Ausgabe: 06 / 2009
Seite: 52-57

Revolution am Canal Grande

Von Hans Peter Schwerfel

Vor drei Jahren zeigte François Pinault mit großem Pomp seine Sammlung im Palazzo Grassi. Jetzt eröffnet der französische Milliardär sein zweites Museum in Venedig. Der ehrgeizige Unternehmer will mit Gegenwartskunst die Lagunenstadt in die Jetztzeit holen

NEUE MUSEEN

Die Serenissima ist die ideale Stadt zum Sterben. Und für Flitterwochen. Doch zur Auseinandersetzung mit lebendiger Kultur scheint sie nur bedingt geeignet - Millionen von Touristen wollen alte Paläste, steinerne Brücken und Häuser auf Stelzen sehen. Mit Avantgarde und Revolution der Formen haben sie wenig im Sinn. Das soll jetzt anders werden. Ausgerechnet ein Franzose versucht im Alleingang, Venedig in die Jetztzeit zu holen. Der Milliardär François Pinault ist kein normaler Sammler, Gutmensch und Mäzen, sondern Unternehmer, in der Kunst wie im Geschäft. In allem, was er tut, will er Klassenbester sein; jeder zweite Platz ist eine Niederlage. Pinault ist ein Stratege, der sich nicht nur auf den eigenen Geschmack verlässt.

Dank ehemaliger Minister, renommierter Kuratoren und erfahrener Galeristen auf der Gehaltsliste plant Pinault wie ein Geschäftsmann und handelt wie ein Politiker - allerdings ist er ein Politiker in eigener Sache, denn Staat, Volk und Transparenz sind seine Sache nicht.

Schon Frankreichs ehemaliger sozialistischer Staatschef François Mitterrand wusste: "Macht, das bedeutet Gesundheit und Geheimnis." Auch Pinault, ein Konservativer, der sich nur notgedrungen mit der Linken verbündet, liebt die Nachrichtensperre - weder gibt er Interviews, noch informiert er über Pläne. Hängungen werden von ihm persönlich abgegangen, Bauten begutachtet, Pressetexte gegengelesen.

Wie es um seine Gesundheit, vor allem die finanzielle, bestellt ist, muss man in den Kapitalparaden der Fachmagazine nachlesen, wo sich der 72-jährige Bretone angeblich unter den Reichsten der Reichen nur um Platz 40 lümmelt. Die Wahrheit dürfte anders aussehen.

Wobei Kunst ohnehin beim Vermögen nicht mitgerechnet wird, dank Stiftungen und Firmenbesitz. Obwohl der Besitzer größerer Mengen von Werken Mark Rothkos, Jackson Pollocks, Willem de Koonings, Pablo Picassos, Francis Picabias oder Piet Mondrians längst die Nummer eins ist, nicht nur in Frankreich. Als dem weltweit vielleicht mächtigsten Mann des internationalen Kunstbetriebs gehört ihm die global operierende Galerie "Haunch of Venison" mit Filialen in New York, London, Zürich und Berlin ebenso wie Christie's, das umsatzstärkste Auktionshaus.

Er bespielt eigene wie fremde Museen und sitzt im Beirat des bedeutendsten Kunstpreises, des japanischen Praemium Imperiale. Vor allem aber weiß niemand, nicht einmal engste Mitarbeiter, was und wie viel an Kunst er wirklich hat - das Geheimnis um die Sammlung wird um so größer, je mehr Pinault davon zeigt. Und das ist nicht wenig.

Zur Eröffnung der vom japanischen Architekten Tadao Ando für 25 Millionen Euro behutsam mit Zementboden und Holzparkett, Zwischenwänden aus Feinbeton und modernen Glasdächern restaurierten Punta della Dogana präsentiert er für eine einzige Schau 300 Werke, hier und in Pinaults zweitem Museum am anderen Ufer des Canal Grande, dem Palazzo Grassi. Den venezianischen Stadt oberen hat Pinault viel Arte Povera versprochen, von der er mehr besitzt als manche staatliche Sammlung Italiens.

Dazu kommen historische Raum installationen der amerikanischen Minimal Art, etwa eine 70 Meter lange Neonarbeit des Amerikaners Dan Flavin aus dem Jahre 1971, und Werke von Sigmar Polke, Cy Twombly, Jeff Koons, aber auch jüngerer Künstler wie Wilhelm Sasnal, der Gruppe Gelitin oder Kai Althoff.

