Ausgabe: 06 / 2009
Seite: 38-41

Kunst, die aus der Kälte kam

Von Gerhard Mack

SCHWEIZ

Mit ihren stillen, rhythmischen Zeichnungen bringt Silvia Bächli ganze Räume zum Schwingen. Jetzt hat die Schweizer Künstlerin ihren großen Auftritt auf der Biennale in Venedig - und zeigt dort nicht mediterrane Impressionen, sondern konzentrierte Bilder aus Island

Die Überraschung war perfekt.

Die Staatliche Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe hatte Silvia Bächli ein Freisemester gewährt, Frühling war angesagt und mit ihm der kurze Rausch des aufblühenden Lebens am Polarkreis.

Als die Künstlerin dann im März letzten Jahres in dem Haus ankam, das Freunde ihr zur Verfügung stellten, versank Island im Schnee. "Am Ende des Wegs war eine Fischfabrik, ich konnte wochenlang nirgends sonst hingehen", erinnert sich die Künstlerin.

Sie hat die Einsamkeit solcher Häuser fotografiert, die windschief in der Landschaft stehen mit ihren Wellblechdächern und abgeblätterten Farben.

Die Zeichnerin, die jetzt auf der Biennale in Venedig den Schweizer Pavillon bespielt, ließ sich in ihrem isländischen Domizil nieder. Wenn die Welt draußen im Weiß versank, gab es noch die Bilder im Innern. Der Ort war überdies künstlerisch imprägniert. Man denkt bei Island vielleicht auch an Roni Horn (art 3/2009). Wichtiger für Silvia Bächli sind jedoch andere Künstler.

Dieter Roth hat hier gewohnt, Roman Signer kommt regelmäßig hierher, Tumi Magnússon ist ein Freund, der immer wieder von seiner Professur in Kopenhagen zurückkehrt. Silvia Bächli schätzt Agnes Martin und Eva Hesse und hält gleichwohl Distanz. Verbandelungen waren noch nie ihre Sache, auch wenn die 1956 bei Baden zwischen Basel und Zürich geborene Künstlerin schon während der achtziger Jahre von Jean-Christophe Ammann gefördert wurde.

120 Kilogramm Papier hatte sie nach Island mitgebracht. Sie prüfte wie stets Gouache und Pinsel, begann mit einem Strich, fügte einen weiteren hinzu und begab sich in das Spiel aus Setzung und Reaktion, aus vorbewusstem Impuls und schneller Reflexion, das ihr Zeichnen bestimmt. Die äußere legte sich neben die innere Welt.

Beine und Arme, ganze Körper und Dinge drängten aufs Papier. Dann wieder waren es Bündel von Linien, die wie schimmernde Quasten eines Teppichs in die Fläche hingen. Wenn das Blatt vor ihr lag, genügte die Motorik des Arms; bei den bis zu zwei Meter großen Formaten, die sie auf den Boden legte, musste der ganze Körper in die Bewegung mit einschwingen.

Mal kreuzen sich die Linien in einem ungefähren Schnittpunkt, dann wiederum überlagern sie sich wie die Metallgeflechte feiner Gitter, oder sie laufen fast parallel nebeneinander her.

Als sie 1999 mit ihnen angefangen hat, verbanden sie in der Werkgruppe "Floréal" noch in der Art von Pflanzenstengeln einzelne Blütenpunkte auf dem Blatt.

Hunderte von Zeichnungen und über 1000 Fotografien sind in den vier Monaten in Island entstanden. Eine Auswahl ist im Basler Atelier auf zwei Wänden angeordnet. In dem Hinterhofgebäude wurden einst Ferraris getunt.

