Ausgabe: 06 / 2009
Seite: 84-85

Wie ein eingeklemmter Nerv

Von Arno Geiger

Über Eugène Delacroix' Tagebuch und dessen Selbstporträt hat sich mit der Selbstdarstellung des französischen Malers auseinandergesetzt

Schriftsteller und ihr Lieblingsporträt SERIE (8)

Sich selbst malen. Was heißt das? Sich über die eigene Person in Kenntnis setzen? Ein Selbsterforscher sein? Gericht über sich selbst halten? Der Literaturwissenschaftler George Steiner nennt das Selbstporträt einen Versuch, den Schöpfungsakt der eigenen Person neu zu vollziehen. Da der Mensch an der Erschaffung seiner selbst nicht beteiligt war, empfindet er die eigene Gestalt als etwas Aufgezwungenes. Also macht er sich daran, sich gegen diesen Zwang zur Wehr zu setzen.

Er greift in das Bild von der eigenen Person ein, indem er sich selbst gestaltet. In diesem Sinn ist ein Selbstporträt weniger eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Person als deren Befreiung.

Eugène Delacroix schreibt in seinem Tagebuch: "Was für einen scharfen Blick wir doch jeder für die Fehler des anderen haben." Und für die eigenen Fehler?

Delacroix hat immer wieder Tagebuch geschrieben.

Ein Tagebuch ist ebenfalls eine Art Selbstporträt, ein verbales Äquivalent, zumal ein langsames und langwieriges, wenn man, wie Delacroix, innerhalb von 40 Jahren immer wieder zur Feder greift.

Das Tagebuchschreiben ist ein schwieriges Geschäft.

Im besten Fall nähert sich das Geschriebene dem Geschehenen wie eine Tangente der Geraden, ohne dass die beiden einander je erreichen. Sie können unmöglich eins sein.

Aber zwischen Geschriebenem und Geschehenem befindet sich - wie ein Nerv, der eingeklemmt werden will - die Integrität dessen, der schreibt. Erst wenn es weh tut, ist das schwierige Geschäft auch ein integeres Geschäft.

Bei Delacroix spürt man diesen Schmerz nie. Das liegt daran, dass sein Tagebuch nie ohne Schonungen und Rücksichten verfasst ist und dass er eine mitleidlose Selbstbeschau vermeidet. Der Blick richtet sich nach außen und auf Äußerliches, auf die anderen und die künstlerische Arbeit der anderen. Delacroix' Tagebuch ist ein privates Gedanken- Museum. Man spürt, hier spricht jemand nicht mit sich, sondern steht vor dem Spiegel, weil er einübt, was er anderen sagen und zeigen will. Die anderen sind im Moment des Schreibens (und Malens) zwar nicht anwesend.

Aber der Ort, an den sich Delacroix stellt, ist trotzdem nicht intim. Die Anwesenheit der Außenwelt wird für den nächsten Moment erwartet.

Alles Geschriebene wird zu einem Zweck geschrieben, der außerhalb des Geschriebenen liegt. Alles Gemalte wird zu einem Zweck gemalt, der außerhalb des Gemalten liegt.

In seinen Tagebüchern testet Delacroix die Wirkung seines Denkens, in seinem Selbstporträt die Wirkung seiner Erscheinung.

Delacroix ist ein Dandy. Er bleibt ein Dandy sowohl im Malen als auch im Schreiben. Sowohl Tagebuch als auch Selbstporträt denken die Außenwirkung mit. Und Delacroix macht sich nichts vor. An einer der besten Stellen seines Tagebuchs schreibt er: "Die Nachwelt wird in dem, was unsere Zeitgenossen hinterlassen, besonders in den Porträts, die sie von sich selbst gemacht haben, keine aufrichtigen Dokumente suchen." Trotzdem sind sowohl Tagebuch als auch Selbstporträt Dokumente, die man lesen kann. Die Aufforderung von D. H. Lawrence, man solle der Erzählung trauen, aber nicht dem Erzähler, gilt auch für das Lesen von Tagebüchern und für das Betrachten von Bildern. Man soll nicht dem Maler trauen, aber dem Bild.

Auch das Bild enthält die versteckten Intentionen, die Selbsttäuschungen und selbstverräterischen Stellen. Es besitzt die Macht, die komplexen Einflüsse sichtbar zu machen, aus denen es seinen Ursprung genommen hat.

Da stellt sich also einer dar mit einem schönen, ausdrucksvollen und denkfähigen Kopf. Die Falte zwischen den Brauen könnte dafür sprechen, dass der Abgebildete kurzsichtig war, signalisiert aber eher einen gewissen Skeptizismus.

Delacroix denkt und hat sich etwas gedacht - das fordert dazu auf, sich ebenfalls etwas zu denken, damit man auf Augenhöhe bleibt. Ich denke: Delacroix ist mit diesem Selbstporträt zu einer halb bewussten, halb unbewussten Synthese gekommen zwischen dem, was er ist, dem, wofür er sich hält, und dem, was er sein will - als sein eigener, ein wenig ängstlicher Schöpfer. Entstanden ist ein vieldeutiges Porträt, in dem die Intelligenz des Malers und Gemalten ebenso spürbar ist wie die Klugheit des Werkes, die größer ist als die des Malers, und in dem die augenfällige Berechnung nicht die Verletzlichkeit und Unsicherheit von Delacroix versteckt (wie man auch durch die elaborierte Fassade von Jugendlichen gut hindurchsehen kann). Ebenso wenig verbirgt die ein wenig hochnäsige Trotzigkeit, mit der sich Delacroix darstellt, den Wunsch, geliebt zu werden.

Und die demonstrativ eingenommene Distanz signalisiert nicht nur Abgehobenheit, sondern auch das Bedürfnis, sich selbst zu beschützen - und zu erfinden.

Unabhängigkeit ist immer eine Erfindung. Doch trotz aller Zurückhaltung und Distanziertheit schließt das Porträt den Betrachter nicht aus. Es gibt eine Intimität in der leisen Aufforderung: Schau mich an, und wenn du sehr genau schaust, drehe ich mich ganz zu dir her.

IM NÄCHSTEN HEFT: Uwe Tellkamp über Curt Querners "Bildnis Bronja Schmidt II" (1965)

Kasten:

wurde 1968 in Bregenz geboren und studierte in Innsbruck und Wien Deutsche Philologie, Alte Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft. Für seinen Roman "Es geht uns gut" wurde der österreichische Schriftsteller 2005 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Davor waren bereits ebenfalls im Hanser Verlag die Romane "Kleine Schule des Karussellfahrens" (1997), "Irrlichterloh" (1999) und "Schöne Freunde" (2002) erschienen. "Anna nicht vergessen" folgte 2007, in diesem Frühjahr veröffentlichte Geiger beim Deutschen Taschenbuch Verlag "Im Regen. Zwei Erzählungen". Der Autor lebt und arbeitet in Wien und Wolfurt.

Bildunterschrift:

"Die demonstrativ eingenommene Distanz signalisiert nicht nur Abgehobenheit, sondern auch das Bedürfnis, sich selbst zu beschützen" Eugène Delacroix:

"Selbstporträt mit grüner Weste" (1837, 65 x 55 cm)