Ausgabe: 06 / 2009
Seite: 30-33
Die Welt in elf Minuten
Von Mirja Rosenau
Wenn der englische Künstler Steve McQueen einen Raum bespielt, sind eindrückliche Erfahrungen garantiert. Seine Filminstallationen stellen eine intime Nähe zum Publikum her - und fordern zugleich dazu heraus, die aktuelle politische Weltordnung zu hinterfragen
ENGLAND
Mit seiner letzten Arbeit setzte Steve McQueen seinem Publikum eine Mauer vor.
Nicht mehr als das - die An sicht einer nackten Backsteinwand, elf stumme, auf Leinwand projizierte Filmminuten lang. Dabei hatte der englische Künstler gerade erst unter großem Applaus seinen ersten abendfüllenden Kinofilm präsentiert: "Hunger" (2008), ein dicht getaktetes, alle Sinne beanspruchendes Meisterwerk über den historischen Hungerstreik inhaftierter IRA-Mitglieder in einem nordirischen Gefängnis. Nach dem reizgesättigten Spielfilm habe er mit der schlicht abgefilmten Mauer eine Art Sackgasse inszeniert, sagt McQueen: ein Einhalt, mit dem der Betrachter auf sich selbst zurückgeworfen wurde.
Während sich seine Filme Zeit nehmen, geht vom Künstler selbst eine gespannte Ungeduld aus. McQueen, 39, denkt schnell, spricht schnell, weist ihm ungelegene Fragen harsch zurück.
Schroffheit macht er im nächsten Moment durch Warmherzigkeit, Abwehr durch ungeschützte Offenheit wieder wett. Dem Medienrummel würde der Gefeierte ganz offenkundig gern entgehen.
Doch nun hat ihn, kaum dass sein politisch hochsensibler Film zum Nordirland-Konflikt in den Kinos angelaufen ist, das British Council beauftragt, Großbritannien bei der Biennale in Venedig zu vertreten. Über seine Pläne will der Künstler, der in London aufgewachsen ist und heute in Amsterdam lebt, noch keine Auskunft geben. Eines aber steht immerhin fest: "Ich werde mir dafür keine Krawatte anlegen und die Schuhe polieren. Für mich ist es vor allem der nächste Gig." In hochrepräsentativem Auftrag war McQueen 2003 schon einmal unterwegs, als ihn das Imperial War Museum als "Offiziellen Kriegskünstler" in den Irak entsandte. Er kehrte mit der Idee für eine Briefmarken- Edition zurück: offizielle Marken mit den Porträts aller im Irak gefallenen britischen Soldaten. "Bislang sind nur Mitglieder der Königsfamilie oder Tote auf britischen Briefmarken zu sehen", erklärt McQueen. "Also hat doch gerade derjenige, der für Land und Königin sein Leben ließ, eine Marke verdient." Menschen, die für ihre Überzeugungen bis zum Äußersten und in den Tod gehen, sind ein Interesse, das sich durch viele seiner Arbeiten zieht.
McQueen stellt Fragen an die aktuelle politische und ökonomische Weltordnung, hält sich aber mit Parteinahmen entschieden zurück. Die Frage nach dem Wert eines einzelnen Lebens ist ein wiederkehrendes Thema, die Spielräume eines Einzelnen gegenüber mächtigen Autoritäten, die Freiheitsperspektiven, die ein fremdbestimmtes, unterworfenes oder ausgebeutetes Individuum für sich sieht. "Mich interessiert, was Menschen tun können, um sich Gehör zu verschaffen", sagt Mc- Queen. "Wie Individuen zu überleben versuchen unter Umständen, die ihnen von oben aufdiktiert worden sind." Als Bastion der Selbstbestimmtheit bleibt oft nicht mehr als der eigene Körper, an dessen sinnliche Intelligenz sich auch McQueens Filmsprache richtet.
Frühe filmische Experimente, für die McQueen 1999 den Turner-Preis erhielt, wirbelten den Blick durch - einander: Für "Drumroll" (1998) rollte er über 22 Minuten lang ein mit Kameras präpariertes Ölfass durch die Straßen Manhattans. In "Deadpan" (beide 1997) stellte McQueen einen berühmten Buster-Keaton-Stunt nach und reflektierte das Ver hältnis des eigenen Körpers zum (Bild-)Rahmen:
Eine Hausfassade krachte in wechselnden Einstellungen immer wieder so über dem Künstler zusammen, dass dieser unversehrt - und völlig ungerührt - in der Fensteröffnung stehen blieb.