Jetzt bestimmen Ruhe und Konzentration den hellen Raum. Die Sequenz der Blätter fängt mit einem kleinen Format an, bald meint man ein Gesicht, bald eine Landschaft oder eine zur Chiffre reduzierte Abstraktion zu erkennen. Bewegungen tauchen auf, ein großes Blatt zeigt einen Wirbel aus Linien, auf zwei Landschaftsfotos daneben stürzt der Blick in eine Klamm und jagt jäh wieder nach oben in den Himmel. Am Ende, nach einer langen Strecke weißer Wand, scheint eine Figur zu liegen. Ein Ruhepunkt ist markiert. Die Suite gehört zu den Werken, die die Zeichnerin in Venedig zeigen wird.

Die lineare Anordnung überrascht.

Denn seit ihrer Ausstellung in der Kunsthalle Bern 1996 gilt die Anordnung von Zeichnungen zu fixen Clustern auf der Wand als Silvia Bächlis Markenzeichen. Das einzelne Blatt kommt bei ihr durchaus vor, seine Bedeutung wird durch die Nachbarschaft mit anderen aber potenziert und führt, wie eine Partitur, zu einem sinfonischen Klang. Andere Zeichnungen fügt sie in Tischkästen zu temporären thematischen Gruppen; so unterschiedliche Aspekte wie Körperteile, Kleidungsstücke oder Stricharten liefern die Kategorien.

Dabei wird das Zeichnen zur Suche nach einer Sprache, die einzelnen Papiere sind wie Wörter und Teile von Sätzen. Sie nutzen den Rhythmus und Klang der Anordnung. Die Cluster meint man in den Partituren von John Cage ähnlich gesehen zu haben. In beiden Werken kommt den Zwischenräumen, der Stille dieselbe Bedeutung zu wie den tragenden Elementen der Komposition.

Beide begreifen Raum als ein Kontinuum, das weit über das zeichnerische Blatt oder das Notat der Noten hinausreicht.

Vor allem aber ist da eine Offenheit gegenüber der Unfassbarkeit des Lebens. Silvia Bächli nimmt eine Fotokopie von der Wand. "Das. Das war es. Jetzt hat es begonnen. Es ist. Es währt fort. Bewegt sich. Weiter. Wird." Sie beginnt zu schmunzeln, weil sie weiß, dass hier fast niemand diese Autorin kennt. Die im Januar gestorbene dänische Schriftstellerin Inger Christensen zählt schon lange zu ihren Lieblingsautorinnen. Wort für Wort er schreibt sie in ihrem Epos "Det" ("Das") eine Welt, die zunächst aus nichts anderem besteht als aus dieser Bewegung in den leeren Raum des Blattes und doch unser Herantasten an unsere Zukunft bedeutet. Nichts anderes tut Silvia Bächli, wenn sie mit dem Pinsel den Impulsen von Denken und Fühlen auf der Spur ist und beobachtet, wie ihr Körper sich bewegt.

Das bedarf keiner lauten Töne. "Zeichnen heißt Weglassen: Eine Winterlandschaft mit Schnee", sagt die Künstlerin.

Weil dann das Licht in den Kristallen und der Rhythmus des Atems wahrnehmbar werden. So wie in der eingeschneiten Hütte im letzten Frühling auf Island.

Bildunterschrift:

"Es währt fort. Bewegt sich. Weiter": In dem verschneiten Haus von Freunden verbrachte Silvia Bächli 2008 vier Monate in Island

"Zeichnen heißt Weglassen": Silvia Bächli in ihrem Atelier (Foto:

Doris Fanconi)

Bei Bächli wird das Zeichnen zur Suche nach einer Sprache, die einzelnen Papiere sind wie Wörter und Teile von Sätzen

Spiel aus Setzung und Reaktion: Blick in Silvia Bächlis Atelier in Basel während der Vorbereitung zu ihrer Ausstellung für die Biennale in Venedig

Zur Chiffre reduzierte Figur: Gouache ohne Titel Zwischenräume als tragende Elemente der Komposition: Bächli präsentiert ihre Zeichnungen (2008, 44 x 31 cm) aus Bächlis Island-Zyklus wie hier im Atelier gern auf Tischen liegend und in thematischen Gruppen