Ausgabe: 06 / 2009
Seite: 18-29
Biennale Venedig - Weltkunst an der Lagune: Höhepunkte der Biennale
Von Irit Bahle, Petra Bosetti, Almuth Spiegler, Barbara Hein
Viele sagen, das Prinzip der Länderpavillons auf der Biennale von Venedig sei ein Anachronismus, zementiere eine reaktionäre und national geprägte Attitüde. Aber auch auf der 53. Biennale mag man von der Länderrepräsentanz nicht lassen. art stellt die interessantesten Pavillons und die spannendsten Künstler vor
PETRA BOSETTI\BARBARA HEIN\IRIT BAHLE\ALMUTH SPIEGLERAUSTRALIEN Die Einsamkeit der australischen Outbacks und der motorisierte Rachefeldzug des Kinohelden "Mad Max" sind Inspirationsquellen für die Videos des Australiers Shaun Gladwell. Der 1972 geborene Künstler vertritt den fünften Kontinent mit fünf thematisch zusammenhängenden Videos, in denen ein Mann in schwarzer Ledermontur durch die staubtrockene Wüste fährt. In der "Ludoteca Santa Maria Ausiliatrice" (Castello) zeigt Australien außerdem unter der Leitung von Felicity Fenner Kunst von Vernon Ah Kee, der sich mit Themen wie Aborigines und Umwelt auseinandersetzt.
Ken Yonetani visualisiert in der Installation "Sweet Barrier Reef" das Korallensterben, Claire Healy und Sean Cordeiro zeigen eine Auswahl an Filmen verschiedenster Herkunft - vom Homevideo bis zum Hollywoodstreifen. ÖSTERREICH 1980 vertrat Valie Export Österreich auf der Biennale von Venedig. Jetzt hat sie selbst bestimmen können, wer diese internationale Plattform nutzen darf. Nach Elisabeth Schweeger 2001 ist sie die zweite österreichische Kommissarin der Geschichte. Die Künstlerin hat sich dafür mit Silvia Eiblmayr noch professionelle, ebenfalls feministisch motivierte Unterstützung geholt. Dass so ein Doppelpack nicht unbedingt nur einen Künstler oder eine Künstlerin in die Giardini entsenden würde, war so anzunehmen wie ein Kompromiss zu befürchten war: Drei Künstlerinnen und ein Künstler sind es schließlich geworden.
Sehr unterschiedlich sind die Auserwählten: Elke Krystufek, die angriffslustige Wiener Malerin ihrer eigenen Biografie vor dem Spiegel der männlich dominierten, medialen Gesellschaft, Dorit Margreiter, die zurückhaltende Videodokumentaristin der Absurditäten einer architektonischen (Post-)Moderne, sowie Franziska und Lois Weinberger, die Dienstältesten der Runde, documentaerprobte Spezialisten für das Aufzeigen gesellschaftlicher Zusammenhänge in Schicksal und Lebensweise von Ruralpflanzen, sprich Unkraut.
Wie das zusammengehen soll? Durch strikte Raumaufteilung: Krystufek (Jahrgang 1970), Österreichs erwachsen gewordene Kunstgirlie- Hoffnung der neunziger Jahre, die einst öffentlich onanierte und sich später näher mit ihrem Regelblut befasste, wird den Pavillon am prominentesten besetzen: Ihre Installation "Tabou Taboo" kann bereits an der Fassade des 1934 von Josef Hoffmann errichteten Baus abgelesen werden. Statt des Schriftzugs "Austria" wird auf einem Schild "Tabu" stehen, vordergründig ein klarer Angriff auf den nationalen Biennale-Gedanken. Hintergründig ist das auch eine Reverenz an Sigmund Freuds Schrift "Totem und Tabu" sowie Friedrich Wilhelm Murnaus 1931 auf Polynesien gedrehten gleichnamigen Film. Während Margreiter (Jahrgang 1967) im linken Gebäudeflügel das unterstreicht, was da ist: die immer wieder als nationalistisch umstrittene Architektur des Pavillons, die sie mit dem schwarzweißen 35-Millimeter-Film "Pavilion" als Kulisse für große Erwartungen inszeniert und thematisiert. Hinter der Projektion, im abgetrennten rückwärtigen Raum des Flügels, stellen die Weinbergers eine kleine Retrospektive ihres Werks seit den siebziger Jahren zusammen, um ihre Installation "Laubreise", die temporär am meist unbeachteten Gelände außerhalb platziert ist, verständlicher zu machen. Ein subversiver Kommentar zum hehren Pavillon daneben, könnte man denken, liest man Lois Weinbergers Anmerkung dazu: "... ein perfektes Provisorium/das Dach eine lose übergeworfene Plastikplane/die tagsüber das Licht durchscheinen lässt ..."