Oft arbeiten McQueens Filme mit Bildern ohne Ton, dann mit Ton ohne Bilder. Eindrucksvolle Großaufnahmen heben kleine Details hervor: einen Krümel etwa, der in "Hunger" dem Gefängniswärter beim Frühstück auf die Serviette fällt, ebenso wie die Salbung des im Hungerstreik wund gelegenen Körpers. "Man kann ein kleines Ding in eine Explosion verwandeln", sagt der Künstler. In langen, ungeschnittenen Einstellungen werden Film- und Körperzeit synchronisiert. Als Mc- Queen bei der Documenta 11 den Besucher mit auf eine Fahrt in eine südafrikanische Goldmine nahm, war minutenlang erst einmal kaum mehr als das Schwarz des Fahrstuhlschachts auf der Leinwand zu sehen. Unten angekommen, traf man auf Minenarbeiter.
Und fühlte sich plötzlich wie einer von ihnen - in einer fast Schwindel bereitenden Intimität.
Während es McQueen so einerseits gelingt, eine intensive Nähe zwischen Werk und Betrachter herzustellen, fordern seine präzise gegeneinander gesetzten Bilder und Sounds ihren Rezipienten zugleich heraus, sich aus dem Schwindel zu emanzipieren: nicht nur teilnehmend zu sehen, sondern auch sehend zu denken - was für den spannungsreichen Spielfilm wie für die kahle Backsteinmauer gilt. Ein Kunstwerk, sagt der soeben aus der Filmwelt zurückgekehrte Künstler, wirke im besten Fall so kompakt wie die Strophe eines Gedichts: "Es ist wie ein Geruch.
Alles ist darin enthalten. In einem einzigen Absatz steckt die ganze Welt." Die NASA brauchte 1977 immerhin noch über hundert Bilder, um die Welt in ihrem Sinne zu repräsentieren.
Um eine mögliche außerirdische Intelligenz über das irdische Leben zu informieren, wurden sie seinerzeit mit einer Voyager-Sonde ins All geschickt.
Für "Once Upon a Time" kombinierte McQueen 2002 diese Bilder mit dem eigentümlichen Gebetsgebrabbel von "Zungenrednern" - zwei fast gegensätzliche Strategien, mit einem entfernten Gegenüber zu kommunizieren.
Womit würde er selbst die nächste Sonde bestücken, würde ihm dieser hochrepräsentative Auftrag zuteil?
"Puh", sagt er, "das ist eine gute Frage." Dann drückt er seine Lippen auf die Handinnenfläche: "Auf die Schnelle fällt mir nur eines ein - Lippenstift auftragen und eine Grußkarte küssen.
Dieser Abdruck der Unmöglichkeit, einen Kuss abzubilden."
Bildunterschrift:
Schweigeminuten für ein totes Rennpferd: Für "Running Thunder" (2007) filmte McQueen über elf Minuten in statischer Einstellung einen im Gras liegenden Kadaver ab. Reichlich Zeit für den Betrachter, über Leben, Sterben und das eigene Sehen nachzudenken
"Mit meinen Filmen bin ich so aufrichtig wie es nur irgendwie geht", sagt McQueen. "Im Grunde stehe ich vollkommen nackt da"
Hunger" (2008), McQueens in Cannes mit einer Goldenen Kamera prämierter Kinofilm, schildert in eindringlichen Bildern und Sounds die letzten Wochen im Leben von Bobby Sands (Michael Fassbender, oben), der sich aus Protest gegen die britische Nordirland-Politik 1981 zu Tode hungerte
Hinter diesem Sonnenuntergang stehen Ausbeutung und blutige Geschäfte: "Gravesend" (2007) bildet Stationen des Coltan-Handels ab - von den Händen kongolesischer Schürfer bis zu den High-Tech-Labors, die diesen begehrten Rohstoff für die Computerindustrie weiterverarbeiten
Gute Kunst, sagt McQueen, sei so kompakt wie die Strophe eines Gedichts: "In einem Absatz steckt die ganze Welt"
