Ausgabe: 06 / 2009
Seite: 50-51
Überleben in Venedig: Wohin zur Biennale?
Von Ute Diehl
Für den Kunsttrip in eine der unübersichtlichsten Städte Europas braucht man einen Stadtplan, gute Nerven - und diesen Kurzführer von art-Korrespondentin
DAS ZENTRUM Der Schriftzug "Italia" am Haupthaus der Biennale in den Giardini (siehe Übersichtsplan auf Seite 49) sorgte seit Jahren für Verwirrung: Man vermutete hier den italienischen Pavillon, fand aber statt dessen im Inneren internationale Großausstellungen.
Der Grund: Harald Szeemann hatte 1999 den italienischen Pavillon für seine Schau annektiert, und so war Italien ohne Bühne für nationale Selbstdarstellung geblieben. Auf der vergangenen Biennale gab es im Gelände des Arsenale zum ersten Mal wieder einen italienischen Länderpavillon. Er wurde jetzt von 800 auf 1800 Quadratmeter vergrößert und heißt "Padiglione Italia".
Damit wird fast der ganze letzte Abschnitt des Arsenale zwischen den so genannten "Gaggiandre" und dem Grüngelände "Giardino delle Vergini" von der italienischen Kunst bespielt. Früher musste man den ganzen Weg durch das Arsenale zurückgehen oder ein Boot nehmen. Jetzt verbindet eine neue Brücke den Garten "Delle Vergini" mit der Stadt. Das Arsenale- Gelände verfügt nun also über zwei Ein- und Ausgänge.
In den Giardini wurde das Haupthaus, also der alte italienische Pavillon, in "Palazzo delle Esposizioni" umbenannt und soll ganzjährig geöffnet bleiben. Hier ist jetzt auch die Bibliothek des Historischen Archivs Zeitgenössi scher Kunst (ASAC) untergebracht und nach zehnjähriger Wartezeit wieder der Öffentlichkeit zugänglich. Die Café-Bar wird nach den Entwürfen von Tobias Rehberger vollkommen umgestaltet. Den Buchladen entwarf Rirkrit Tiravanija. Die große zentrale Ausstellung "Weltenmachen" des Biennaleleiters Daniel Birnbaum wird in den restlichen Räumen des Palazzo delle Esposizioni und im Arsenale gezeigt.
Mehr als 90 Künstler nehmen daran teil.
Die Verwaltung der Biennale hat wieder ihren Sitz im restaurierten Palazzo Giustinian, wenige Schritte von San Marco entfernt.
Hier soll neben den Büros auch ein leben diges Kulturzentrum entstehen.
LÄNDERAUFTRITTE Insgesamt 77 Nationen sind auf der 53.
Kunstbiennale vertreten. Wer keinen eigenen Pavillon in den Giardini hat, zeigt sich im Arsenale oder an anderen Orten in der Stadt. Im Arsenale treten unter anderem auf: Chile, China, die Türkei und erstmals die Vereinigten Arabi schen Emirate.
Weitere Ausstellungsorte: Argentinien (Buchhandlung Mondadori, San Marco 1345); Armenien (Palazzo Zenobio, Dorsoduro 2596); Iran (Palazzo Malipiero, San Marco 3079); Island (Palazzo Michiel dal Brusà, Cannareggio 4391/A, SS. Apostoli); Ukraine (Palazzo Papadopoli, San Polo 1364); Zentralasien (Palazzo Molin, Fondamenta delle Zattere); Gabun (Telecom Italia Future Centre, San Marco 4826)
BEGLEITPROGRAMM Zur Biennale von Venedig gehört auch 2009 ein großes Begleitprogramm.
Insgesamt 38 dieser "Eventi Collaterali" finden statt. Das komplette Programm unter www.labiennale.org/it/arte/ mostra/it/76894.
Die Stiftung für Zeitgenössische Kunst "Mudima" zeigt eine Ausstellung des italienischen Malers Alessandro Verdi (Campo della Tana, Castello 2126, 7.6.-22.11.).
Das russische Künstlerduo Vladimir Dubossarsky und Alexander Vinogradov baut eine Installation mit dem Titel "Danger! Museum" im Palazzo Bollani (Castello 3647, 4.6.-22.11.).
Deformationen und grotesken Elementen in der Kunst widmet sich der Arts Council England in der Fondazione Gervasuti (Via Garibaldi, Fondamenta Sant' Anna, Castello, 7.6.-22.11.).
Zeitgenössische Kunst aus Afghanistan, Pakistan und Iran wird in der Scuola Grande della Misericordia präsentiert (Fondamenta della Misericordia), 3.6.-22.11.).