FRANKREICH Bei der letzten Biennale ließ Sophie Calle im französischen Pavillon den Abschiedsbrief ihres Geliebten interpretieren.
Diesmal werden dort mit Claude Lévêque gewichti gere Gesellschaftsfragen behandelt:
Der 55-Jährige gilt als einer der bedeutendsten Künstler seiner Generation.
Er lebt und arbeitet in Montreuil und ist bekannt dafür, in seinen raumgreifenden Arbeiten Bilder, Licht und Ton zu faszinierenden Installationen zu verbinden.
Mit "Le Grand Soir" möchte er einen Moment beschwören, in dem die Welt sich verändert hat. Geprägt von Punkkultur und alternativem Denken, geht es ihm darum, die Mechanismen der Gesellschaft aufzuspüren. Als Kurator hat Lévêque Christian Bernard ausgewählt, den Direktor des Museums für moderne und zeitgenössi sche Kunst (Mamco) in Genf.
MEXIKO So zauberhaft die se Seifenblasen aussehen, so makaber ist ihr Wesen:
Das Wasser stammt aus dem Leichenhaus von Mexiko- Stadt. Für ihre Arbeiten verwendet Teresa Margolles Fett, Blut und Wasser von ge waltsam zu Tode Gekomme nen oder Sätze aus Abschiedsbriefen von Selbstmördern.
Die 46-jährige Margolles ist eine Meisterin des Aufrüttelns durch subtile und nachhaltige Schockeffekte. Auf dieser Biennale wird sie die Arbeit "Worüber könnten wir sonst noch reden?" zeigen - ein Werk, das sich in gewohnt verstörender Weise mit der Drogenkrimina li tät in Mexiko auseinander setzen wird.
FINNLAND Seit der finnische Maler Jussi Kivi, 50, ein kleiner Junge war, sammelt er Feuerwehrautos, -helme, -uniformen, Brandschutzverordnungen und alles, was sich sonst noch darum dreht.
Was das mit Kunst zu tun hat? Im Frühling 2008 besuchte er einen unterirdischen Atombunker in Estland, wo er alte Evakuierungsund Feuerlöschpläne fand und mitnahm. Diese Objekte fungieren nun als Ready-Mades und verwandelten die nostalgische Sammlung in eine Kunstaktion. So wird in dem 1956 von Alvar Aalto designten Pavillon nun das "Fire & Rescue Museum" von Jussi Kivi zu sehen sein, der eigentlich auf Landschaftsgemälde spezialisiert ist.
GRIECHENLAND Lucás Samarás, 72, war bereits als Bildhauer, Maler und Performancekünstler erfolgreich, als er Ende der Sechziger die Fotografie für sich entdeckte. Die Konstante bei all den verschiedenen Medien: sein Lieblingsmotiv, er selbst.
Im griechischen Pavillon werden unter dem Titel "Paráxena" (was so viel wie "Skurriles" oder "Sonderbares" heißt) drei Foto- und Video werkgruppen aus den Jahren 2005 bis 2008 zu sehen sein. Denen werden einige skulpturale Arbeiten aus den sechziger Jahren gegenübergestellt.
Das Zentrum bildet die große Spiegelinstallation "Doorway", in der die Besucher zu allererst viele Facetten ihrer selbst zu sehen bekommen.
LITAUEN, LETTLAND Es gibt kaum ein fragileres, flüchtigeres Material als Videobänder. Der litauische Künstler Žilvinas Kempinas verwendet die zarten Kunststoffschlangen gleich kilometerweise, um aus ihnen luftige Räume zu konstruieren. Scheinwerferlicht sorgt für streifige Licht- und Schatteneffekte, Ventilatoren bringen die Wände zum Schwingen - so auch in der Installation "Tube", die der Künstler (Jahrgang 1969) für den litauischen Pavillon entwarf.
