Ausgabe: 06 / 2009
Seite: 42-45
Der Wiederholungstäter
Von Claudia Bodin
USA
Der US-Künstler Bruce Nauman gilt als einflussreicher Pionier der Video- und Performancekunst. Auf der Biennale in Venedig war er bereits fünfmal vertreten. Jetzt bespielt er erstmals den amerikanischen Pavillon - mit Licht und Sound im "topologischen Garten"
Wer Bruce Nauman verstehen will, sucht sich am besten eine Telefonzelle.
Wenn der Künstler über seine Arbeit spricht - was er nicht besonders schätzt -, dann sucht er gern diesen Vergleich. Abgeschirmt von der Außenwelt durchlebt der Anrufer einen privaten Moment, der im gleichen Atemzug von der Öffentlichkeit geteilt wird - schutzlos wie der Zierfisch im Wasserglas.
Mit dem Spannungsfeld zwischen privatem Gedankengut und öffentlicher Zurschaustellung setzt sich der in zwischen 67-jährige Künstler seit Beginn seiner Karriere in den sechziger Jahren auseinander. In Arbeiten, die von gedruckten Wortspielen, Neonskulpturen, Performances und Körperexperimenten zu Installationen, beklemmenden Environments und Filmen reichen, versucht Nauman zu ergründen, warum Menschen nicht miteinander kommunizieren können und sich gegenseitig Gewalt antun. Viele seiner Werke sind so persönlich, als würde man den Künstler bei der Psychoanalyse begleiten. Zum Beispiel die Ausstellung "Raw Materials", bei der Nauman die gigantische Turbinenhalle der Tate Modern mit Stimmen füllte. Oder seine verstörenden Clowns und Neonfiguren, die von Sex, Macht und Aggressionen erzählen. Oder seine einengenden Korridore, in die er die Besucher zwängt ("Green Light Corridor", 1970).
Robert Storr, Leiter der letzten Biennale, verglich die Arbeiten des Amerikaners mit quälenden Gedanken, die einem in der Nacht den Schlaf rauben. Der scheue, sanft wirkende Nauman selbst glaubt, dass seine Kunst den Betrachter unvorbereitet wie ein Hieb mit dem Baseballschläger erwischen soll. Und so ist es verständlich, dass sein Auftritt in Venedig mit Spannung erwartet wird. Unter dem Titel "Topological Gardens" werden 30 Arbeiten gezeigt. Sie umspannen Naumans künstlerische Laufbahn und sind durch die drei thematischen Fäden "Heads to Hands" im US-Pavillon, "Foun tains to Neon" und "Sound to Space" mit Licht- und Klanginstallationen, darunter eine neue Arbeit, miteinander verbunden. Letztere Ausstellungsteile finden in den Räumen von zwei Universitäten Venedigs statt.
Der Titel der Werkschau bezieht sich auf die mathematische Wissenschaft der Topologie, die Nauman studiert hat und die sich mit der Kontinuität von Raum unter sich ändernden Bedingungen beschäftigt, also der Austauschbarkeit von Innen- und Außenraum.
"Auch Venedig trägt diese Logik in sich. Wer sich an Stadtpläne hält, verliert sich meist, weil man die Stadt von innen erfahren muss", meint Kurator Carlos Basualdo vom Philadelphia Museum of Art. Er hat Naumans Biennale-Beitrag gemeinsam mit einem Kollegen konzipiert.
Dass die Ausstellung inhaltlich zusammengehalten wird, hat bei einem Wiederholungstäter wie Nauman Sinn.
"Sein Werk bewegt sich in einer Spirale", so Basualdo.
Motive wie Köpfe, Hände oder Quellen tauchen immer wieder auf.
Seine Figuren, darunter auch der Künstler selbst, fristen ihr Dasein in Endlosschleifen mit der deprimierenden Wiederkehr des immer Gleichen.
