Ausgabe: 06 / 2009
Seite: 88-89
Im Reich des Alltäglichen
Von Andrea Henkens
Eine Werkschau des amerikanischen Dokumentarfotografen im Fotomuseum
WINTERTHUR: WALKER EVANS
Hochhäuser, Schaufensterfassaden, Werbeschilder, U-Bahn-Fahrer - Walker Evans (1903 bis 1975) realistische Fotografien haben viele Künstler inspiriert, darunter Helen Levitt, Robert Frank, Diane Arbus oder Lee Friedlander.
Der in St. Louis, Missouri, geborene Fotokünstler hat eine neue Bildsprache geprägt, indem er mit der Kamera das Alltägliche und Gewöhnliche in einer Vielfalt von Gegenständen, Ereignissen und Menschen festgehalten hat.
In seiner Karriere, die er als Autodidakt begann und die vom späten "Piktoralismus" (Annäherung der Fotografie an die Malerei) bis zum Sofortbild reichte, beschäftigte sich Evans mit den Eigenheiten des amerikanischen Lebens. Seine detailreichen Großbildaufnahmen in der Tradition der "straight photography" - der direkten Fotografie - zeigen beispielsweise auch bitterarme Farmpächter in Alabama. Im Auftrag der Farm Security Administration (Organisation zur Unterstützung der Farmer) bereiste Evans in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre den Süden der USA, um die dortigen miserablen sozialen und wirtschaftlichen Lebensverhältnisse der Menschen zu dokumentieren.
Ab 1938 ließ sich Evans auf ein neues Experiment in der Porträtfotografie ein:
In der New Yorker U-Bahn fotografierte er heimlich Fahrgäste mit einer 35-Millimeter- Contax-Kamera, die er unter seinem Mantel versteckte. Dabei arbeitete er mit einem Fernauslöser, begleitet von Helen Levitt, die als Testperson fungierte.
Kurz vor seinem Tod, als man Evans nach Fotos fragte, die er mit seiner neu erworbenen Polaroid SX-70 gemacht hatte, postulierte er, "keiner unter 60 sollte eine Polaroidkamera anfassen". Zuerst sollte man sich selbst die ganze Arbeit machen. Evans späte Polaroidaufnahmen sind Fotografien von Schildern in grellen Farben - grafische Alltagszeichen einer Gesellschaft, ein Thema, das ihn sein ganzes Leben beschäftigt hat. Die retrospektiv angelegte Schweizer Schau, die bereits in New York zu sehen war, stellt sein Werk mit über 130 Fotografien, die meisten aus einer Privatsammlung in San Francisco, vor.
Termin: 30. Mai bis 23. August. Katalog: Fundación Mapfre, in Englisch mit deutschem Beiheft, 65 Franken.
Internet: www.fotomuseum.ch
Bildunterschrift:
Straßenszene im Stil sachlicher Fotografie: "Truck and Sign" aus dem Jahr 1930