Auch wenn Pinault, angeblich wegen der Finanzkrise, auf jedes Eröffnungsspektakel verzichtet, eins ist klar: Dem neuen Kunst- Dogen geht es nur vordergründig um Venedig. Wichtiger sind die eigene Marke und ihr Marktwert. Pinault ist ein Marco Polo der Neu zeit, der weltweit durch Ateliers jagt und in die gesamte Vermarktungskette der Ware Kunst investiert, vom Atelier bis zum Sekundärmarkt der Auktionen. Zugleich Geldaristokrat, Händler, Mäzen und Investor. Wobei das Mäzenatentum sicher seine schwächste Seite ist, zumindest bisher wurde von Schenkungen nichts bekannt.

François Pinault sammelt aus Liebe zum Erfolg. Das macht seine Auswahl manchmal sprunghaft: Modische Netzhautschmeichler wie Takashi Murakami kauft er flächendeckend, Querdenker, etwa Vito Acconci, oder Einzelgänger, wie Polke, erst spät und hochpreisig. Dessen "The Axis of Time" erwarb er bei Michael Werner noch während der letzten Biennale, direkt von der Wand, angeblich für 15 Millionen Euro. Von Heroen des Zeitgeistes besitzt er dagegen nicht eins, sondern ein Dutzend Werke, etwa von Jeff Koons. Teilweise erworben im harten Bietkampf gegen ebenso reiche Konkurrenten, etwa Scheich Saud al-Thani aus Katar.

Pinault gehören die Modemarke Yves Saint-Laurent, die Mediamarktkette Fnac, der Fußballclub Stade Rennais und die Sportmarke Puma. Geldgeschichte aber schrieb er, als der "Weiße Ritter" das bedrängte Modelabel Gucci vor einer feindlichen Übernahme seinem französischen Sammler-Konkurrenten Bernard Arnault, dem Besitzer von Louis Vuitton, wegschnappte.

Auch in der Kunst kauft Pinault vor allem, was andere auch wollen, aber nicht können. Möglichst früher, oft teurer, manchmal gerissener. Grundsätzlich entdeckt Pinault nicht, er investiert.

Legendär sein Trick, sich am Vortag der Eröffnung als Handwerker verkleidet in die Art Basel zu schleichen.

Offiziell sammelt der 1936 im bretonischen Champs-Géraux als Sohn eines Holzhändlers geborene Milliardär schon seit Anfang der siebziger Jahre, als er eine ländliche Idylle mit Gänseliesel von Paul Sérusier erwarb, einem Mitbegründer der Schule von Pont-Aven in der Bretagne. "Das Bild habe ich gekauft, weil ich ebenfalls aus diesem Winkel kam, aber auch, weil ich es schön fand." Er, der mit 16 die Schule verließ und nach eigener Aussage vor seinem 30. Lebensjahr kein Museum von innen gesehen hatte, hat den Sérusier bis heute behalten. Ein ungewöhnlich sentimentales Souvenir für einen Selfmademan, der alle Konkurrenten aufkaufte und von sich selbst behauptet: "Ich blicke nicht gern zurück." Sein Vermögen machte er Anfang der siebziger Jahre, als er unter anderem erfolgreich mit Zucker spekulierte.

Aber einsehen musste, dass es auf dem Kunstmarkt kaum mehr erstklassige Bilder aus der Epoche Sérusiers gab. Zweitklassiges kam nicht in Frage, weshalb er in den nächsten Jahren nicht Kunst, sondern Unternehmen in finanzieller Schieflage erwarb, sanierte und weiter verkaufte; ein Finanzjongleur, der Geschäftspartnern auch schon mal Entschädigung zahlen musste, wenn Bilanzen sich als frisiert herausstellten.

Den Grundstein seiner Sammlung bildete ein Mondrian, den er 1990 für rund acht Millionen Dollar in New York erwarb. Pinault spielt gern auf Risiko. "Geschäftsleute sind wie Jagdhunde", hat er einmal gesagt, "wenn sie zu viel in Salons rumhängen, verlieren sie die Witterung. Ich bin nicht in Salons aufgewachsen." Nicht zufällig witterte er Kunstaroma, als der Markt ab sackte und man preiswert auf dem Wiederverkaufsmarkt und in Konkursmassen bankrotter Galerien wildern konnte. Pinault stellte einen ehemaligen Sotheby's-Auktionator als Berater ein, der in New York fündig wurde:

Von Robert Ryman, Brice Marden oder Donald Judd wurden jeweils sechs bis zehn Arbeiten erworben, dann durfte Bildhauer Richard Serra im Park von Pinaults Schloss Château La Mormaire bei Rambouillet ein ganzes Ensemble aufbauen. Hinter einer "Sitzenden Badenden" von Picasso und dem "Aufrechten Mann" von Joan Miró.

