Ausgabe: 06 / 2009
Seite: 93
Flüchtig-funkelnde Vision von Spanien
Von Merten Worthmann
Der Prado feiert den lange in Vergessenheit geratenen Maler des Lichts
MADRID: JOAQUÍN SOROLLA
NMit über 350 Gemälden im Gepäck machte sich der spanische Maler Joaquín Sorolla (1863 bis 1923) vor genau 100 Jahren nach New York auf.
Der Künstler war auf dem Höhepunkt seines internationalen Erfolgs, hatte zuvor in Paris und London ausgestellt. Die Ausstellung in der Hispanic Society verbuchte rund 170 000 Besucher - am Ende hatte Sorolla knapp 200 der mitgebrachten Werk verkauft.
Dass der Maler eine so glänzende Karriere hinlegen würde, war nicht abzusehen gewesen: Er stammte aus einfachen Verhältnissen, war früh verwaist und sollte ursprünglich Schlosser lernen. Der Direktor der Handwerksschule aber entdeckte Sorollas künstlerisches Talent.
Zwei Jahre nach seinem großartigen transatlantischen Debüt erhielt Sorolla den Auftrag seines Lebens: Für die Dekoration der Hispanic Society of America sollte er eine Reihe großformatiger Bilder unter dem Oberbegriff "Vision of Spain" malen, mit einem Gesamtumfang von 70 Metern Länge bei dreieinhalb Metern Höhe. Als die 14 Bilder schließlich 1926 der Öffentlichkeit präsentiert wurden, war der Maler bereits drei Jahre tot und sein Stern gesunken. Sein lichtgeschwängerter Naturalismus hatte sich im Kreuzfeuer moderner Kunstströmungen schnell überlebt.
Von Ende Mai bis Anfang September unternimmt es nun der Madrider Prado mit der größten bisher gezeigten Sorolla-Retrospektive, den Maler einmal jenseits aller Ismen gebührend zu würdigen. Eingebunden in die mehr als 100 Werke um fassende Ausstellung sind auch die Bilder der Hispanic Society, die seit Ende 2007 auf Tour durch Spanien sind. So gewaltig deren Panorama typischer regionaler Szenen mit viel Volk und Brauchtum auch ist - So rollas eigentliches Genie lag ganz woanders, nämlich bei der malerischen Jagd auf das gleißende Licht seiner valencianischen Heimat.
Dort am Strand, im Angesicht des Meeres, mit Blick auf Badende, Fischer und promenierende Damen, lauter unstete Dinge also, entstanden seine erstaunlichsten Werke. Indem er den Tanz der Sonnenreflexe auf dem Wasser, auf nassglänzenden Kinderkörpern oder leuchtend weißen Stoffen festhielt, schuf er eine alternative, an den flüchtigen, funkelnden Augenblick hingegebene "Vision von Spanien".
Diese Vision mit ihrem unvergleichlichen, fast schmerzenden Licht ist es, die alle gewichtigeren Sujets des Malers überdauert hat. N Termin: 26. Mai bis 6. September.
Katalog: in Englisch, Thames and Hudson, 45 Euro.
Internet: www.museodelprado.es
Bildunterschrift:
Gleißendes Licht auf weißem Stoff: "Das Nähen der Segel" (1896, 222 x 300 cm)
