Ausgabe: 07 / 2009
Seite: 131

Alt-Berlin

Von Kito Nedo

KOMMENTAR Nichts scheint der Berliner Lokalpolitik heiliger zu sein als die Tradition der unqualifizierten Architekturdebatte

Anders lässt sich der Eifer nicht erklären, mit dem Klaus Wowereit und sein Kulturstaatsekretär André Schmitz ohne Not neuen Streit vom Zaun brachen. Diesmal geht es um das Marx-Engels-Forum, eine in den achtziger Jahren angelegte Grünanlage am Fuß des Fernsehturms, die dem Regierenden Bürgermeister seit der Schleifung des Palastes der Republik am nahe gelegenen Spreeufer zu zugig vorkommt. Weil jenseits der Spree bald die Bauarbeiten für die Schlossattrappe nach Plänen von Franco Stella beginnen, denkt man im Roten Rathaus offenbar schon über ein Altstadt-Disneyland vor der eigenen Tür nach. "Hier ist das Herz der Stadt", verkündete Schmitz die frohe Botschaft. "Das müssen und können wir zurückgewinnen." Wowereit und Schmitz hatten ihren historizistischen Vorstoß für ein präsozialistisches Berlinidyll offenbar weder mit Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer noch Senatsbaudirektorin Regula Lüscher abgesprochen.

Die distanzierten sich auch sofort von diesem Vorhaben. Mit der plumpen Art allein, mit der Wowereit in kulturpolitischen Belangen gewöhnlich agiert, lässt sich der Affront nicht erklären. Auch gäbe es hier eigentlich genügend andere Brachen, deren Erschließung es zu befeuern gälte. Nein, es muss wohl etwas Emotionales sein: Viel zu verliebt sind die Regierenden in die restaurative Idee von , als dass sie sich die Tour von Fachleuten wie Stadtplanern oder Architekten vermasseln lassen würden.

Bildunterschrift: art-Korrespondent