Lettland ist vertreten durch Eveli¯na Deic?mane. Im verstörenden Video "Season Sorrow" untersucht die 1978 geborene Künstlerin, welchen Energieaufwand Menschen benötigen, um in extremer Kälte zu überleben. Ihr Landsmann Miks Mitre¯ vics (Jahrgang 1980) befasst sich dagegen in der Installation "Fragile Nature" mit den Erscheinungsformen und Wahrnehmungen der Sonne.
SÜDKOREA Haegue Yang ist eine Wanderin zwischen den Welten. Die gebürtige Südkoreanerin (Jahrgang 1971) lebt in Deutschland, hat eine Gastprofessur an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg und vertritt jetzt ihr Heimatland in Venedig. Yang verändert Räume mit alltäglichen Dingen: So verwendet sie Jalousien, mit denen sie Räume aufteilt und in ihren Installationen tauchen auch Infrarotheizer, Boiler, Waschmaschinen oder Kühlschränke, Ventilatoren, Möbelstücke, Kabel, Glühbirnen und ähnliches Gerät auf. Der Besucher, so hieß es in der Ankündigung zu einer Ausstellung im Frankfurter Kunstverein, sei aufgerufen, "sich der Pluralität der Interpretationsmöglichkeiten zu stellen".
NIEDERLANDE Mit Venedigs glorreicher Vergangenheit befasst sich die 1966 in Indonesien geborene, in Australien aufgewachsene und seit 20 Jahren in Amsterdam lebende Videokünstlerin Fiona Tan. Die niederländische Kuratorin Saskia Bos wählte sie als Vertreterin ihres Landes aus. Tan zeigt die audiovisuelle Installation "Disorient", die Venedigs herausragende Stellung als Handelsmacht vor der Entdeckung neuer Routen nach Asien behandelt. Fiona Tan kombiniert in ihren Arbeiten dokumentarisches Archivmaterial, Fotos und eigene Filmaufnahmen, verwischt somit die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation.
SKANDINAVIEN In diesem Jahr stehen der dänische und der nordische Pavillon (Finnland, Norwegen und Schweden) unter einer Regie - der des dänisch-norwegischen Künstlerduos Elmgreen & Dragset; die Querelen von 2005 sollen sich nicht wiederholen. Die beiden haben sich des weiten Themas "Sammeln" angenommen. Dazu schaffen sie im Inneren der Pavillons eine gemütliche, häusliche Atmosphäre mit Möbeln, offenem Kamin und Buntglas-Deckenlichtern, in der sich die Besucher als Gäste fühlen sollen. Die Kunst fügt sich wie selbstverständlich in das Ambiente ein, Arbeiten unter anderem von Guillaume Bijl, Maurizio Cattelan, Pepe Espaliú, Terence Koh, Klara Lidén, Jonathan Monk, Elaine Sturtevant und Wolfgang Tillmans. Die Kuratoren stellen Fragen wie: "Warum schauen wir Dinge an und umgeben uns mit ihnen?" "Welche Mechanismen des Verlangens löst unsere Auswahl aus?" Mit ihrer intimen Schau wollen Michael Elmgreen und Ingar Dragset letztlich auch das offzielle Biennale-Spektakel unterlaufen.
POLEN Seine Projektionen hat der polnische Medienkünstler Krzysztof Wodiczko schon an öffentlichen Orten wie dem Turm des Rathauses von Krakau, dem Kulturzentrum im mexikanischen Tijuana, dem Arco de la Victoria in Madrid oder der Atombombenkuppel, dem Mahnmal für die Opfer der USAtombombe 1945, in Hiroshima realisiert. Der 1943 geborene Professor am legendären Massachusetts Institute of Technology befasst sich mit soziologisch-politischen Themen und wird auch für den polnischen Pavillon Projektionen entwickeln - diese sind allerdings im Inneren des Gebäudes zu sehen.
