Ausgabe: 07 / 2009
Seite: 128-129

"Nationales Desinteresse"

Von Eugen Blume

ESSAY , 1951 in Bitterfeld geboren, Leiter der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart in Berlin, über den zweifelhaften Umgang mit DDR-Kunst

De jüngste Debatte um den Verbleib der Kunst der DDR rankt sich an einer Ausstellung mit einem schmalen Gedanken empor, nämlich, dass Künstler und ihre Werke das 60-jährige Jubiläum der BRD oder überhaupt eines Staates signifikant repräsentieren können, weil sie "auf der staatlich garantierten künstlerischen Freiheit ihre Entfaltung fanden".

Der Einfall könnte aus der DDR stammen. Nun sollte aber in der Berliner Schau "60 Jahre. 60 Werke" 60 mal Kunst für 60 Jahre staatlich garantierter gesamtdeutscher Freiheit stehen, darin haben natürlich die unfreiwillig Gefangenen oder freiwillig Gebliebenen, nur so genannten Künstler eines Systems nichts zu suchen, das Freiheit in der Kunst offenbar nicht kannte, denn Freiheit der Kunst bedeutet, wie wir gelehrt bekommen, so viel Freiheit, wie der Staat garantiert.

In einem Unrechtsstaat konnte demzufolge natürlich keine Kunst entstehen.

Diese Milchmädchenrechnung auf den Staat ist im Jahre 2009, 20 Jahre nach dem Mauerfall, ein starkes Stück. Sie sagt viel über den Kunstbegriff des 14-köpfigen Ausstellungskuratoriums und -beirats, in dem natürlich kein einziger Ostmensch aus dem Fachgebiet bildende Kunst (oder besser Zoologie) vertreten war, warum auch? Es hätte ja die längst (grundgesetzlich) verneinte Frage entstehen können: Gab es überhaupt eine Kunst in der DDR, und wo ist die eigentlich geblieben? Im gesamtdeutschen Ausstellungs- und Museumsbetrieb herrscht heute ein weit verbreitetes Desinteresse an der Kunst der DDR, von einigen Ausnahmen abgesehen, wie die, allerdings vom Los Angeles County Museum of Art initiierte und mühevoll nach Deutschland gebrachte Ausstellung "Kunst und Kalter Krieg".

Wer von Wiedervereinigung spricht, kommt nicht umhin, deutsche Kunstgeschichte auch nach 1945 als gemeinsame Geschichte zu schreiben.

Kunstgeschichte ist niemals Staatsgeschichte, wenn auch selbstverständlich die historischen Bedingungen in den Betrachtungskontext von Kunst gehören. 1990 investierte der französische Staat in der Absicht, zwei deutsche Staaten zu erhalten, ausgerechnet in ein dreitägiges Festival zur Kunst in der DDR im La Villette in Paris eine hohe Summe. Die Pariser nahmen staunend zur Kenntnis, was sich Künstler aller Gattungen unter dem immerhin 40-jährigen Druck einer Diktatur alles herausgenommen haben. Letztendlich war den Franzosen diese Kunst für ihre politischen Absichten kontraproduktiv, weil zu frei oder zu westlich (im Sinne des Grundgesetzes der BRD); sie lieferte jedenfalls keine triftigen Argumente für eine zweite deutsche Kultur beziehungsweise einen erhaltenswerten zweiten deutschen Staat.

Fragen Sie einmal irgendwo in der alten Bundesrepublik nach diesen damals vom französischen Staat und seinem Kunstpublikum als irritierend empfundenen Künstlern. Sie werden keinen Namen genannt bekommen.

Bald wird man sie auch im ehemaligen Osten nicht mehr kennen.

Wer waren eigentlich Horst Bartnig, Hartwig Ebersbach, Klaus Hähner- Springmühl, Horst Hussel, Eberhard Göschel, Oskar Manigk, Erhard Monden, Helga Paris, Manfred Paul, Robert Rehfeldt, Evelyn Richter, Horst Sagert, Strawalde, Wolfram Adalbert Scheffler, Albert Wigand und Willy Wolff - um mal nicht die üblichen Verdächtigen zu nennen.

Bildunterschrift:

Helga Paris, "Berliner Jugendliche (Keule)" von 1981/82

, Berliner Kurator

Bald vergessen? Wolfram

Adalbert Scheffler, "Der Musiker" (1987)