Ausgabe: 07 / 2009
Seite: 118

Stillschweigend stark

Von Hans-joachim Mller

KRITIK Wie man aus einer persönlichen Faszination heraus eine berührende Kunstausstellung kuratiert, führt der Filmexperte mit unorthodoxem Zugriff vor

Silences - Schweigen. Eine Betrachtung von Marin Karmitz Musée d'Art Moderne et Contemporain Straßburg 18.4.-23.8.2009

HANS-JOACHIM MÜLLER

Silences" könnte "Schweigen" heißen.

Auch "Stille". "Stillschweigen" trifft es am besten. Die Ausstellung, die der französische Regisseur, Produzent, Verleiher und Kinobesitzer Marin Karmitz für das Straßburger Musée d'Art Moderne et Contemporain kuratiert hat, ist keine tonlose Veranstaltung.

Es wird geflüstert, gesungen, am Sechziger-Jahre-Badestrand von Martial Raysse spielt die Musikbox, und hin und wieder stöhnt der Museumswächter kurz auf, weil so viel "Silence" den Arbeitstag ein wenig dämmrig macht. "Stillschweigen" meint nichts anderes als Erklärungsunbedürftigkeit, jene wunderbare Eigenschaft der Kunst, mit starken Bildern, Räumen und Situationen zu berühren, ohne sie erst ausdeuten oder übersetzen zu müssen. Es gibt keine Theorie hinter der Ausstellung, keine unterirdisch verlegte Sinnversorgungsleitung, nichts, was Tadeusz Kantors "Kinder auf Schulbänken" mit einem Iglu von Mario Merz verbinden würde. Und das schneckenförmig angelegte Memorial, in dem Ilya Kabakov die Geschichte seiner Mutter erzählt, verfehlt seine Wirkung nicht, auch wenn man die russischen Texte nicht versteht, die den vergilbten Fotos beigegeben sind.

All die versammelten Arbeiten haben schon ihre Geschichten. Aber so, wie man sie hier sieht, hat man sie noch nicht gesehen, noch nie aus so sehnsüchtiger Ferne.

"Silences" (Katalog: 32 Euro) ist eine sehr private Ausstellung, die eine lange Erfahrung, einen wählerisch unorthodoxen Umgang mit der Kunst und eine unheilbare Faszination bekennt. Ein poetischer Essay, der ein leise zitterndes Netz zwischen den einzelnen Positionen spannt und es in labyrinthischer Ausstellungsarchitektur so verknüpft, dass man lange nicht herausfindet.

HANS-JOACHIM MÜLLER Mehr Abbildungen im Web unter www.art-magazin.de/silences

Bildunterschrift:

"Ciineeemaa", Installation aus Plüsch-Buchstaben (2001) von Annette Messager