"Nicht zu wissen, was kommt oder was Kunst sein soll oder wie man als Künstler zu Werke gehen soll, lässt es interessant bleiben", sagt Nauman über seine Arbeit. In jungen Jahren ließ er sich von Künstlern wie Man Ray und Marcel Duchamp, aber auch von John Cage, Samuel Beckett und besonders dem Philosophen Ludwig Wittgenstein beeinflussen. "Es geht darum, im Atelier herauszufinden, was verfügbar ist und was nicht. Es ist beinahe wie ein philosophisches Streben." Basualdo musste Nauman ein ausgefeiltes Konzept samt Checkliste mit Arbeiten für die Ausstellung vorlegen, bevor sich der Künstler überhaupt ein erstes Mal mit ihm traf. "In Zeiten von aufgeblähten Ateliers arbeitet Bruce Nauman mit einem einzigen Assistenten, der ihm einmal in der Woche hilft", erzählt Basualdo. "Er ist sehr bedacht in allem, was der tut." Seit den späten siebziger Jahren lebt der in Indiana geborene Nauman gemeinsam mit seiner Frau, der Malerin Susan Rothenberg, auf einer Ranch in New Mexico. In seinem Atelier sieht es aus wie auf einem Trödelmarkt. "In einem sauberen, aufgeräumten Studio fühle ich mich sehr unwohl", sagt Nauman.
Bevor er sich der Kunst zuwandte, studierte er Mathematik, Physik und Musik in Wisconsin und später in Kalifornien.
1964, noch bevor er sein Studium abgeschlossen hatte, entschied sich der junge Student dazu, die Malerei aufzugeben. Er wollte ergründen, wie weit er den Begriff Kunst ausdehnen und sich mit Kunst selbst erforschen konnte. Landschaften zu malen genügte da nicht. Nauman pflegte enge Kontakte zu Avantgarde-Musikern, Tänzern und Komponisten und interessierte sich für verschiedene Psychotherapien.
1966 schaute der Kunsthändler Nicholas Wilder in der Schule vor bei und bot dem Studenten eine Ausstellung in Los Angeles an. 1968 zeigte Nauman Arbeiten bei Leo Castelli in New York und der Galerist Konrad Fischer holte ihn auf Vermittlung von Kasper König zu seiner ersten Europaschau nach Düsseldorf. Zur Eröffnung, so erinnert sich Nauman gern, kamen nur zwei Touristen und Gerhard Richter. Noch im selben Jahr nahm Nauman an der Documenta 4 teil, bald darauf hatte er seine erste Performance im Museum of Modern Art in New York.
Er gilt als Pionier der Video- und Performance-Kunst. Sein Einfluss auf Künstler wie Jenny Holzer, Kiki Smith, Mike Kelley oder Matthew Barney ist enorm. Europäische Institutionen und Sammler zählten zu den frühen Anhängern des kontroversen Künstlers, dem es über all die Jahre gelang, sich keiner Stilrichtung zu unterwerfen, sperrig und dabei erfolgreich zu sein.
Der vierteilige Film "Mapping the Studio II (Fat Chance John Cage)" von 2001, bei dem er mit der Infrarotkamera das nächtliche Treiben von Katzen und Mäusen in seinem Atelier ein fing, ging für jeweils 1,2 Millionen Dollar an die Tate Modern, das Centre Pompidou und an das Kunstmuseum Basel. Den Rekord hält die Skulptur "Henry Moore Bound to Fail" von 1967, die 2001 für 9,9 Millionen Dollar von François Pinault ersteigert wurde.
Es handelt sich um einen Wachs- und Gipsabruck von Naumans Armen - sie sind ihm hinter dem Rücken zusammen gebunden.
Außerhalb der nationalen Pavillons hat Bruce Nauman seit 1978 bereits fünf Mal auf der Biennale in Venedig ausgestellt. Vor zehn Jahren wurde er neben Louise Bourgeois mit dem Goldenen Löwen für das Lebenswerk aus gezeichnet. Er zeigte damals eine Arbeit, bei der er sein Gesicht mit eigener Hand misshandelt. Dass er Pessimist oder vielleicht sogar ein leidenschaftlicher Zyniker sei, streitet der Künstler ab. Seine Erklärung ist so simpel wie einleuchtend: Wer keine Hoffnung hat, arbeitet nicht, behauptet Nauman.
Bildunterschrift:
Kreise wie die "Smoke rings (Model for Underground Tunnels)" von 1979 sind wiederkehrende Motive in Naumans Werk
Bruce Nauman auf den Stufen des US-amerikanischen Pavillons
Körperexperimente: Zwei Tänzer rollen für Naumans Performance ohne Titel (1970/2009) in kreisförmiger Bewegung über eine Matte
Aufforderungen zum Denken: Neonskulptur "The True Artist Helps the World by Revealing Mystic Truths" von 1967 (links) und Videoarbeit "Think" (1993)
Zu Naumans erster Ausstellung in Europa, 1968 in Düsseldorf, kamen nur zwei Touristen - und Gerhard Richter
