, in modifizierter Form, auch auf das Vorarlberger Landesmuseum Bregenz und seine Niederlassung in Lech am Arlberg anwenden:

"Alle reden vom Sommer. Wir nicht." Denn mitten in der heißen Jahreszeit, im Juli, lockt das Haus mit der Ausstellung "Schnee". "Eher ungewöhnlich ist die Annäherung an das Thema aus der Sicht einer Sommerausstellung", räumt das Museum denn auch ein. "Darin scheint ein Widerspruch oder zumindest etwas Gegensätzliches zu liegen." Aber gerade dieses "Unerwartete" hat Kurator Tobias G. Natter gereizt, dem es nicht "um Schnee an sich, sondern um seine ästhetische Wahrnehmung" geht.

Diese setzt in der Ausstellung im späten 18. Jahrhundert ein. Damals wurden Alpengipfel zum ersten Mal bestiegen, die Berge wurden exakt vermessen. Künstler, die Gipfel und Gletscher realistisch und präzise dargestellt haben, waren der Schweizer Vorromantiker Caspar Wolf (1735 bis 1783) oder der österreichische Biedermeier- Maler Ferdinand Georg Waldmüller (1793 bis 1865).

Im frühen 19. Jahrhundert wurde das Thema Schnee vom Schweizer Symbolisten Ferdinand Hodler (1853 bis 1918), dem Begründer der Moderne in der Schweiz, aufgegriffen.

Sein vor bläulicher Kälte starrender "Mönch", ein Viertausender aus den Berner Alpen, ist von ornamentalen Wolken gerahmt, die bereits auf die Malerei des Jugendstils verweisen. Hodler malte den Schnee in der Kälte suggerierenden Farbe Blau - der Impressionist Claude Monet dagegen brachte die Farbenexplosionen, die Sonne und Atmosphäre auf den flirrenden Schneekristallen hervorriefen, auf die Leinwand; sein "Antibes und die Alpes Maritimes" ist ein einziges Feuerwerk an Reflexen in hellen, leuchtenden Pastelltönen.

Dass Schnee auch für Gegenwartskünstler ein Thema sein kann, beweist das Schweizer Künstlerduo Fischli/Weiss mit viel Humor: Ihre fotografierte Gebirgslandschaft mit weiß-bläulich schimmernden Abhängen, tintenfarbenem See und dramatischem Sonnenaufgang entpuppt sich als zerwühltes Bett. Weitere Arbeiten stammen von Künstlern wie Christian Ludwig Attersee, Joseph Beuys, Not Vital und Lois und Franziska Weinberger.

Ein anderer Teil der Ausstellung widmet sich dem Schnee als Lockmittel für Touristen.

Dazu haben die Veranstalter Plakate verschiedener Jahrzehnte zusammengetragen, vor allem die dekorativen Motive aus Jugendstil und Art déco, mit denen aufstrebende Wintersportorte wie Zürs am Arlberg oder Sainte-Croix/Les Rasses im schweizerischen Jura für sich warben.

Schnee war auch ein reizvolles Sujet für Fotografen. Besonders eindrucksvoll sind die Aufnahmen des österreichischen Fotografen Wilhelm Angerer (1904 bis 1982), strenge, in Schwarzweiß gehaltene Bildkompositionen, in denen der Fotograf die faszinierende Wirkung von Licht und Schatten gekonnt einsetzte.

Auch das gibt es in der Ausstellung:

Schnee als missbrauchtes Subjekt für totalitäre Machthaber. Die Nationalsozialisten benutzten die "Mystifizierung des Alpinen als Spiegelbild des arischen Menschen" (Katalog: 29,90 Euro). Mehr Abbildungen zur Ausstellung finden Sie unter: www.art-magazin.de/schnee

Bildunterschrift:

Alpenglühen im Federbett:

"In den Bergen" (1979, 68 x 98 cm), Foto von Fischli/Weiss

Links: "Der Mönch mit den Wolken" (1911, 65 x 93 cm).

Unten: "Ein Sang des Winters" (1933/42, 34 x 29 cm) von Wilhelm Angerer