Nach Minimal Art und sperriger Konzeptkunst setzte Pinault ab der zweiten Hälfte der neunziger Jahre auf spektakuläre Gegenwartskunst. Seitdem kauft er die hintersinnigen Provokationen des italienischen Enfant terrible Maurizio Cattelan oder die sexuell aufgeladenen Installationen des Kaliforniers Paul McCarthy. Daneben investiert er in jungen Neopop, der schnelle Wertsteigerung mit attraktiver Erscheinung koppelt, etwa Anselm Reyle, Urs Fischer, Rudolf Stingel, Roberto Cuoghi oder den Inder Subodh Gupta. Und scheut sich nicht, angeblich kunstgeschichtliche Ausstellungen zu organisieren, die vor allem die eigenen Künstler puschen, etwa im Herbst 2008 "Italics" über die italienische Kunst der letzten 40 Jahre.

Andererseits hat Pinault nie versucht, seine Künstler zur Aufwertung seiner Unternehmen einzuspannen.

Auch schert sich der alle mondänen Empfänge meidende Bretone, der inzwischen die Geschäfte an seinen Sohn François-Henri übergeben hat, nicht um die nationale Szene und Paris. Lieber schickt er Ausstellungen in die Provinz, vor zwei Jahren nach Lille oder diesen Sommer ins heimische Dinard, wo er sich gleichzeitig die historische Villa Solidor zum Feriendomizil umbauen lässt. Als sein Plan eines Privatmuseums auf der Pariser Seine-Insel Seguin 2005 am Starrsinn von Lokalpolitikern scheiterte, wanderte Pinault augenblicklich und ohne zu zögern ins steuerfreundliche Ausland ab.

Pinault ließ sich nieder, wo er keine Konkurrenz fürchten musste, denn Venedig und die Fiat-Familie steckten in der Krise. Kurzentschlossen erwarb er 80 Prozent des Palazzo Grassi von den Agnellis. Er düpierte das gesamte französische Establishment und setzte noch einen drauf, indem er den ehemaligen Kulturminister Jean-Jacques Aillagon und eine kuratorische Hoffnungsträgerin des Centre Pompidou, die Amerikanerin Alison Gingeras, 36, für Venedig anheuerte.

Mit großem Pomp feierte Pinaults Palazzo Grassi 2006 Eröffnung: 200 Werke, Koons rotes Stahlherz direkt am Canal Grande, 160 Privatjets und Dinner- Gäste, die 1000 Flaschen Bordeaux aus dem Gut Château Latour tranken, das natürlich Pinault gehört. Pinaults Venedig der Gegenwartskunst feierte eine rauschende Geburt. Doch dann kamen im ersten Kunstsommer gerade mal 1100 zahlende Besucher in den Palazzo Grassi - eine für den erfolgsverwöhnten Pinault enttäuschende Bilanz.

Was tun? Der für seine Starr köpfigkeit bekannte Milliardär entschied sich für die Flucht nach vorn und investierte jetzt noch einmal 25 Millionen Euro in den Umbau der Puntadella Dogana.

Ob das reichen wird, um die in musealer Würde erstarrte Serenissima wieder zu einem lebendigen Treffpunkt der Kunstszene zu machen?

Bildunterschrift:

Palazzo Grassi, 2008 zur Eröffnung der "Italics"-Schau

Venezianisches Filetstück: Punta della Dogana vor dem Umbau

François Pinault bei der Eröffnung des Palazzo Grassi, 2006, in der Tropfeninstallation "Vintage Violence" von Urs Fischer

"Pinault ist ein Marco Polo der Neuzeit, der in die gesamte Vermarktungskette der Ware Kunst investiert"

Elefanten, Luftballons und der Künstler als Marmorfigur: Werke von Jeff Koons in Pinaults Eröffnungsausstellung "Where are we going?" 2006 im Palazzo Grassi

Zu Pinaults favorisierten Gegenwartskünstlern gehört auch Rudolf Stingel, dessen Installation ohne Titel von 2001 er im Palazzo Grassi zeigte

"Geschäftsleute sind wie Jagdhunde, wenn sie zu viel in Salons rumhängen, verlieren sie ihre Witterung"

Kunst-Doge von Venedig: François Pinault, 2007, vor der Punta della Dogana, seinem neuesten Projekt, das er für 25 Millionen Euro in ein Museum umbauen ließ

Blick in die restaurierte Dogana: Der japanische Architekt Tadao Ando zog Zwischenwände ein und setzte den historischen Mauern ein modernes Glasdach auf