Ausgabe: 06 / 2009
Seite: 104-105
Rattenkönig mit Mäuslein und Erdbeeren
Von Gerhard Mack
BASEL/MÜNCHENSTEIN: HOLBEIN BIS TILLMANS
Das Schaulager hat sich rund 180 Werke aus der Sammlung des Kunstmuseums ausgeliehen und das Prinzip der Petersburger Hängung neu für sich entdeckt. Jedes Mal derselbe Jammer:
Wenn das Kunstmuseum Basel eine große Ausstellung stemmt, werden viele reguläre Exponate aus den Sammlungsräumen in Depothaft genommen. Da absehbar war, dass es mit der derzeitigen Vincent-van-Gogh-Schau nicht anders sein würde, fragte Theodora Vischer, die Direktorin des Schaulagers, an, ob sie den Verbannten nicht für diesen Sommer in ihrem Haus Exil gewähren dürfe.
"Sparüberlegungen", stellt sie gleich klar, "haben dabei aber keine Rolle gespielt." So hängen nun erstmals insgesamt rund 250 Gemälde von "Holbein bis Tillmans", wo sonst die zeitgenössische Kunst Triumphe feiert. Auf "ikonische Werke, die man im Kunstmuseum erwartet", hat die Schaulager-Direktorin bei der Auswahl allerdings von vornherein verzichtet. Sie wollte Begegnun gen zeigen, die sie schon eine Weile im Hinterkopf hatte. So finden sich beispielsweise Stillleben des 17. Jahrhunderts neben solchen von Pablo Picasso - bei- des sind Schwerpunkte der Basler Sammlung - und zeigen, wie sich unser Blick auf die dingliche Welt verändert hat.
Darüber hinaus gibt es hintersinnige Paarungen wie den gigantischen, im Schaulager angestammten "Rattenkönig" (1993) von Katharina Fritsch, der auf das winzige Mäuslein mit Erdbeeren von Maria Sybilla Merian aus dem frühen 18. Jahrhundert trifft. Andere Kombinationen erscheinen eher fragwürdig - etwa wenn Edgar Degas' "Verletzter Jockey" (um 1896) und Jeff Walls "Citizen" (1996) zusammenkommen:
Beide liegen zwar im Gras, allerdings aus sehr unterschiedlichen Gründen.
Und es gibt klare Gewinner wie Barnett Newman, der grandios von der Weite des neuen Raums profitiert.
Das Konzept des Kunstlagers ist am eindrucksvollsten im Untergeschoss zu erleben. Dort hat Vischer an einer langen Wand ein paar Dutzend Gemälde in Petersburger Hängung versammelt, von denen sich sonst gut die Hälfte im Kunstmuseum die meiste Zeit im Depot befindet. Im Schaulager dürfen sie nun zum Publikum sprechen. Die Direktorin hat sie zu losen Gruppierungen geordnet.
Allzu streng habe sie aber nicht vorgehen wollen, wenngleich auffällt, dass Landschaft dominiert.
So findet sich hier die "Dorfschule" (1848) von Albert Anker unter Landschaften von Cuno Amiet und Giovanni Giacometti. Eine Gruppe hochexpressiver Bilder von Ernst Ludwig Kirchner und seinen Schweizer Schülern wurde neben den abgeklärten Landschaften Ferdinand Hodlers platziert. Unbeeindruckt zeigen sie sich von den wuchtigen Pinselhieben eines Franz Kline oder Robert Motherwells dräuend schwarzen Markierungen, die in unmittelbarer Nachbarschaft vorführen, wie man auch auf kleinem Format Präsenz markiert.
Für einen Sommer mag sich dies alles miteinander vertragen. Dennoch zeigt diese Wand deutlich, wie sehr wir uns heute von diesem historischen Präsentationsmodell entfernt haben. Wem wäre nicht sowohl im Hinblick auf die Masse wie auch auf die Art der Begegnung das anspielungsreiche Tête-à-tête lieber? Denn die Welt ist unübersichtlich genug. Kein geringes Verdienst der Ausstellung aber ist es, überhaupt die Stärken und Schwächen verschiedener Präsentationsweisen anregend zur Diskussion zu stellen. Termin: bis 4. Oktober. Katalog: Steidl Verlag, 14,70 Euro. Internet: www.schaulager.org
Bildunterschrift:
Monstren unter sich: Katharina Fritschs finsteres "Rattenkönig"-Gespann (1993, rechts) trifft auf Arnold Böcklins kämpfende Kentauren (1872/73)
