Ausgabe: 06 / 2009
Seite: 86-88

Gegen die Mauer in den Köpfen

Von Birgit Sonna

Das Germanische Nationalmuseum rollt den deutsch-deutschen Kunstkonflikt auf

NÜRNBERG: KUNST UND KALTER KRIEG. DEUTSCHE POSITIONEN 1945-1989

Die Grabenkämpfe auf beiden Seiten der deutschen Kunst sind auch 20 Jahre nach dem Mauerfall nicht überwunden. Man überträgt die vormals ideologisch bestimmten Vorurteile, wenn auch abgeschwächt, auf die nächste Generation.

Während sich im Osten sozialisierte Künstler über die Unverbindlichkeit der Nachkriegsabstraktion etwa eines Ernst Wilhelm Nay mokierten, lehnte abgesehen von einer Handvoll Kritiker die westliche Kunstwelt die heroische Fantastik des SED-Hofmalers Werner Tübke ab. Sowohl die eine als auch die andere Aversion ist bis zu einem gewissen Grad verständlich.

Am 23. Mai begeht die Bundesrepublik Deutschland ihren 60. Gründungstag.

Zeit, das Terrain des Kalten Kriegs in der bildenden Kunst aus der zeitlichen Distanz heraus neu zu sichten. Unter dem Titel "Kunst und Kalter Krieg. Deutsche Positionen 1945-1989" kommt jetzt eine bei ihrem Start in Los Angeles gefeierte Schau in das Germanische Nationalmuseum nach Nürnberg. Nicht erst seit dem Erfolgskurs der "Neuen Leipziger Schule" sind die USA ein guter Katalysator für eine Revision der deutschen Kunst nach 1945. Kuratiert ist die rund 320 Arbeiten umfassende Schau von Stephanie Barron vom Los Angeles County Museum of Art und von Eckhart Gillen, der sich schon mehrmals als Anwalt der vernachlässigten DDR-Kunst einen Namen gemacht hat.

Das Lobenswerte an dieser Ausstellung:

Vertreten sind nicht nur die üblichen Verdächtigen wie Bernhard Heisig, Gerhard Richter oder der Emigrant Georg Baselitz, der einst die regimetreuen Ost-Kollegen als "diese Arschlöcher" beschimpfte.

Erinnert wird auch daran, wie sich der Dresdner Via Lewandowsky als aktionistisches Mitglied der Künstlergruppe "Autoperforationsartisten" Mitte der achtziger Jahre beim Kunstkader der DDR unbeliebt machte. Anselm Kiefer zeigt einen umstrittenen fotografischen Selbstversuch:

1969 hatte er sich mit zum Hitlergruß erhobenen Arm abgebildet.

Den bundesrepublikanischen Nachkriegsmief mit Konzentration auf den hausfräulichen Herd wusste Rosemarie Trockel in Richtung Minimal Art umzulenken.

Ihren weiß emaillierten, blitzblanken Bildtafeln setzte sie Koch platten wie Augen eines Würfels auf. Sigmar Polke wiederum fing ironisch in dem ornamentierten Stoffgrund seiner Malereien die Geschmackssüßlichkeiten der fünfziger Jahre ein. Und auch die leisen Töne eines inneren Exils kommen zum Ausdruck. So spann sich der ostdeutsche Sprachphilosoph Carlfriedrich Claus immer weiter in ein Kokon von Lineaturen und Lautmalereien ein. Termin: 28. Mai bis 6. September. Katalog: DuMont Verlag, 49,90 Euro. Internet: www.gnm.de

Bildunterschrift:

Ernst Wilhelm Nay: "Tochter der Hekate I" (1945, 98 x 85 cm). Links: "Der Übergang" (1963, 94 x 120 cm) von A. R. Penck

Martin Kippenberger: "Zwei proletarische Erfinderinnen auf dem Weg zum Erfinderkongress" (1984, 160 x 133 cm)