Der Arts Council of Wales hat bei dem walisischen Artrock-Künstler John Cale eine audio-visuelle Arbeit in Auftrag gegeben (Ex-birreria, Giudecca, 7.6.-22.11.).
Neue Arbeiten der palästinensischen Künstler Shadi Habib Allah, Sandi Hilal & Alessandro Petti, Emily Jacir, Jawad Al Malhi & Khalil Rabah werden im Convento dei Santi Cosma e Damiano ausgestellt (Campo S. Cosmo, Giudecca Palanca 619, 7.6.-30.9.).
Unter dem Titel "Sarajevo: Rebuilding a World/Future Post History" ist Kunst aus Sarajevo im Ca' Pesaro und Ca' Farsetti ausgestellt (Isola di San Servolo, 7.6.-22.11.).
Auf der Isola di San Servolo hat auch die "Venice International University" zusammen mit dem Museum of Contemporary Art Shanghai unter dem Titel "A Gift to Marco Polo" eine Ausstellung zeitgenössischer chinesischer Kunst eingerichtet (3.6.-22.11).
In Verona zeigt der englische Künstler Marc Quinn unter anderem die "Siren" genannte Figur aus Massivgold in der "Casa di Giulietta" (Via Cappello 23, 22.5.-27.9.).
MUSEEN Wer nach all der aktuellen Kunst gesicherte Werte sucht, findet in den Museen ein reiches Alternativangebot.
Die Gallerie dell' Accademia, das größte Museum für venezianische Kunst, hat ihre Ausstellungsfläche verdoppelt. Bei den Umbauarbeiten kam im Innenhof eine Fassade des Renaissancearchitekten Andrea Palladio zum Vorschein (Campo della Carità, Dorsoduro 1050).
Nach 27 Jahren kann endlich wieder der legendäre Palazzo Grimani besichtigt werden. Der Bau bewahrt eine prachtvolle Innenausstattung aus der Renaissance.
Wieder heimgekehrt sind vier Bildtafeln von Hieronymus Bosch (Santa Maria Formosa, Castello 4858. Der Eintritt kann nur auf der offiziellen Internetseite des Palazzo Grimani gebucht werden, www.palazzogrimani.org).
Eine wunderbare Überraschung ist das neue Museum der Fondazione Vedova.
Der Architekt Renzo Piano hat für Emilio Vedova (1919 bis 2006), den venezianischen Maler des abstrakten Expressionismus, eine Lagerhalle aus dem 14.
Jahrhundert, umgebaut (Magazzini del Sale, Fondamen ta delle Zattere, Tel. (00 39) 4 15 22 66 26).
Im Museo Fortuny breitet der belgische Kunstsammler und Antiquitätenhändler Axel Vervoordt unter dem Titel "In-Finitum" seine Schätze aus, darunter Werke von Pierre Bonnard, Michael Borremans, Paul Cézanne, Brice Marden und Gerhard Richter. (San Marco 3780, 6.6.- 15.11., www.museiciviciveneziani.it). Die Fondazione Prada zeigt auf der Insel San Giorgio Maggiore in der Fondazione Giorgio Cini über 150 Arbeiten aus Privatsammlungen und internationalen Museen des amerikanischen Künstlers John Wesley (*1928) (6. Juni bis Oktober, www.fondazioneprada.org).
Die japanische Künstlerin Yoko Ono, 76, wird dieses Jahr in Venedig auf der Biennale für ihr Lebenswerk mit dem Goldenen Löwen geehrt. Sie zeigt in der Fondazione Bevilacqua La Masa unter dem Titel "Anton's Memory" neue und ältere Filme, Skulpturen, Zeichnungen und Installationen (Palazzetto Tito, Dorsoduro, 28.5.-20.9., www.bevilacqualamasa.it).
Im Museo Correr läuft die Schau "Futurismo100:
Astrazioni" zum 100. Jahrestag der Veröffentlichung des Futuristischen Manifests (Piazza San Marco, 4.9.-13.12., www.museiciviciveneziani.it).
Die Peggy Guggenheim Collection stellt rund 40 "Gluts" von Robert Rauschenberg aus - selten gezeigte Objekte aus einzelnen gefundenen Metallobjekten, entstanden zwischen 1986 und 1995 (Dorsoduro 701, 30.5.-20.9., www.guggenheim-venice.it).
Bildunterschrift:
Neu im "Palazzo delle Esposizioni": der Buchladen von Tiravanija (oben) und die Café- Bar von Tobias Rehberger (Simulationen)
Neue Architektur-Attraktion: Brücke über den Canal Grande von Santiago Calatrava
Der restaurierte Palazzo Giustinian beherbergt wieder die Verwaltung der Biennale
Detail aus dem restaurierten Palazzo Grimani
