Ausgabe: 06 / 2009
Seite: 122
Moralische Verpflichtung
Von Sandra Danicke
Raubkunst: Schweres Erbe der Museumsdirektoren
Von einem Ende der Wiedergutmachung wollen die Erben des Expressionisten George Grosz nichts wissen. Unlängst haben sie das Museum of Modern Art in New York auf Rückgabe von zwei Gemälden und einem Aquarell verklagt. Auch Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger sah sich kürzlich veranlasst, drei Renaissancegemälde an die rechtmäßigen Erben von Holocaust-Opfern zurückzugeben.
Der britische Kunstexperte Sir Norman Rosenthal wiederum forderte lautstark das Ende der Rückgabe von Kunstwerken, die während der NS-Zeit von deutschen Machthabern geraubt wurden, und trieb damit eine Diskussion auf die Spitze, die nach jahrzehntelangem Schweigen seit elf Jahren erbittert geführt wird.
Dass die Forderung nach einem Schlussstrich ausgerechnet von einem Sohn jüdischer Flüchtlinge kam, irritiert, hatte man derlei bislang eher von uneinsichtigen Museumsdirektoren zu hören bekommen, in deren Sammlungen sich Kostbarkeiten befanden, die einst ihren jüdischen Besitzern abgepresst worden waren. Raphael Gross, Direktor des Jüdischen Museums in Frankfurt, das derzeit die Ausstellung "Raub und Restitution" zeigt, vermutet hinter Rosenthals Forderung denn auch eher ökonomische Interessen.
"Schließlich ist Rosenthal selbst im Kunsthandel aktiv." Dokumente der Schau belegen außerdem, dass bereits 1952 der damals seit 1938 amtierende Direktor des Städel-Museums, Ernst Holzinger, "die sofortige Einstellung aller Restitution von Objekten, die im freien Handel erworben wurden", forderte. Dabei hatte Holzinger selbst während der NS-Zeit als Sachverständiger des Reichserziehungsministeriums, das beschlagnahmte jüdische Kunstwerke prüfte und für das Museum ankaufte, eine unrühmliche Rolle gespielt.
Im Städel, so Direktor Max Hollein, spürt man die "Verpflichtung", die exakte Herkunft kritischer Werke zu ermitteln. Denn man "will Kunst, die einem rechtmäßig oder moralisch nicht gehört, auch nicht im Haus haben".
So soll ein Forschungsprojekt die Rolle des Städels innerhalb der NS-Kulturpolitik aufarbeiten.
Ein Vorhaben, das Gross skeptisch sieht: "Eine Institution, die über sich selbst forschen lässt, wird womöglich zu anderen Ergebnissen kommen, als etwa ein gesamtstädtisches Forschungsprojekt, das die Verflechtungen einzelner Kulturinstitute besser er fassen kann." Termin: bis 2. August.
Internet: www.juedischesmuseum.de
Bildunterschrift:
München 1938: Hitler bei der "Großen Deutschen Kunstausstellung"
US-Soldaten verladen 1945 "Adam und Eva" von Frans Floris
