Ausgabe: 06 / 2009

Sex, Drugs und Schlangenhaut

HAMBURG: SIGMAR POLKE. WIR KLEINBÜRGER!

UTE THON

Die Kunsthalle wirft einen nostalgischen Blick auf Polkes wenig bekannte Arbeiten aus den siebziger Jahren. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die zehnteilige Werkgruppe "Wir Kleinbürger!

Zeitgenossen und Zeitgenossinnen" aus den Jahren 1974 bis 1976. Die großformatigen Arbeiten auf Papier zeigen typische Polke-Motive: Cartoons, Zeitungsbilder und Textbotschaften überlagern malerische Hintergründe. Man erkennt noch Anklänge des von Polke mit erfundenen "Kapitalistischen Realismus" der sechziger Jahre, gleichzeitig deuten sich schon seine chemischen und optischen Farbexperimente der Achtziger an. Um so erstaunlicher also, dass die Bilder über 30 Jahre lang nicht in der Öffentlichkeit zu sehen waren. An ihrer mangelnden Attraktivität kann es nicht gelegen haben - die "Kleinbürger"- Serie ist großes Kino. Polke, der aufstrebende Star der deutschen Kunstszene, hatte sich zu ihrer Entstehenszeit aus dem bürgerlichen Milieu ausgeklinkt.

Er lebte mit Künstlerfreunden auf dem Gaspelshof, einem niederrheinischem Bauernhof bei Willich. In der Kommune experimentierte er mit Sex, Drugs und Gemeinschaftskunst. Es entstanden Arbeiten mit Wegbegleitern wie Katharina Sieverding, Achim Duchow und Candida Höfer. Gleichzeitig lehrte Polke als Professor an der Hamburger Kunsthochschule, und auch seine Studenten wurden Kollaborateure seiner Aktionen. Das schönste an dieser Ausstellung ist denn auch nicht die späte Würdigung des "Kleinbürger"-Zyklus, sondern die liebevolle Rekonstruktion von Polkes abgedrehten Hippie-Jahren.

Da rollt er sich mal in einer Schlangenhaut auf dem Teppich herum, dann albert er vor Höfers Kamera mit einem toten Fasan herum. Die Schau ist in drei Teilen konzipiert. Der erste ist seinem Freundeskreis gewidmet, in den folgenden geht es um Pop-Bezüge und Politik.

So wächst die Ausstellung - ähnlich wie die Telefonzeichnungen aus dem Gaspelshof - allmählich zu einem Gesamtkunstwerk an. Und für zusätzlichen Tiefgang sorgt der wunderbare Katalog.

UTE THON Termin: Teil 1, "Clique", bis 28. Juni; Teil 2, "Pop", 12. Juli bis 4. Oktober; Teil 3, "Politik", 16. Oktober bis 31. Januar 2010. Katalog: Verlag der Buchhandlung Walther König, 48 Euro.

Internet: www.hamburger-kunsthalle.de

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