RUSSLAND Im russischen Pavillon spielen sich dieses Jahr Zukunftsszenarien ab. Sieben Künstler zeigen, kuratiert von Olga Sviblova, ihre Interpretation des Themas "Sieg über die Zukunft": flimmernde, an biomorphe Gestalten erinnernde Skulpturen von Irina Korina oder Bilder futuristischer Ballungsgebiete von Pavel Pepperstein. Mit den Mitteln der Malerei, Fotografie, Installation und Video fragen die Künstler, inwieweit der Einzelne und die Gesellschaft für die Zukunft verantwortlich sind. Alexey Kallima, dessen politische Gemälde und Installationen sich häufig mit dem tschetschenisch-russischen Konflikt beschäftigen, vergleicht in großen Fresken die Beeinflussbarkeit der Geschichte mit der von Sportevents. Für Gosha Ostretsov liegt der Sieg über die Zukunft in der Natur künstlerischer Aktivität: Das OEuvre überlebt den Schöpfer. Konzeptkünstler Andrei Molodkin, der in seinen Arbeiten oft kulturelle und geopolitische Sachverhalte kritisiert, wieder um zeigt eine multimediale Installation zur Ambivalenz des Siegens. Auch die Fassade des Pavillons wird zur Ausstellungsfläche - dort installiert Sergei Shekhovtsov eine Schaumskulptur.
ISLAND Für Island tritt der in Reykjavik geborene Künstler und Musiker Ragnar Kjartansson mit der Live-Performance "The End" an. Während der gesamten Biennale funktioniert der 32-Jährige den Pavillon in ein Behelfsatelier um, in dem er das Porträt eines jungen Manns malen wird. Das Modell posiert jeden Tag rauchend, Bier trinkend und nur mit einer Badehose bekleidet für den Meister, der sechs Monate lang nichts anderes tun wird, als diese Szene festzuhalten. Kjartansson beschäftigt sich in seiner oft provokanten Aktionskunst mit der Selbstwahrnehmung und seiner Beziehung zur Kunst.
Bildunterschrift:
Claire Healy und Sean Cordeiro: Fotos aus der Serie "Wohnwagen" aus dem Jahr 2007
Ledermann in staubtrockener Wüste: Video "Interceptor Surf Sequence" (2009) von Shaun Gladwell
Still aus der filmischen Installation "Aporia" (2008) von Dorit Margreiter - sie bezieht sich darin auf eine Erzählung des Kulturtheoretikers Norman Klein
Arbeit mit bepflanzten Zeitungen (1997/2004) von Franziska und Lois Weinberger Performance "Home Voodoo" der Weinbergers von 2004
Elke Krystufek: "No composition" (2009, 100 x 100 cm, oben). Unten:
"Ernst Ludwig we'll say it was exactly like that" (2009, 100 x 70 cm)
Der große Abend:
Lévêques "Le Grand Soir" (2009)
Seifenblasen aus Wasser, mit dem Leichen gewaschen wurden: "In der Luft" (2003)
Kein Kinderzimmer-Gewusel, sondern Kunst: ein Blick in Jussi Kivis "Fire & Rescue Museum" (2009)
Griechische Selbstkonfrontation:
"Doorway" (1966/2007)
U-Bahn-Tunnel aus Videobändern: "Tube" (2008) von Žilvinas Kempinas
Überlebenskampf in eisiger Kälte: Videostill "Season Sorrow" (2009) der Lettin Eveli¯na Deic?mane
Haegue Yang: "Series of Vulnerable Arrangements - Shadowless Voices over Three", 2008 in der Sala Rekalde, Bilbao
Blick in Venedigs glorreiche Vergangenheit als Handelsmacht: Still aus "Disorient", Fiona Tans Videoinstallation von 2009
Arbeit des Kuratoren-Duos Elmgreen & Dragset: "Marriage", Installation von 2004
Krzysztof Wodiczko:
Performance "Dis-Armor" (1999/2001)
Kunst als Macht: "Nasa" (2008) von Gosha Ostretsov. Die Arbeit in Comic-Ästhetik zeigt eine Utopie
Aus Alexey Kallimas Serie "Chechen Women's Team of Parachute Jumping and Its Virtual Fans" (2008)
Schaumstoffpuppen im Kino: Sergei Shekhovtsov: "Cinemiami - Cinema" (2008)
Der isländische Provokationsbarde Ragnar Kjartansson bei seiner Dauer- Performance "The End" (2009)
