Ausgabe: 07 / 2009
Seite: 50-51

Bildnis Bronja Schmidt

Von Uwe Tellkamp

Schriftsteller und ihr Lieblingsporträt (9): wählte das Porträt einer Dresdner Bürgertochter von Curt Querner (1904 bis 1976), einem sächsischen Maler der Neuen Sachlichkeit

Erlkönigin: So sah er dieses Bildnis und dachte bizarr sein ist einfach, abweichen, das kann heute fast jeder, eine Flucht aus dem, was kaum noch jemand erfährt, so überformt alles von Medien und sekundären Angelegenheiten, dieser neuen ätherhaften Wirklichkeit des Scheins, vom Ich doch nicht und Ich habe mit niemand anderem etwas zu tun und Ich bin ich und Ich bin und Ich. Und dachte: Der Maler interessiert sich nicht für das Skurrile, zumindest nicht in seinen Bildern, hätte es womöglich als Interessantmacherei abgetan, etwas, das leichter zu haben sei als das andere, die sogenannte Normalität, die jeder zu kennen und somit voraussetzbar glaube; sie aber will gefunden sein wie alle Wirklichkeit. Und dachte: Das ist sie, die junge Türmerin; die Dresdner Noblesse, und jetzt weichst du ab von deinem Plan, das Psychologisieren, das letztlich ja unbeweisbare Hineindeuten, beiseitezulassen, statt der Porträtierten den Porträtisten zu porträtieren und damit vielleicht auch sie, mit ihm, jenem Curt Querner, den immer noch kaum einer kennt in seiner Schublade "Bauernmaler, Erzgebirge, Schwermut und Erde", also womöglich Heimat.

Und dachte: Ist das für die Generation Google und Latte Macchiato, für iPod-Nutzer, das ist nicht cool verzerrt und "abgefahren", das ist nicht Berlin, was dieser Querner malt, Ex-Kommunist, geboren 1904, gestorben 1976, Anwalt der Ackerlandschaft, der geduckten Dörfer und der vom Wind gekrümmten Bäume, der von Hunger, Krieg und Plackerei auseinandergenommenen Menschen, mit denen er lebte. (Und wie er lebte: kannte den Hunger, war aussätzig unter ihnen und ihren nüchternen Rechnungen: soundsoviele Kälber, die Kränkler weg, Schweine, soundsoviele Ferkel, die Kümmerer weg, die Stute zum geeigneten! Deckhengst bringen, die alte Katze ersäufen, die jagt nichts mehr, "der unnütze Esser", wir wollen nichts idealisieren.

Dorf, ja, aber hier ist kein Pathos, kein Blut und Boden. "Dieser Künstler, dieser Nichtsnutz, Pinsler, Tagedieb", sagten sie und verstanden nicht, warum er sie bei der Arbeit malen wollte und nicht selber arbeiten, ihre Frauen nackt in ihrer Fülle Schalheit Kraft und zähen Gebärfreudigkeit, Beine wie Säulen, ihrem Bauernbarock, "diese Pferdeärsche", "was will der Farbenkleckser", "der Perverse", sagten sie, seine Eltern, die er malte, waren taubstumm, die knotigen Hände, die Hungergesichter hast du nicht vergessen, Schuften und Prügel, "sonst gehst du unter", "willst du abweichen vom rechten Weg, willst du unter die Räder kommen", Dunkelheit, Not und Kälte; Querner, der Kälberstricke verkaufte im Erzgebirge mit seinen Spukgestalten zur Fastnacht, seinen leuchtenden, vom Wind aus der Kindheit gezerrten Kindergesichtern, als Hausierer durch einen Landstrich zog, der verkrüppelt war von Armut). Wo, aber, wäre Heiterkeit, Charme in seinen so einschüchternd "authentischen" Bildern, wo das leichte Licht, das reine Spiel, in seinen Landschaftsaquarellen manchmal, wenn der Frühling kam und die Obstbäume bei Börnchen blühten, die Feldraine an der Quohrener Kipse, der Luchberg unter Sonnenfasern zitterte - und? ... So sah er dieses Bildnis an und dachte: Dieses Erwartungs-Flimmern in ihren Augen, ist es siegessicher, aus einem grundsätzlichen Mißtrauen gereift; diese Augen, die auch wissen, daß alles ganz anders kommen kann? Die Haltung ist es wohl, die reizt (und dachte: Erlkönigin, kupferlippiges, tiefes lockendes Blau des Kleids), dieser still nach außen gekehrte, von Längslinien Herkunft, Überlieferung, und Querlinien Eigenwillen durchzogene "Adel", dazwischen immer wieder ausgeseiht: Was wichtig ist; und dachte: Manche Bildnisse geben die Worte frei, sie drängen sich ins Wort, wollen reden, öffnen Münder in die Worte, dieses saugt sie ein, es will schweigen. Wie sie lieben kann! Und wehe, wenn sie liebt. Enttäuschung - und was für Hände, Querner hätte gesagt:

Pfoten, die packt zu und hält fest, die Bürgertochter aus der alten Residenzstadt Dresden, das auf dem krummen Rücken des Erzgebirges feiert. Und dachte: Diese Frau ist fähig zu einer Liebe, die so groß ist, daß sie für sich allein zu sein vermag, dem andern sogar den Tod gönnt, damit nichts an dieser Liebe mehr verändert werden kann, nichts sie mehr bestürzt, Liebe, für immer geborgen vor der furchtbaren und gleichgültigen Veränderin Zeit. Und dachte: Trete ich ihr zu nahe? Ich fürchte. Einkreisung eines Rätsels, der Versuch einer Gefangennahme in Worten, die ihr Schweigen nicht erreichen.

Wie stolz sie scheint und unnahbar. So hat der Maler sie gemalt, hat sie ganz und in ihrer Ruhe gesehen, deutet vieles nur an. Und dachte: aushalten, diesen Blick, auch des anderen, der abwesend ist und der dich liebt, schöne Fremde, auf die dunkle Weise, indem er dich so malt. Was sie weiß, aber für sich behält. Kein Schmuck, die Korblehne des Stuhls nur angeschnitten, Halbprofil, nichts lenkt von ihr ab. Und dachte: Wer bist du, Geliebte.

Kasten:

Der Schriftsteller ... wurde 1968 in Dresden geboren und lebt heute in Freiburg im Breisgau. 2004 gewann er den Ingeborg-Bachmann-Preis und veröffentlichte 2005 im Rowohlt Verlag den Roman "Der Eisvogel".

Als 2008 sein Roman "Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land" im Suhrkamp Verlag erschien, wurde er als literarisches Ereignis gefeiert und mit dem Uwe-Johnson-Preis sowie dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Im Juni 2009 folgte der Deutsche Nationalpreis, im November wird dem Autor der Literaturpreis der Konrad- Adenauer-Stiftung verliehen. Sein erster Roman "Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Café" (2000) wird dieses Jahr im Faber & Faber Verlag und bei dtv neu aufgelegt. "Der Turm" ist auch als Hörbuch erhältlich (Der Hörverlag, 2009).

Bildunterschrift:

Curt Querner: " II" (1965, 78 x 44 cm)

Dieses Erwartungs-Flimmern in ihren Augen, ist es siegessicher, aus einem grundsätzlichen Mißtrauen gereift?